Fleischfabriken: Eine Orgie der Heuchelei

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Foto: Von David Tadevosian/Shutterstock

Die große Aufregung um die deutschen Fleischfabriken, unter deren Beschäftigten der Corona-Virus kursiert, ist Heuchelei pur. Denn sowohl die Fleischfabriken selbst wie auch die verheerenden Arbeits- und Wohnbedingungen ihrer größtenteils importierten Beschäftigten sind ein Skandal, der den verantwortlichen Politikern wie den Verbrauchern längst bekannt ist, aber noch stets ohne Folgen blieb. Wenn jetzt Vertreter von CDU und SPD die Zustände in diesen Massenschlächtereien als unzumutbar und schrecklich bezeichnen, ist das mal wieder Populismus der miesesten Art.

Von Wolfgang Hübner

Denn auch ganz ohne den Virus sind Fabriken, in denen tagtäglich – wie im Tönnies-Werk in Nordrhein-Westfalen – 30.000 Schweine getötet und verarbeitet werden, Orte des Grauens. Wer selbst einmal, wie der Verfasser dieses Textes, einen Tag im Schlachthof verbracht hat, weiß nur zu gut, wovon er schreibt. Es geht dabei nicht darum, das Schlachten und den Verzehr von Tieren grundsätzlich zu ächten, wie das zum Beispiel die Grünen und radikale Vegetarier propagieren. Aber die industrielle Massentötung von solch intelligenten, leidenden Tieren wie Schweinen ist nicht nur eine Sünde an Lebewesen, sondern auch an denen, die diese Arbeit verrichten.

In den deutschen Fleischfabriken sind das hauptsächlich Rumänen und Bulgaren, also billigste Arbeitskräfte aus den armen EU-Staaten. Deshalb sind die Missstände in den Fleischfabriken auch ein EU-Skandal, der dem wichtigsten Dogma der EU geschuldet ist, nämlich dem heiligen freien Arbeitsmarkt. Ohne diesen in Wirklichkeit sehr unfreien Arbeitsmarkt könnte es die gigantische Fleischindustrie in Deutschland überhaupt nicht geben. Denn es gibt zwar viele Deutsche, die nach möglichst billigem Fleisch verlangen, sicher auch aus Einkommensgründen, aber kaum Deutsche, die in solchen Fabriken arbeiten wollen, zumal auch noch zu Niedrigstlöhnen.

Nicht nur unter Politikern, sondern auch in der Bevölkerung ist deshalb Heuchelei bei diesem Thema verbreitet. In Umfragen sind zwar viele Menschen empört über die Zustände in den Fleischfabriken und geben sich bereit, mehr Geld für dieses Nahrungsmittel auszugeben. Tatsächlich aber kaufen die meisten dann doch in den Supermärkten die Billigprodukte, die zudem auch noch schädlich für die Gesundheit sind.

Wie absurd und krank das ganze System ist, lässt sich am Beispiel Rumänien zeigen: Rumänische Arbeitskräfte sind in den deutschen Fleischfabriken sehr zahlreich vertreten, weil sie aus materieller Not die schlechten Arbeitsbedingungen akzeptieren. Doch das Agrarland Rumänien importiert laut einem Bericht der FAZ fast viermal mehr Fleisch, wie es exportiert. Der deutsche Marktführer Tönnies hingegen exportiert etwa die Hälfte seiner Produktion, sicher auch nach Rumänien, derzeit vor allem nach China.

Die Aufregung in der Politik und den Medien dürfte sich bald wieder legen, denn zu viele in Deutschland profitieren von den schrecklichen Zuständen in den Fleischfabriken. Es wäre aber ein erster Schritt zur Änderung dieser Situation, wenn mehr Menschen ihren Fleisch- und Wurstkonsum reduzieren würden. Das wird auch das Gesundheitssystem entlasten sowie vielen Tieren ein qualvolles Ende nach qualvoller Aufzucht ersparen. Viel schneller jedoch könnten politische Maßnahmen und Auflagen die Geschäftsgrundlage in den Fleischfabriken ändern. Dazu bedürfte es allerdings realer Taten, nicht billiger Heuchelei.

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