Corona-Warn-App: Zahlreiche Downloads – doch nur für die Elite und auf Kosten gesunder Steuerzahler

0
Face-Up der neuen Corona-App (Foto:Imago)

Kaum ist die lange erwartete Corona-App gestartet, so häufen sich schon die Probleme – und die Zweifel, welchen praktischen Nutzen sie am Ende überhaupt hat. Und dass nur Smartphones der neueren Generation überhaupt mit der Technik kompatibel sind, grenzt gerade die vor allem von Corona betroffenen Risikogruppen aus: Alte sind überfordert, und sozial Schwache können sich keine neuen Handys leisten. Dies sind nur einige Kritikpunkte an einem auf Kosten des Steuerzahlers entwickelten Projekts, das maximales Potenzial zum Rohrkrepierer hat.

Angesichts der von allen Seiten erhobenen Einwände und Beschwerden über Schwächen und Defizite der am Dienstag eingeführten Corona-Warn-App stellt sich bereits jetzt die Frage: Was haben eigentlich Robert-Koch-Institut (RKI), involvierte Behörden und Gesundheitsministerium in den letzten Wochen getrieben? Wieso wurde auf drängende Fragen keine Antwort gefunden? Und vor allem: Wurden etwa keine Testläufe unternommen (für die die Zeit doch massig ausgereicht haben müsste – so viel später, wie die App hierzulande im Vergleich zum Ausland erst an den Start ging)?

So erhebt sich heute, kurz nach dem Roll-Out, von Seiten der Gesundheitsämter großes Wehklagen: Die App bringe eine erhebliche Mehrbelastung; gleich am ersten Tag hätten allein in der Hotline des Berliner Gesundheitsamts 434 Menschen angerufen, die Probleme mit der App hatten, sagte Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärzte und Ärztinnen im öffentlichen Gesundheitsdienst, laut „dts Nachrichtenagentur“. Die Mitarbeiter des Berliner Gesundheitsamtes klagte sich lauthals, diese Beschwerdeflut sprenge alle bisher gekannten Dimensionen: „Die Leute kommen mit der App nicht klar und sie kommen auch nicht klar mit der Telefonnummer, die da angegeben ist“, so Teichert. Beispielsweise sei die Hotline-Nummer der App viel zu kompliziert, was zu diversen Nachfragen führe: „Die Menschen rufen dann eben bei der Corona-Hotline an und bei den Gesundheitsämtern“, so Teichert. Das sei der vertraute Weg, den die Bürger kennen.

Doch auch technische Probleme tun sich auf: Die App weist zahlreiche Gebrauchshürden auf. Vor allem ältere Menschen – die digitale System sonst nicht nutzten, aber als Hauptbetroffene möglicher Covid-19-Erkrankungen in besonderem Maße auf Schutz angewiesen sind – hätten Schwierigkeiten, mit der App umzugehen. Das sei auch beim Ansturm auf die Hotline des Berliner Gesundheitsamtes deutlich geworden: die meisten Reklamationen kamen von Senioren. Nun, da die App nun einmal in der halbgaren Form zum Download bereitgestellt ist, hilft nur noch, mit personellen Kapazitätssteigerungen auf die Probleme zu reagieren; deshalb müsse, so die Ärzteverbandsfunktionärin, „deutlich mehr Personal“ eingestellt werden.

Technische Mängel, aber Nutzbarkeit nur für Besserverdienende?

Für eine sozioökonomische Spaltung der interessierten Nutzerschaft sorgt indes die fehlende Breitenkompatibilität der neuen App – diese läuft nämlich nur auf relativ modernen Geräten mit entsprechenden Betriebssystemen. Mindestanforderung bei Android-Handys ist die 2015 veröffentlichte Version 6.0; bei Apple-Geräten wie dem iPhone ist das aktuelle iOS 13.5 Mindestvoraussetzung, wie der „Bayerische Rundfunk“ berichtet – was mindestens ein iPhone 6s, iPhone SE oder modernere Geräte verlangt. Und für Besitzer sehr alter Smartphones mit dem Betriebssystem Windows Phone oder einem Blackberry-System gibt es überhaupt keine Corona-App, trotz aller Freiwilligkeit. Für „Digital Natives“ und im Berufsleben Stehende sind diese technischen Anforderungen kein Thema – doch  relativ „funktional“ ausgestattete oder „analog tickende“ Menschen haben hier klar das Nachsehen – eben wieder vor allem die Generation der über 70-jährigen. Ein weiteres Manko der Warn-App, das bei entsprechender Voraussicht vermeidbar gewesen wäre. Doch für die mindestens 20 Millionen Euro, die die Bundesregierung für die App-Entwicklung hinausdonnerte (hinzu kommen übrigens noch weitere 45 Millionen für „laufende Kosten“!), war dies wohl zu viel verlangt.

Oder sind die hohen Plattformhürden bei der Installation etwa Absicht – und sollen hier ein paar krisengeplagte Smartphonehersteller sowie der Mobilfunkmarkt künstlich angekurbelt und stimuliert werden, durch notwendig werdende Anschaffung aktueller Handymodelle? Das wäre dann wiederum nur für Besserverdienende erschwinglich. Bewahrheiten würde sich damit die lakonische Feststellung des von der App alles andere als überzeugten Leiters des Gesundheitsamtes von Berlin-Reinickendorf, Patrick Larscheid, gegenüber „inforadio Berlin„: Die Corona-Warn-App sei „ein Spielzeug für die digitale Oberschicht“.

Diesen Hürden zum Trotz luden sich bislang dennoch diverse Menschen die App herunter. Nach gestern (dem Tag des Release) zunächst verwirrenden und unklaren Zahlen zum Download in den verschiedenen Appstores (Google/Android und Apple, die zwischen einigen zehntausend und 1,5 Millionen schwankten, brüstete sich heute  Nachmittag Gesundheitsminister Jens Spahn, dass bereits 6,4 Millionen Menschen die App installiert hätten, wie der „Merkur“ berichtet. Allerdings ist hier eines zu bedenken: Download heißt nicht gleich Nutzer. Eine unbekannt hohe Zahl an Usern sieht sich die App an, wartet vielleicht auf den ersten „Alarm“ – doch damit hat es sich dann womöglich auch schon. Die weitgehende Gleichgültigkeit verwunderlich kaum, wenn man sich Reaktionen von Politikern wie SPD-Chefin Saskia Esken vergegenwärtigt – die das ganze App-Theater anscheinend als infantilen Spaß betrachtet und auf dem Niveau eines Zehnjährigen twittert:

(Screenshot:Twitter)

Doch auch wer die App ernstnimmt und sich von ihr belastbare Informationen über Infektionsketten und persönliche Risikobeurteilung erhofft, der kommt um ein großes Handicap und strukturelles Grundproblem der App nicht umhin: Diese weist nämlich zwei große funktionale Schwachpunkte auf. Da ist zum einen die Freiwilligkeit: Die der Nutzer, vor allem aber die der Corona-Infizierten, ihr positives Testergebnis der App aktiv mitteilen müssen, um so erst die Alarmketten auszulösen. Wer dies als Corona-Betroffener verweigert, macht die App im Prinzip schon gegenstandslos, da seine ermittelten Kontakte ungewarnt bleiben. Zum anderen aber könnte die App das Gegenteil dessen bewirken, was sie eigentlich bezwecken soll: Personen, die mit Infizierten in Kontakt standen und sich somit testen lassen sollten, werden genau dies vermeiden – angesichts der erheblichen Nachteile, die ihnen eine negative Testung beschert. Behördlich angeordnete Quarantäne kann für Selbständige und Arbeitnehmer zu empfindlichen Problemen führen, und auch die sozialen Isolationsfolgen einer 14-tägigen Zwangsauszeit scheuen die meisten. Zudem ist die Anonymität der App ab dem Moment Makulatur, dass ein offizieller Test durchgeführt wird; spätestens hier erfolgt dann auch die Zwangsregistrierung. Dass also bei all jenen, die einen Alarm aufs Smartphone erhalten, die Testung von der Krankenkasse bezahlt wird: Das alleine reicht als „Anreiz“ wohl kaum aus. Denn wer, so steht zu fragen, geht dieses Risiko aus freien Stücken ein – vor allem, wenn er überhaupt keine Symptome hat?

All das hätte auch dem RKI und der Regierung vor Freischaltung der App wohlbekannt sein können. Dass sie sich dennoch für dieses Prozedere entschieden haben, legt eigentlich nur den Schluss nahe, dass es hier eigentlich um etwas völlig anderes geht: Neben dem allfälligen Aktionismus – nach dem Motto „Hauptsache wir tun irgendwas“ wie schon beim Maskenzwang und den Gastromie-Hygienekonzepten – sollen hier offenbar die Weichen gestellt werden, auch in Zukunft möglichst viele positive Testresultate zu erzielen, anhand derer dann der Ausnahmezustand ad infinitum aufrechterhalten werden kann. Denn unter den von der App „Vorgewarnten“ ist die Chance auf positive Testungen natürlich ungleich höher als bei Zufallsreihen.

Drohender Zwang und Datenschutzbedenken

Dass aus der freiwilligen App irgendwann dann doch noch ein Zwang werden könnte, scheint angesichts jüngster Verlautbarungen von durch die weiterhin geltenden Beschränkungen betroffenen Branchenvertretern schleichend ab. So brachte heute der Konzertveranstalter Peter Schwenkow – vor dem Hintergrund einer weiteren Verlängerung des Verbots von Großveranstaltungen – eine Pflichtanwendung der App ins Gespräch: „Im Gegensatz zu Weinfesten, Kirmesveranstaltungen und anderen Großveranstaltungen kontrollieren wir Veranstalter seit jeher den Zugang zu unseren Events“, sagte Schwenkow gegenüber „Bild„. Neben der Eintrittskartenkontrolle würden seit vielen Jahren auch Taschenkontrollen zur Sicherheit der Veranstaltung und ihrer Besucher durchgeführt. „Es wäre für die Veranstalter kein Problem, die Geschäftsbedingungen dahingehend anzupassen, das nur noch Besucher zugelassen werden, die die neue Corona-Warn-App auf ihren Handy installiert haben.“

Bereits gestern hatten Verbraucherschützer und Kassenvertreter jedoch genau davor gewarnt, dass Nicht-Nutzer der App im Alltag, Freizeit- und Wirtschaftsleben faktisch diskriminiert werden könnten. Um dies auszuschließen, könnte der Ausweg somit entweder in der Abschaffung der App – oder eben in ihrer Pflichtinstallation durch jedermann bestehen.

Im letzteren Fall müsste das RKI allerdings nicht nur die bereits beschriebenen technischen Probleme zur Softwarekompatibilität lösen – sondern auch datenschutzrechtlich nachbessern. Abgesehen davon, dass Teile Deutschlands immer noch digitale Wüsten sind und anachronistische Funklöcher das Land übersäen: die vielgepriesene Unbedenklichkeit der App in puncto stikter Anonymisierung und Datenschutz ist nämlich keineswegs gegeben.   Ein Forschungsteam der Technischen Universität Darmstadt, der Universität Marburg und der Universität Würzburg hat jüngst in Publikationen als theoretisch möglich beschriebene Datenschutz- und Sicherheitsrisiken der Spezifikation des von Google und Apple vorgeschlagenen Ansatzes für Corona-Apps unter realistischen Bedingungen praktisch demonstriert und bestätigt, auf dessen Basis die (von der Deutschen Telekom und SAP mitentwickelte) Warn-App basiert. Abgesehen davon, dass jede Menge Überzeugungsarbeit zu leisten wäre, bis sich die Deutschen in ihren Bewegungs- und Kontaktprofilen kollektiv gläsern machen. (DM)

Keine Zensur: Folgt uns auf Telegram