Michael Klonovsky: Irgendwer möchte, dass wir spaltungsirre werden

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Foto: Von LeonidKos/Shutterstock

Vor ein paar Tagen zitierte ich an dieser Stelle die Feststellung des Autors Michael Esders, die „Ingenieure der Mehrheitsmeinung“ seien momentan damit beschäftigt, ein Publikum zu formen, welches „selbst ein Höchstmaß an kognitiver Dissonanz“ nicht mehr als störend empfinde, und führte eine Reihe von Beispielen dafür an.

Von Michael Klonovsky für Acta diurna

Ein besonders groteskes Exempel gesellt sich dieser Tag zu den Pflichtfiguren des hiesigen „Doppeldenk“-Formationstanzes: Dasselbe politische Milieu, aus dem die Leute stammen, die mit „Black lifes matter“-Schildern durch deutsche Straßen marschieren und überall Rassisten wittern, will den Begriff „Rasse“ aus Artikel 3 des Grundgesetzes streichen, wo geschrieben steht: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“

Von der Relotiusspitze wird vermeldet:

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Uups, das war falsch, damals lebte dieser Typus des journalistischen Bratenriechers in der BRD noch gar nicht, präziser formuliert: Sein brauner Vorgänger war am Aussterben, der rotgrüne Nachfolger noch nicht im Amt oder, was den konkreten Fall angeht, geboren. Das hier ist der richtige Passus:

Screenshot 2020 06 14 21.31.39Ein Ersatzbegriff ward bislang, soviel ich weiß, nicht vorgeschlagen. Wahrscheinlich soll nach den Vorstellungen der Grünen im GG stehen: „Niemand darf wegen seines Menschseins benachteiligt werden.“ Halten wir fest: Es gibt Rassismus, Rassenunruhen, Rassendiskriminierung – aber keine Rassen. Es gibt Volksverhetzung, aber kein Volk. Es gibt Frauenfeindlichkeit und Frauenquoten, aber Geschlecht ist ein Konstrukt.

Wie steht es dann um Behauptungen wie „Die weiße Rasse ist der Krebs der Menschheitsgeschichte“ (Susan Sonntag, 1967) oder „Das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte ist die weiße Vorherrschaft“ (so die Autorin Alice Hasters vor ein paar Tagen)? Für wessen Schuld schämen sich die „So sorry“-Knierutscher? Und was wird künftig aus der „kritischen Weißseinsforschung“, wenn es gar keine Weißen gibt?

Screenshot 2020 06 15 10.20.55Irgendwer möchte, dass wir spaltungsirre werden. Es ist ein letztlich sadistischer Wunsch, der aus Machtgelüsten wächst. Wie der sympathische Foltermeister O’Brien aus Orwells „1984“ will uns dieser Typus zwingen zu erklären, dass wir fünf Finger sehen, obwohl nur vier gezeigt werden. Aber da steht etwas im Wege, das sich nicht so einfach wegräumen lässt: die Realität.

MolekulargenetikerinBei der israelischen Firma MyHeritage, die neben US-amerikanischen Firmen wie Ancestry.com zu den führenden Anbietern auf dem Markt der privaten biologisch-genealogischen Forschung gehört, kann sich jeder Interessierte eine genetische Analyse seiner ethnisch-rassischen Herkunft beschaffen. Die Tatsache, dass so etwas überhaupt möglich ist, verträgt sich schlecht mit der Unterstellung, Rasse existiere nicht und sei ein „soziales Konstrukt“.

Die Idee bzw. die erwünschte Illusion, es möge keine Rassen geben, obwohl bereits jedes Kind sein Gegenüber umstandslos seiner Rasse zuordnet (es gibt Ausnahmen, die sich nicht zuordnen lassen), so wie jeder Mensch in Sekundenbruchteilen ohne seinen Willen entscheidet, zu welchem der beiden Geschlechter (dito) und zu welcher Altersgruppe sein Gegenüber gehört, diese erwünschte Illusion wurde erst im vergangenen Jahrhundert von linken Wissenschaftlern wie Franz Boas, Stephen Jay Gould und Richard Lewontin in die Welt gerufen. Ihnen assistierte jene menschenfreundliche, unter anderem auf Durkheim fußende Schule der Soziologie, die Umwelteinflüsse zur Haupt- oder alleinigen Ursache menschlicher Eigenschaften verklärte und der Pädagogik somit geradezu prometheische Fähigkeiten zuschrieb. Da in jedem Linken nicht nur ein Bürokrat, sondern auch eine Gouvernante steckt, war der Weg dieser Idee in die Schulen, Universitäten und Medien vorgezeichnet. Intellektuelle Moden wie Konstruktivismus und Poststrukturalismus nahmen sie begeistert auf und vertrieben die naturwissenschaftlichen Erklärungen menschlichen Verhaltens aus den Universitäten und Trendverlagen.

Unter Medizinern mit multiethnischer Kundschaft hat sich freilich längst (wieder) die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein soziales Konstrukt namens Patient je nach Hautfarbe vulgo Ethnie oft unterschiedlich behandelt werden muss. Asiaten, Schwarze und Weiße laborieren unterschiedlich häufig und heftig an bestimmten Krankheiten und reagieren unterschiedlich auf dieselben Medikamente. So erkranken Schwarze in den USA weitaus häufiger an der erblichen Sichelzellenanämie als andere Ethnien, auch ihr Herzinfarktrisiko ist vielfach höher als das der Weißen (aber niedriger als jenes vom Amerikanern indischer Herkunft). Während Konstruktivisten und linke Soziologen für Unterschiede jeglicher Art soziale Benachteiligung oder Rassismus verantwortlich machen – passt immer, bringt ggfs. Staatsknete und erspart Forschungsaufwand –, halten Mediziner in Spitälern und Forschungszentren das Erbgut der verschiedenen Ethnien für weitaus prägender. Was zum Beispiel die unterschiedliche Wirkung ein- und desselben Medikaments auf verschiedene Dingens betrifft, kam man in Übersee zu dem Schluss, dass die überwiegend weißen Probanden bei den Zulassungstests deren Resultate ethnisch verzerrten. Das heißt: Wer in der Praxis oder im Krankenhaus nicht ein bisschen auf Racial profiling vertraut, bringt am Ende Patienten um. Racial profiling kann Leben retten. Ein Konstrukt namens ethnische Gruppe unterscheidet sich von einem anderen Konstrukt namens ethnische Gruppe durch einige seiner schrecklich unkonstruierten Gene. Umgekehrt verraten die Gene, von welcher Gruppe ein Individuum abstammt.

Genetisch determiniert sind nicht nur die Hautfarbe und andere typische Unterschiede des Erscheinungsbildes, sondern auch kollektive Eigenschaften, etwa die Abenteuerlust oder die Aggressivität. Erstere korreliert mit einem Allel des Dopamin-Rezeptor-Gens 4 (DRD4) und kommt zum Beispiel bei Europäern häufiger vor als bei Ostasiaten, Letztere hängt zusammen mit einem Allel des Monoaminooxidase-A-Gen (MAOA), das beim Abbau des Stresshormons Noradrenalin eine Rolle spielt, nur bei 0,1 bis 0,5 Prozent der Europäer, aber bei 15,6 Prozent der bekanntermaßen als „heißblütig“ geltenden Araber vorkommt (und bei amerikanischen Gefängnisinsassen immerhin doppelt so häufig wie in der Gesamtpopulation).

Ich kann hier nicht weiter ins Detail gehen. Einen prägnanten Überblick zum derzeitigen Forschungs- und Diskussionsstand gibt der Anthropologe Andreas Vonderach in seinem aktuellen Buch „Die Dekonstruktion der Rasse“ (hier oder hier). Sein Resümee lautet: „Rassen sind weder klar voneinander abgrenzbar, noch in sich homogen und statisch, aber real und existent.“ Einen nachdrücklichen Beleg dafür liefert die Selbstzuschreibung von Zugehörigkeit. In einer Untersuchung „von 236 DNS-Polymorphismen von 3636 Probanden aus 15 verschiedenen Orten in den USA und Taiwan“, durchgeführt anno 2009 von einem US-amerikanischen Forscherteam, ergab sich, „dass die ethnische/rassische Selbstzuordnung (weiß, afrikanisch, ostasiatisch und hispanisch) zu 99,86 Prozent mit der genetischen Clusterzugehörigkeit übereinstimmt.“ In seinem Buch „Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen“ schilderte Frank Böckelmann, dass seine japanischen Gesprächspartner automatisch zu den Begriffen „Weiße“ und „weiße Rasse“ wechselten, als er von Deutschen, Europäern oder Amerikanern sprach. Über Augenscheinliches diskutiert man nicht, gerade im diskussionsabholden Kollektivkonstrukt Japaner nicht. Und anders als uns von interessierter Seite immer eingeredet wird, sind die Rassen bzw. ihre Wahrnehmung als andersartig keineswegs eine diskriminierende Erfindung der weißen Kolonialherren, sondern man findet diese Unterschiede bereits auf altägyptischen Reliefs oder im antiken Griechenland; „Äthiopier“ etwa heißt wörtlich „Brandgesichter“, was ein klarer Beleg dafür ist, dass Homer sie als auffällig verschieden von den Bewohnern der griechischen Welt empfand.

Aus einer gewissen, immer noch mächtigen, aber durch die Erkenntnisse vor allem der Genetik täglich obsoleter werdenden, meist von sogenannten Geisteswissenschaftler mit inquisitorischem Eifer vertretenen Perspektive ist das alles blanker Rassismus. Nach Ansicht der deutschen Autorin Susan Arndt etwa, die im Jahr des freundlichen Gesichts der Kanzlerin bei C.H. Beck ein Buch zum Thema veröffentlicht hat, ist das bereits „der Glaube, dass es ‚Rassen‘ gebe“. Die Dame ist übrigens Literaturwissenschaftlerin. „Zu ihren Arbeitsgebieten gehören westafrikanische Frauenliteratur, Kritische Weißseinsforschung, britische Literatur mit einem Schwerpunkt Shakespeare, Sexismus, Intersektionalität, Feminismus und Rassismus“, belehrt die Schrottsammelstelle. Fragen?

Ein Hauptargument der Rassenleugner brach im Jahr 2003 in sich zusammen. Richard Lewontin, damals an der University of Chicago, hatte im Jahr 1972 Blutproteine von Menschen aus der ganzen Welt untersucht und war zu dem Ergebnis gelangt, dass die meisten genetischen Unterschiede – etwa 85 Prozent – innerhalb einer menschlichen Population bestünden, die Unterschiede zu anderen Populationen oder Rassen indes nur etwa 15 Prozent betrügen. Die rassische Variabilität erschien ihm folglich als minimal im Vergleich zur Gesamtvariabilität. Im erwähnten Jahr 2003 führten die US-amerikanischen Genetiker Jeffrey C. Long und Rick A. Kittles (ein Schwarzer übrigens) eine Art Überprüfung dieser Werte durch, sie untersuchten acht genetische Merkmale von acht menschlichen Populationen, fügten allerdings der Analyse noch eine Gruppe von Schimpansen hinzu. Legte man Lewontins Werte zugrunde, hätte kein Rassenunterschied zwischen den Affen und Menschen existiert. 15 Prozent Abweichung können eben verdammt viel sein.

Zum Vorigen.

Dem Befund, dass Rasse kein „Konstrukt“ ist, sondern eine biologische Tatsache, sekundiert auch Charles Murray mit seinem neuesten Buch „Human Diversity. The Biology of Gender, Race, and Class“ (New York 2020). Die Erkenntnisse von Genetik und Neurowissenschaften seien längst über die „Orthodoxie“ hinausgegangen, schreibt Murray. Die herrschenden Dogmen, Rasse und Geschlecht seien Konstrukte, bezeichnet er mit einer gewissen Milde, die von der Kampagne herrühren kann, mit der man ihn für sein Buch „The Bell Curve“ überkübelte, als „Halbwahrheiten“. Und so mag es recht sein – kein Vernünftiger stellt ja in Abrede, dass sowohl die Gene als auch die Umwelt den Menschen prägen; die Gene geben den Rahmen des Möglichen vor, und die Umwelt bestimmt, wie weit eine Person damit kommt.

Versöhnlich klingt auch Murrays Vorschlag, künftig vielleicht nicht immer von „Unterdrückung“ oder „Privilegien“ zu sprechen, sondern stattdessen von „Glück“:

„No serious individual believes in the orthodoxy any longer, but what biology teaches us is not shattering, dangerous and to be feared. Here is where we are in the use of genetics and neuroscience at the moment (…) Far from any fear of, e.g., genetic determinism, we will become accustomed to seeing a greater role played by happenstance and random occurrence. We will not speak so much of privilege or oppression, but more often of luck.“

 

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