Detroit lässt grüßen: Der unaufhaltsame Verfall der deutschen Innenstädte

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Auch immer mehr Filialisten machen dicht (Foto:Imago/Peters)

Die Corona-Krise beschleunigt eine schon seit langem zu beobachtende Entwicklung zusätzlich: Der Verfall der deutschen Innenstädte durch langsames Wegsterben des inhabergeführten Einzelhandels setzt sich durch eine noch gar nicht absehbare Zahl Shutdown-bedingter Firmenpleiten fort – zu denen nun auch noch große Handelsketten kommen, die angesichts der riesigen Umsatzeinbußen ihr Filialnetz ausdünnen. In den Cities drohen Verhältnisse wie in Detroit und anderen US-amerikanischen Großstädten.

Angesichts der angekündigten Filialschließungen von Karstadt-Kaufhof hat gerade erst der Deutsche Städtetag vor Leerstand in den Innenstädten und deren sinkender Attraktivität – und, damit einhergehend, dem Verlust vieler weiterer Arbeitsplätze im Umfeld gewarnt. Gerade die Kaufhäuser und ähnliche Groß- sowie Vollsortimenter ziehen bislang noch relativ viele Menschen in Innenstädte und Stadteilzentren; sie haben entscheidenden Einfluss für andere Händler und die Gastronomie und deren Beschäftigte. Wie der Hauptgeschäftsführer des Städtetages, Helmut Dedy, laut „dts Nachrichtenagentur“ erklärte, hätten etliche Städte daher in den letzten Jahren massiv in die Infrastruktur im Umfeld von Kaufhausstandorten investiert, um Fußgängerzonen aufzuwerten und attraktiv zu halten. Nun seien es eben die geplanten Filialschließungen, die den Innenstädten Zukunftsaussichten und den Menschen einen Ort der Versorgung und Begegnung in ihrer Stadt nähmen.

Eben dies droht jetzt – als mittelbare Folge der Corona-Maßnahmen. Wie schnell eine Kettenreaktion der Degeneration einsetzen kann, zeigen als mahnendes Beispiel viele westdeutsche Innenstädte, in denen seit dem Niedergang der 1990er Jahren errichteten großen Shoppingmalls nach und nach verwaiste Geschäfte und regelrechte soziale Brennpunkte entstanden, wo einst die Wirtschaft bei hoher Kaufkraft erblühte. „Wenn Filialen leer stehen, verliert das gesamte Umfeld schnell an Attraktivität“, erklärt Dedy. Für die Städte sei es deshalbbbesonders wichtig, die Innenstädte und Stadtteilzentren für Bewohner und Besucher attraktiv zu halten. Gleichzeitig gehe es darum, möglichst viele Arbeitsplätze zu sichern.

Doch alle politischen Absichtserklärungen und angekündigte Rettungsmaßnahmen des Bundes werden womöglich nicht ausreichen, die in Gang gesetzte und durch Corona beschleunigte Abwärtsspirale zu stoppen. Der Teufelskreis aus Leerstand, fallenden Mieten, Einzug minderwertiger Nachmieter, Kaufkraftrückgang durch Arbeitslosigkeit und schließlich Verfall ganzer Cityviertel ist nicht nur ein unter Stadtentwicklern und Soziologen berüchtigtes Szenario – er ist ist längst Wirklichkeit.

Früher Strukturwandel, heute Corona

Nur in wenigen Fällen gelang es in der Vergangenheit, einem meist durch industriellen Strukturwandel ausgelösten Innenstadtsterben mit politischen Maßnahmen gegenzusteuern – etwa vereinzelt im Ruhrgebiet nach dem Ende des Steinkohlebergbaus, oder teilweise in den vom Abzug der US-amerikanischen Streitkräfte betroffenen Städten. Oft verlagerte sich der Einzelhandel hier aber auch aus den Innenstadtlagen an die verkehrsgünstigeren Peripherie, in Gewerbegebiete oder große Outlets. Meistens aber droht den Städten ein ähnliches Schicksal wie der einst prosperierenden Automobilgroßstadt Detroit in den USA, die heute stellenweise einem Trümmerfeld gleicht.

Dass Innenstädte dabei längst nicht mehr ausschließlich nur Orte zum Einkaufen sind, sondern eher auch für Freizeit und Naherholung und als soziale Begegnungsstätten, etwa über die Gastronomie wirken, wird von der Politik und dem Deutschen Städtetag fast schon verzweifelt beschworen – doch mit der Realität hat dieses Wunschbild immer weniger zu tun. Außer Vorzeigemetropolen mit gentrifizierten Flaniermeilen wie Frankfurt, Hamburg oder München herrscht in den meisten deutschen Mittel- und Großstädten Tristesse – und sie wird sich als Folge der hausgemachten Corona-Rezession weiter ausbreiten.

Wo einst hochwertige Damen- und Herrenausstätter, Juweliere, Buchhandlungen, Parfümerien und Einrichtungsgeschäfte waren, schießen heute Wettbüros, Shisha-Bars, Ein-Euro-Stores, Nagelstudios, Döner-Imbisse, An- und Verkaufs-Goldhändler und Barbershops aus dem Boden; es ist eine zunehmend orientalisierte Melange aus Tausendundeine Nacht und White Trash, den Kaufinteressen eines neuen Prekariats angepasst. Doch sie bildet die Vorstufe von Geister- und Totenstädten. (DM)

 

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