Knie nieder, Weißer

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Symbolfoto: Von John Gomez/Shutterstock

„Ist es Ihr kritisches Weißsein“, fragt oder höhnt gar Leser ***, „das Sie befähigt, die Gemengelage einer fernen Nation mit dem Hinweis zu begleiten, ein Kniefall sei womöglich übertrieben?“ Es geht um Bilder aus den USA, die vor Schwarzen knieende Weiße zeigen, die sich nach Lage der Dinge kollektiv für den Tod des Floyd George entschuldigen wollen.

Von Michael Klonovsky für Acta diurna

Wenn Menschen vor anderen Menschen niederknien, tun sie das gemeinhin aus zwei Gründen: Sie wollen entweder ihre Bewunderung bzw. Anbetung zum Ausdruck bringen, ob nun der Person gegenüber oder dem, wofür sie steht, oder sie wollen um Verzeihung bzw. Erbarmen bitten (den Heiratsantrag spare ich aus). In beiden Fällen handelt es sich um eine Selbsterniedrigung bzw. eine Erhöhung des Gegenübers. Ich könnte jetzt unterscheiden zwischen der Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit des Kniefalls, aber so ganz freiwillig geschieht er fast nie. Man beugte das Knie vor Majestäten, Autokraten oder Päpsten, was heute in unserem Weltteil unüblich geworden ist. Bruckner kniete nieder vor Wagner, was sogar diesem Egomanen unangenehm war. Ein Offizier kann auf die Knie fallen vor einem Regiment, das besonders tapfer gekämpft und viele Verluste erlitten hat, und dabei die Truppenfahne küssen. Gewiss fallen jeden Tag irgendwo auf diesem Planeten Menschen auf die Knie, weil sie um ihr Leben bitten oder um Verzeihung für eine Tat, die sie begangen haben und bereuen.

Aber es gibt für keinen (oder so gut wie keinen; vielleicht sitzt ja noch irgendwo ein Völkermörder) derzeit lebenden Menschen einen plausiblen Grund, wegen seiner ethnischen Zugehörigkeit vor Menschen anderer ethnischer Zugehörigkeit niederzuknien. Die dort knienden Weißen haben sich nichts zuschulden kommen lassen, was eine solche um Vergebung bittende Geste rechtfertigt. Wenn sie tatsächlich die weiße Schuld am Kolonialismus auf sich nehmen wollen,

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(aus: Junge Freiheit)

dann sollte man diese Menschen darüber aufklären, dass es eine Erbschuld nicht gibt (außer für Deutsche). Dasselbe gilt für die Schuld an der Sklaverei, über die derzeit viel, undifferenziert und historisch ahnungslos geredet wird.

Waren die Europäer, fragt der Historiker Egon Flaig, „gebietsweise und zeitweise nicht desgleichen Objekte von Invasionen, Versklavungen und jahrhundertelanger Unterdrückung und Kolonisierung? Denn Kolonialismus ist eine Konstante in der Geschichte, weil alle expandierenden Gemeinwesen selbstverständlich kolonisierten. Zudem ist der europäische Kolonialismus ein enorm vielfältiges Phänomen, und man verdankt ihm – was gerne vergessen wird – die globale Abschaffung der Sklaverei. (…)

Das größte und langlebigste sklavistische System war der islamische Raum; dieses System transformierte Afrika zur größten Lieferzone für Sklaven. Die Europäer kauften versklavte Menschen an der Küste; muslimische Emirate und nichtmuslimische Versklaverethnien besorgten sowohl den entsetzlichen Vorgang des Versklavens als auch das Verschleppen und Verkaufen.

Als die Briten ab 1807 den Sklavenhandel im Empire verboten, (nahmen) die Versklavungskriege im Inneren Afrikas immer schlimmere Ausmaße an. Um diese entsetzlichen Kriege zu stoppen, waren Briten und Franzosen gezwungen, auf afrikanischem Boden Fuß zu fassen und ins Innere vorzudringen. Sie intervenierten dort seit 1807 zögernd und ab 1848 massiver. … Es ist darum unmöglich, die Genese des britischen und des französischen Kolonialismus in Afrika zu trennen von der Praxis des humanitären Intervenierens.

Die heutigen Afrikaner wären weit überwiegend Sklaven, wenn Briten und Franzosen nicht interveniert hätten; vielleicht hätte gar, wie Seymour Drescher es 2009 sagte, die Bevölkerung Afrikas sich in mörderischen Genoziden ausgelöscht. Die Schlußfolgerung ist unbequem, aber logisch notwendig: Die freien Afrikaner von heute verdanken ihre Freiheit just den abolitionistischen Interventionen von Briten und Franzosen.

Wir stehen also vor dem Phänomen, daß etliche Staaten Europas ein endlich als ‚historisches Unrecht‘ definiertes historisches Übel abschafften. Können diese Staaten von den Afrikanern einen Kostenausgleich verlangen für die Rettung eines ganzen Kontinents vor der sicheren Versklavung?“

Nein, zum Niederknien besteht auch hier kein Grund. Aber wer sich einzig wegen seines Weißseins zu einer solchen Selbsterniedrigung herbeilässt, gesteht der Gegenseite die alleinige Definition zu, was Diskriminierung ist, wer wen diskriminiert und wer Schuld an sozialen Ungleichheiten trägt, während der Erhöhte jeglicher Reflexion darüber entbunden wird, ob nicht auch Ursachen dafür in seiner Gruppe zu suchen sind. Man kniet vor etwas Sakrosanktem, Heiligem, Undiskutierbarem.

Nein, es ist nicht mein Weißsein, das mich befähigt, ein solches Urteil abzugeben. Es ist mein Menschsein. Wer mir als Inviduum irgendeine kollektive Schuld aufbürden will, erklärt mich zum Feind, und ich werde ihn folglich ebenfalls als Feind betrachten.

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