Hydroxychloroquin: Hat sich die WHO von einem Porno-Modell und einem dubiosen US-Unternehmen täuschen lassen?

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Foto: Von baranq/Shutterstock

Weitere Ungereimtheiten um die verhängten Corona-Maßnahmen tauchen auf: Die Weltgesundheitsorganisation WHO und eine Reihe nationaler Regierungen sollen ihre Covid-19-Richtlinien und -Behandlungen auf Grundlage fehlerhafter Daten eines wenig bekannten US-amerikanischen Gesundheitsanalyseunternehmens geändert haben, zeigt eine neue Recherche der britischen Tageszeitung The Guardian. Die Daten wurden u.a. in einem der renommiertesten Medizinfachjournal – The Lancet – veröffentlicht.

Laut The Guardian habe das in den USA ansässige Unternehmen Surgisphere, zu dessen wenigen Mitarbeitern anscheinend ein Science-Fiction-Autor und ein angebliches Porno-Modell gehören, Daten für mehrere Studien zu Covid-19 geliefert.

Die Daten, die angeblich von mehr als tausend Krankenhäusern weltweit stammen, bildeten die Grundlage für wissenschaftliche Artikel, die zu Änderungen der Behandlungsrichtlinien für Covid-19 in lateinamerikanischen Ländern geführt haben. Sie führten auch zu der Entscheidung der WHO und von Forschungsinstituten auf der ganzen Welt, Versuche mit dem Malaria-Medikament Hydroxychloroquin einzustellen. Angeblich erhöhte die Einnahme die Sterblichkeitsrate bei Covid-19 Patienten. Weder die Daten noch die Methodik sei bisher angemessen erläutert worden, so das britische Blatt.

Zwei der weltweit führenden medizinischen Fachzeitschriften – das Lancet und das New England Journal of Medicine – veröffentlichten Studien, die auf Daten des Surgisphere Unternehmens basieren. Die Studien wurden vom Geschäftsführer der Firma, Sapan Desai, mitverfasst.

Die Untersuchung des The Guardian ergibt Unglaubliches

Eine Suche nach öffentlich verfügbarem Material legt nahe, dass mehrere Mitarbeiter von Surgisphere nur über wenige oder keine Daten oder wissenschaftlichen Hintergrund verfügen. Ein Mitarbeiter, der als Wissenschaftsredakteur aufgeführt ist, scheint ein Science-Fiction-Autor und Fantasy-Künstler zu sein. Bei einer weiteren Mitarbeiterin, als Marketingleiter geführt, soll es sich um ein „Erwachsenen-Modell“ – sprich Porno-Darstellerin- und  Event-Hostess handeln.

Die LinkedIn-Seite des Unternehmens hat weniger als 100 Follower und in der vergangenen Woche wurden nur sechs Mitarbeiter aufgelistet. Dies wurde ab Mittwoch auf drei Mitarbeiter geändert.

Während Surgisphere von sich behauptet, eine der größten und schnellsten Krankenhausdatenbanken der Welt zu betreiben, hat das Unternehmen laut The Guardian fast keine Online-Präsenz. Das Twitter-Handle hat weniger als 170 Follower und zwischen Oktober 2017 und März 2020 keine Beiträge veröffentlicht.

Bis Montag wurde der Link „Kontakt“ auf der Homepage von Surgisphere auf eine WordPress-Vorlage für eine Kryptowährungs-Website umgeleitet, die Fragen dazu aufwirft, wie Krankenhäuser das Unternehmen problemlos kontaktieren können, um sich seiner Datenbank anzuschließen.

Vom The Guardian auf die Hintergründe des fragwürdigen Datensammelunternehmens Surgisphere aufmerksam gemacht, zeigen sich nun die medizinischen Fachzeitschriften The Lancet und das New England Journal of Medicine „besorgt“ angesichts der „Bedenken hinsichtlich der Zuverlässigkeit der Datenbank“ und kündigten eine unabhängige Prüfung der Studien an.

Die Lancet-Studie, in der Desai als einer der Co-Autoren aufgeführt war, gab an, Surgisphere-Daten von fast 96.000 Patienten mit Covid-19 analysiert zu haben, die in 671 Krankenhäusern aus ihrer Datenbank von 1.200 Krankenhäusern auf der ganzen Welt aufgenommen wurden, die allein oder allein Hydroxychloroquin erhielten in Kombination mit Antibiotika.

Die von The Lancet am 22. Mai veröffentlichte Experten-Studie stellte fest, dass das von US-Präsident Donald Trump beworbene Malaria-Medikament Hydroxychloroquin mit einer höheren Sterblichkeitsrate bei Covid-19-Patienten und erhöhten Herzproblemen verbunden sei.

Die negativen Ergebnisse machten weltweite Schlagzeilen und veranlassten die WHO, den Hydroxychloroquin-Untersuchungen ihrer globalen Studien zu stoppen.

Am Mittwoch folgte die Kehrtwende der WHO in Sachen Hydroxychloroquin. Man werde die weltweite Studie mit Hydroxychloroquin fortsetzen, nachdem der Ausschuss für die Überwachung der Datensicherheit festgestellt hatte, dass für Covid-Patienten, die es einnehmen, kein erhöhtes Todesrisiko besteht, so die WHO.

„Auf der Grundlage der verfügbaren Mortalitätsdaten empfahlen die Mitglieder des Ausschusses, dass es keine Gründe gibt, das Versuchsprotokoll zu ändern“, sagte Tedros. „Die Exekutivgruppe erhielt diese Empfehlung und befürwortete die Fortsetzung der Vergleichsstudien, einschließlich Hydroxychloroquin“, so WHO-Gereraldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Inzwischen wächst auch die Kritik an einer Studie im New England Journal of Medicine zu ACE-Hemmern, wonach die Blutdrucksenker nicht das Risiko bei Covid-19 erhöhen. Auch hier wird an den – ebenfalls von Surgisphere – erhobenen Daten gezweifelt, berichtet die Süddeutsche Zeitung.

Surgisphere „kam aus dem Nichts“

Eine der Fragen, die die wissenschaftliche Gemeinschaft am meisten verblüfft hat, ist, wie Surgisphere, das 2008 von Desai als Unternehmen für medizinische Ausbildung gegründet wurde und Lehrbücher veröffentlichte, Eigentümer einer leistungsstarken internationalen Datenbank wurde. Diese Datenbank bietet angeblich, obwohl sie erst kürzlich von Surgisphere angekündigt wurde, Zugriff auf Daten von 96.000 Patienten in 1.200 Krankenhäusern auf der ganzen Welt.

Das mache keinen Sinn. Es würde viel mehr Forscher erfordern, glaubt, Dr. James Todaro, MedecineUncensored.
Als Desai vom Guardian kontaktiert wurde, sagte er, seine Firma habe nur 11 Mitarbeiter beschäftigt. Die auf LinkedIn aufgeführten Mitarbeiter wurden auf der Website als erst vor zwei Monaten bei Surgisphere eingetragen registriert. Einige scheinen laut The Guardian keinen wissenschaftlichen oder statistischen Hintergrund zu haben, erwähnen jedoch Fachkenntnisse in Strategie, Texterstellung, Führung und Akquisition.

Dr. James Todaro, der MedicineUncensored betreibt, eine Website, auf der die Ergebnisse von Hydroxychloroquin-Studien veröffentlicht werden, sagte: „Surgisphere kam aus dem Nichts, um innerhalb weniger Wochen die vielleicht einflussreichste globale Studie zu dieser Pandemie durchzuführen.

„Es macht keinen Sinn“, sagt er. „Es würde viel mehr Forscher erfordern, als es behauptet, damit diese zweckmäßige und [Größe] multinationaler Studie möglich ist.“

Peter Ellis, der leitende Datenwissenschaftler der Nous Group, einer internationalen Unternehmensberatung, die Datenintegrationsprojekte für Regierungsabteilungen durchführt, vermutet, daß die Surgisphere-Datenbank „mit ziemlicher Sicherheit ein Betrug“ sei.

„Es gibt online keine Beweise dafür, dass [Surgisphere] vor einem Jahr über Analysesoftware verfügt. Es dauert Monate, bis die Leute sich überhaupt mit dem Beitritt zu diesen Datenbanken befassen. Dazu gehören Netzwerkprüfungsgremien, Sicherheitsleute und das Management. Mit einem Anmeldeformular und einem Gespräch passiert das einfach nicht.“ Normalerweise seien auch nationale Gesundheitsbehörden in solche umfangreichen Datensammlungen involviert.

„Surgisphere ist seit 2008 im Geschäft. Unsere Datenanalysedienste für das Gesundheitswesen wurden ungefähr zur gleichen Zeit gestartet und sind seitdem weiter gewachsen. Wir verwenden viel künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen, um diesen Prozess so weit wie möglich zu automatisieren. Nur so ist eine solche Aufgabe überhaupt möglich,“ behauptet hingegen Geschäftsführer Sapai Desai gegenüber The Guardian.

Desai erklärte weiter, die Art und Weise, wie Surgisphere Daten erhielt, sei „immer in Übereinstimmung mit den örtlichen Gesetzen und Vorschriften erfolgt. Wir erhalten niemals geschützte Gesundheitsinformationen oder individuell identifizierbare Informationen. “

Der australische The Guardian hat inzwischen fünf Krankenhäuser in Melbourne und zwei in Sydney kontaktiert, deren Zusammenarbeit für das Erreichen der australischen Patientenzahlen in der Datenbank von wesentlicher Bedeutung gewesen wäre. Alle bestritten jede Rolle in einer solchen Datenbank und sagten, sie hätten noch nie von Surgisphere gehört. Von Seiten Sapai Desai gäbe es zu diesem Sachverhalt keinen Kommentar, so The Guardian.

Desais inzwischen gelöschte Wikipedia-Seite besage, daß er über einen Doktortitel in Rechtswissenschaften und einen Doktortitel in Anatomie und Zellbiologie sowie über andere medizinischen Qualifikationen verfüge, weiß The Guardian. Auch soll er mehrere Führungspositionen im medizinischen Bereich innegehabt haben. (MS)

 

 

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