Drosten verdrängt eigene Prognose: Ist die Herdenimmunität längst erreicht?

0
Christian Drosten (Foto:ScreenshotYoutube)

Es ist ein nervtötender Nebeneffekt des pausenlosen Nachrichtentremolos um Corona, dass heute schon ein Großteil dessen vergessen ist, was von vermeintlich fachkundiger Stelle, aus dem Mund von Experten und führenden Wissenschaftlern, noch wenige Wochen zuvor verkündet wurde. So kommt es, dass interessante Einschätzungen plötzlich aus der Debatte verschwinden, bei denen man sich fragen muss: Was wurde daraus, wieso hat man dazu nichts mehr vernommen?

Entweder also war das Gesagte damals schon falsch – oder es war vernünftig, wurde aber nicht weiter verfolgt – was umso unverständlicher wird, wenn es sich um Fragen der akuten Risikobewertung von Sars-CoV2 und vor allem zum weiteren Infektionsgeschehen handelt.

So erklärte der virologische Doyen des Landes, Christian Drosten, Ende April im Studio des österreichischen Fernsehsenders ORF in einem Interview für „Zeit im Bild“ (ZIB), dass „aktuelle Studien“ die Vermutung nahelegten, dass bereits eine faktische Herdenimmunität gegen Corona existieren könnte. Möglich sei, so Drosten, dass die Bevölkerung eine „bisher unerkannte Herdenimmunität hat“, die „auf der zellulären Ebene“ liegt und daher „schlecht messbar.“ sei. Es gäbe angeblich immer mehr weltweite Studien, die auf eine solche unerkannte Herdenimmunität hinwiesen.

Auf die Frage hin, wie man denn zuverlässig feststellen könne, ob diese Immunität wirklich existiert, antwortete Drosten: Dies ginge nur empirisch, also indem man sähe, dass Corona plötzlich stark zurückgehe. „Die Epidemie würde einfach früher aufhören, als wir das vermuten“, so Drosten wörtlich. Zum Zeitpunkt des Interviews mit Drosten Ende April waren Virus und Krankheitsinzidenz zwar bereits am Abflauen, doch erst im Mai schwächte sie die Infektionsverbreitung – trotz zunehmender Lockerungen – immer weiter ab. Mit anderen Worten: Genau das, was Drosten vor fünf Wochen – damals noch als Hypothese – vorweggenommen hatte, ist nun eingetreten.

Naheliegendste Erklärung, warum sich kaum noch einer ansteckt

Hinzu kommen weitere, höchst sonderbare Meldungen – etwa jene von Anfang Mai, wonach Corona bereits viel früher in Europa gewesen sein muss, weil in den tiefgefrorenen Serumproben eines Franzosen von Dezember das Virus nachgewiesen wurde. Und wie das österreichische Netzportal „zack-zack“ berichtet, veröffentlichte Mitte Mai das römische virologische Institut La Jolla eine Studie, derzufolge 40 – 60 Prozent aus zuvor in den Jahren 2015-2018 (also lange zuvor) in großer Zahl genommenen Zellproben aus Blutspenden, die niemals dem Virus ausgesetzt waren, eine Immunität dagegen aufwiesen. Die Wissenschaftler vermuten als Erklärung eine Kreuzreaktion zwischen schon lange zirkulierenden Coronaviren und SARS-CoV-2 – womit bereits eine früher erworbene grippale Virusinfektion unter Beteiligung anderer Corona-Stämme Patienten auch gegen Covid-19 immunisiert haben könnte.

Nach diesen geradezu spektakulären Forschungsergebnissen müsste man nun eigentlich annehmen, dass die von Drosten Ende April in den Raum geworfene Überlegung plötzlich verstärkt Aktualität gewinnt – und sich alle Untersuchungen darauf fokussieren sollten, in diese Richtung weiter zu forschen und herauszufinden, ob tatsächlich ein Großteil der Deutschen immun ist. Es ist auffällig und verstörend zugleich, dass dies nicht nur ausbleibt, sondern seltsamerweise auch niemand mehr von dieser naheliegenden, einzig singmachenden Erklärung für das rapide Zurückgehen des Infektionsgeschehens (trotz weitreichender Renormalisierung des öffentlichen Lebens) redet.

Dafür wird weiterhin die Panik vor einer „zweiten Welle“ geschürt, auch Christian Drosten warnt regelmäßig vor einer solchen. Wieso greift er seine eigene wissenschaftliche Überlegung von Ende April nicht auf – und knüpft nicht weiter an an seine damaligen Prognosen, jetzt, da sich diese zu bewahrheiten scheinen? (DM)

Keine Zensur: Folgt uns auf Telegram