Eitle Zahlenspiele: Hat Drosten Hunderttausende gerettet – oder 9.000 Tote auf dem Gewissen?

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Professor Drosten steht massiv in der Kritik (Foto:Imago/ICON)

So sympathisch, unprätentiös und bescheiden Christian Drosten zu Beginn der Corona-Krise wirkte, als er sich früh mit seinem NDR-Podcast um eine allgemeinverständliche Aufklärung der Bevölkerung über die aktuellen Forschungsentwicklungen zum Virus verdient machte, so fragwürdig wird sein Auftreten, je mehr die Normalität in den Alltag zurückkehrt.

Drosten scheint seine neue Prominenz nicht gut zu bekommen oder zu Kopf gestiegen zu sein: Seien es über Twitter (wo Drosten inzwischen bei knapp 400.000 Follower angelangt ist) ausgetragene Animositäten mit der „Bild“-Zeitung oder gekränkte Eitelkeiten im wissenschaftlichen Diskurs mit Fachkollegen: Die Souveränität und Unaufgeregtheit, die Deutschlands girologische Koryphäe Nummer 1 als Experte seiner Disziplin an den Tag legt, geht ihm im Umgang mit Kritik gänzlich ab.

Nach seinen dünnhäutigen Keilereien gegen Alexander Kekulé und – wenn auch verhaltener – gegen Hendrick Streeck bemühte sich Drosten zwar, in einer Anwandlung von demonstrativem Understatement Popularität und seinen Einfluss auf die Politik kleinzureden – wohl auch, um die eigene Rolle bei der Entscheidung zu Schul- und Kitaschließungen zu relativieren. Denn weil die Regierungen auf seine fachliche Expertise wie auf wohl niemanden sonst gehört hatten, hinterfragt inzwischen nicht nur „Bild“, wie aussagekräftig die unter Drostens Ägide entstandenen Studien zur Viruslast von Kindern eigentlich sind.

„Stolz und Vorurteil“

Indem er seine eigene Bedeutung herunterspielt, nimmt sich Drosten damit also selbst aus der Schusslinie – schmälert damit aber seine Meriten, die Deutschen vor einer möglichen gesundheitlichen Katastrophe bewahrt zu haben. So etwas nagt am Ego – weshalb er in einem großen „Spiegel“-Interview sogleich wieder die Kehrtwende vollführt und darin klarstellt, wie wichtig er und sein Labor im Kampf gegen die Pandemie bisher waren.

Und darin ist von Bescheidenheit und mangelndem Selbstbewusstsein keine Spur mehr zu erkennen. Auf die Frage etwa, ob Deutschland ohne ihn schlechter vorbereitet in die Pandemie geschlittert wäre, antwortet Drosten etwa: „Ja, natürlich!“ Doch damit nicht genug: Mit Blick auf die von ihm maßgeblich entwickelten Diagnostikverfahren verstieg er sich laut „Tagesspiegel“ zu folgender Mutmaßung: „Wenn wir nicht so früh hätten testen können, wenn wir Wissenschaftler nicht die Politik informiert hätten – ich glaube, dann hätten wir in Deutschland jetzt 50.000 bis 100.000 Tote mehr.“ Drosten mithin als der eigentliche Retter der Deutschen?

Wer mit solchen Zahlenspielen anfängt, braucht sich allerdings nicht zu wundern, wenn sie auf ihn selbst zurückfallen. Denn statt hypothetischen Toten gab es da doch noch tatsächliche Sterbefälle – rund 9.000, die nach offizieller Lesart „an oder mit“ Corona ihr Leben ließen. Nach derselben Logik, mit der sich jemand 100.000 Gerettete auf die Fahnen schreibt, könnte man ihm dann umgekehrt 9.000 Tote anlasten, die er eben nicht retten konnte – und sie ihm anlasten. (DM)

 

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