Wie man mit der Angst Milliarden verdient

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Foto: Collage

Es gibt Zufälle, die möchte man für Schicksal halten. Beim Durchforsten meines Bücherregals fiel mir ein Buch von Robert Harris „Angst“ in die Hände, das ich bereits 2011 gekauft und ganz sicher auch gelesen hatte. Ich lese alles von Robert Harris, dem ich 1988 in Cambridge begegnet bin, ohne zu wissen, dass aus dem schüchternen Forschungsstudenten ein weltberühmter Schriftsteller werden würde. Er machte mich damals auf dem im Rollstuhl vorbeifahrenden Stephen Hawking aufmerksam, von dem ich zum ersten Mal hörte. Vor allem war Harris sehr an den Verhältnissen in der DDR und im Sozialismus im Allgemeinen interessiert, seine Wissbegier ist mir im Gedächtnis geblieben.

Von Vera Lengsfeld

Nun hielt ich „Angst“ wieder in den Händen, konnte mich aber an den Inhalt nicht erinnern. Da aber Angst das alles entscheidende Thema in unserer sogenannten Corona-Krise ist, fing ich an zu lesen, und war gefesselt.

Der Multimilliardär Alexander Hoffmann sitzt abends in seiner Genfer 60-Millionenvilla und wundert sich, wer ihm die Erstausgabe von Darwins „Entstehung der Arten“ geschickt haben könnte. Es wurde von einem Amsterdamer Antiquariat versandt, entnahm er einer Visitenkarte, die im Buch steckte, wo sich die Seite mit den Fotografien angsterfüllter Physiognomien befand. Er studiert das Foto eines älteren Mannes mit angstverzerrtem Gesicht, legt das Buch weg und geht schlafen. In der Nacht weckt ihn ein seltsames Geräusch, das es in seinem hoch gesicherten Haus nicht geben sollte. Er geht dem nach und entdeckt einen Mann, der in seiner Küche Messer schleift. Wie ist dieser Mann durch die Alarmanlage gekommen, die durch Codes gesichert ist, die nur eine Handvoll Leute kennen? Als Hoffmann den Mann stellen will, wird er mit einem Feuerlöscher niedergeschlagen. Als er erwacht ist schon die Polizei da, die ihn mit seiner Frau ins Krankenhaus fährt, wo seine Wunde versorgt wird. Er will aber auf keinen Fall im Hospital bleiben, denn er hat an diesem Tag eine wichtige Präsentation vor Investoren, die neues Geld in seinen Hedgefonds schießen sollen, um noch mehr Geld daran zu verdienen.

Bei Harris habe ich zum ersten Mal ansatzweise verstanden, wie so ein Hedgefonds funktioniert und warum ein solcher Fonds nur dazu da ist, vom global erarbeiteten Reichtum die Sahne abzuschöpfen. So ein Fonds hat nur eine Funktion: Geldvermehrung.

Hoffmann, ein genialer Physiker, auf die Entwicklung künstlicher Intelligenz spezialisiert, hat ein neues System selbstlernender Algorithmen entwickelt, die das Geldscheffeln revolutionieren würde.

Seinen Investoren erklärt er das so: „Früher stellten wir uns vor, dass Computer-Roboter die Hilfsarbeiten in unserem Leben erledigen würden, damit wir die freie Zeit genießen können. In Wahrheit geschieht das Gegenteil: Computer verdrängen Menschen mit Berufsausbildung: Übersetzer, Medizintechniker, Kanzleiangestellte, Buchhalter, Börsenhändler…In der Medizin hören sie sich die Symptome von Patienten an, diagnostizieren Krankheiten und verordnen sogar Behandlungen.“ Die Informationen können immer besser verarbeitet werden, weil sie in immer kleineren Medien gespeichert werden können.

„Im Jahr 2007 hat die britische Regierung die Datensätze von 25 Millionen Menschen verloren, ihre Steuerkennziffern, ihre Kontonummern, ihre Adressen, ihre Geburtsdaten…das waren gerade mal zwei CDs“.

Was die Finanzmärkte betrifft, ist von entscheidender Bedeutung, dass wie der griechische Philosoph Epiktet schon erkannte, nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen und Fantasien über die Dinge die Menschen beunruhigen und verstören. Das erleben wir in der Corona-Krise gerade hautnah. Die Sprache (Propaganda) entfesselt die Kraft der Fantasie und damit auch Gerüchte, Panik, Angst. Algorithmen haben keine Fantasie, sie geraten nicht in Panik. Deshalb eignen sie sich perfekt für den Handel an den Finanzmärkten.

Wie macht man das? Die Vergangenheit ist der Schlüssel für die Zukunft. Aber: „Wir konnten nicht für die letzten zwanzig Jahre jeden Aspekt menschlichen Verhaltens an den Märkten analysieren…Die Lösung, die wir gefunden haben, ist die, dass wir uns auf eine einzige bestimmte Emotion beschränken, über die wir substanzielles Material haben: Die Angst.“

Franklin D. Roosevelt sagte in der großen Depression:

„Das Einzige, wovor wir Angst haben müssen, ist die Angst selbst.“

Tatsächlich ist Angst, wie wir in der aktuellen Corona-Krise gerade erleben, so stark, dass es der Politik leicht fällt, auch absurdeste Zwangsmaßnahmen zur angeblichen Seuchenkontrolle zu installieren, ohne dass es merklichen Widerspruch gab. Den Schöpfern des Hedgefonds-Algorithmus ist es deshalb gelungen, „aktuelle Marktschwankungen mit der Häufigkeitsrate von angstbesetzten Wörtern in den Medien in Beziehung zu setzen – Terror, Panik, Alarm, Horror, Entsetzen, Grauen, Furcht, Anthrax, Atom.“ Heute käme Corona, Sars 4 oder Covid 19 dazu. Die Welt ist von Angst beherrscht, wie nie zuvor.

Übrigens sei daran erinnert, dass die Fünfziger und Sechziger, als das Gleichgewicht des Schreckens herrschte, weil die gegenseitige Zerstörung drohte, eine Zeit mit enormem Marktwachstum und großer Stabilität waren. Heute wird die Weltwirtschaft von panischen Eliten zerstört, die vor Niemand mehr so große Angst haben müssten, wie vor der eigenen Unfähigkeit.

Zurück zur Börse. Die Chicago Board of Exchange berechnet den VIX, den S&P 500 Volatility Index, den es jetzt schon seit den siebziger Jahren gibt. Dieser Ticker bildet die Kurse von Kauf-und Verkaufsoptionen auf die im S&P 500 gehandelten Aktien ab. Er zeigt die Volatilität des Marktes für den nächsten Monat an. Der VIX verändert sich von Minute zu Minute. Je höher der Index, desto größer die Unsicherheit am Markt. Die Händler nennen ihn deshalb Angstbarometer. Das ist selbst liquide- man kann VIX-Optionen und VIX-Futures handeln – genau das machen die Hedge-Fonds. Wie man mit fallenden Kursen Gewinn macht, beschreibt Harris an einem Beispiel. Während er seinen Investoren die Arbeitsweise vorführt, beginnt der Hoffmannsche Algorithmus Aktien eines Billigfliegers zu shorten. Was zunächst verwundert, bekommt einen Sinn, als kurz darauf über den Nachrichtenticker die Meldung kommt, eine Maschine dieser Fluglinie sei über Moskau abgestürzt. Das selbstlernende System hatte auch eine Dschihadisten-Wetside beobachtet, auf der kurz vorher das Attentat angekündigt wurde und begonnen, die Aktie zu shorten. Wenn man jetzt an der Börse auf fallende Kurse gewettet hatte, wurde man reich. Genau damit hat George Soros sein Vermögen gemacht. Diese Art Börsenaktivität ist ein Riesenglücksspiel und die Weltwirtschaft ist der Einsatz.

Der nächste logische Schritt wäre, Dschihadisten-Websites nicht nur zu beobachten, sondern Dschihadisten zu beeinflussen, dass sie mit ihren Taten die gewünschten Gewinne aus Wetten auf fallende Kurse befördern. Ich habe mich beim Lesen gefragt, ob George Soros deshalb so häufig Ratschläge erteilt, wie sich die EZB verhalten soll. Er hat bekanntlich davon profitiert, als er am 16. September 1992, dem „Schwarzen Mittwoch“, in der Überzeugung, das Pfund Sterling sei überbewertet, massiv gegen diese Währung handelte. Dazu tauschte er geliehene Pfund in andere europäische Währungen, hauptsächlich Deutsche Mark und Französische Franc.

Im Juni 1993 spekulierte Soros gegen die Deutsche Mark. Soros verkündete seine Absicht, in großen Mengen Wertpapiere der Bundesrepublik Deutschland zugunsten französischer Wertpapiere abzustoßen. In einem Interview forderte er: „Down with the D-Mark!“

Harris beschreibt eindringlich die Gefahren selbstlernender Systeme. Der amerikanische Kongress hat 1993 das Projekt Desertron eingestellt, in der Erkenntnis, dass die selbstlernenden Systeme künstlicher Intelligenz zu instabil seien und eines Containments bedürften, wie die Atomtechnologie. Ohne einen Mechanismus der Eindämmung läuft es praktisch darauf hinaus, dass man einen Virus freisetzt, der sich unkontrolliert vermehrt.

Genau das ist mit Hoffmanns Algorithmus passiert: Das VIXAL hatte begonnen, sich selbst zu vermehren. Per E-Mail mit Hoffmanns Adresse wurden Bankkonten eingerichtet, Gelder transferiert, Bauaufträge ausgelöst. Es entstand ohne sein Wissen eine zweite Halle voll mit Hardware, die selbstständig den Finanzmarkt beobachtete. Das ist die Blaupause von Bill Gates Traum des mitarbeiterlosen Unternehmens als digitales Nervensystem.

Das von Hoffmann entwickelte System war ein mechanisches Gebilde, das weder über Gefühle noch Bewusstsein verfügte, das aber auf die Akkumulation von Geld programmiert war. Das würde das System weiterentwickeln, bis es die ganze Welt beherrschte.

Hoffmann macht den Versuch, sein System abzuschalten, erst in der Zentrale, dann in der Dependance. Er greift zum radikalen Mittel der Zerstörung durch Feuer. Das gelingt, aber bald darauf musste er feststellen, dass sich das System schon so weit verbreitete hatte, dass es sich seinem Zugriff entzog.

Man kann solche Systeme so wenig einem moralischen Urteil unterwerfen, wie einem Hai. Sie verhalten sich einfach wie Hedgefonds.

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