Kleinkrieg der deutschen Virologen: Fegefeuer der Eitelkeiten

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Heilsbringer Drosten (Foto: Imago)

Der von der „Bild“-Zeitung losgetretene Sturm im Wasserglas um die aktuelle Studie des Charité-Institutsleiter Christian Drosten, Deutschlands prominentestem Virologen, geht in die nächste Runde. Längst geht es nicht mehr um Inhalte oder wissenschaftliche Kontroversen, sondern nur noch um Profilierung, besser: um Profilneurosen.

Von den regierungsergebenen Leitmedien, explizit seien erwähnt Spiegel, FAZ, Süddeutsche Zeitung und Zeit, wurde eine stinknormalen Kontroverse unter Wissenschaftlern, über die „Bild“ berichtet hatte, eine „Rufmordkampagne“, „Verleumdung“, „Hetze“, oder „Attacke“ gegen Drosten, der „Versuch einer Vernichtung“ – und das nur, weil Statistiker dem Drosten-Team in dessen Studie zur Kinderinfektiosität von Corona methodische Defizite nachwiesen.

Wovon sich die von „Bild“ zitierten Statistiker und Wissenschaftler internationaler Universitäten und Institute inzwischen distanzierten, war alleine die angeblich unseriöse“ „Art der Berichterstattung“ – bezeichnenderweise aber eben gerade nicht deren Inhalt; denn tatsächlich weist Drostens Studie offenbar durchaus erhebliche Mängel auf, die die Kernaussage fraglich erscheinen lassen. Und eben um diese geht es: Dass Kinder, obwohl sie trotz Infektion kaum an Covid-19 erkranken (nur 1-2 Prozent aller Fälle weltweit betrafen unter 18-jährige!), dennoch ebenso infektiös seien wie Erwachsene.

Diese Kernaussage machte die Politik zur Entscheidungsgrundlage für die Aufrechterhaltung der deutschlandweiten Schul- und Kitaschließungen – mit all ihren psychischen, pädagogischen, sozialen und sonstigen Spätfolgen für Familien und Bildungsentwicklung. Dass eine öffentliche Debatte über die wissenschaftliche Basis solch harter Einschnitte nicht nur erlaubt ist, sondern geradezu überfällig war, scheint für manche Journalisten in Deutschland eine geradezu unmögliche Vorstellung zu sein. Sie beharren lieber auf ihrer Sichtweise, dass die Kritik am Kurs der Regierung und an deren handverlesenen Haus- und Hof-Virologen irgendwo zwischen Majestätsbeleidigung und geistigem Brunnenvergiftertum liegt.

So wurde in den letzten Tagen aus einer Mücke ein stattlicher Elefant gemacht – voller in die Welt gespieener Verachtung für die „Springer-Presse“ und die angeblich widerwärtige, weil „tendenziöse“ Berichterstattung von „Bild“. Das änderte sich mit dem Artikel Alexander Kekulés im „Tagesspiegel“ – der, wenn auch stilistisch bedeckter und weit nüchterner, letztlich die von „Bild“ rapportierte Kritik an Drosten wiederholte und präzisierte. Der so Angegriffene reagierte überraschend unsouverän und dünnhäutig – und keilte prompt über Twitter los, indem er Kekulés wissenschaftliche Legitimität anzweifelte („in unserer Community spielt er keine Rolle“) und eine Spitze gegen dessen fehlende Forschungstätigkeit losließ:

(Screenshot:Twitter)

Dies sind ganz neue Seiten an Drosten, der mit Gegenwind anscheinend nicht umgehen kann – und dem die ihm binnen zwei Monaten zugewachsene Rolle als Deutschlands berühmtesten Wissenschaftler (mit seiner bislang gerade für Virologen unbekannten, riesigen Medienpräsenz) offenbar doch leicht zu Kopf gestiegen ist. Bereits als „Bild“ seine freundlich formulierte Presseanfrage an ihn gerichtet hatte, war er anstelle einer Antwort auf Twitter ausfallend geworden, erklärte, er habe „besseres zu tun“, maulte über die ihm viel zu kurze erbetene Antwortzeit von einer Stunde (was bei einer Tageszeitung mit striktem Redaktionsschluss, zumal bei hochaktuellen Themen, jedoch leider nicht ändern ist) – und veröffentlichte dann das Anfrageschreiben mitsamt der persönlichen Handynummer des „Bild“-Redakteurs.

Inzwischen wird der Widerspruch auch aus Fachkreisen offenbar aber größer: Heute schloss sich dann auch noch der Institutsleiter für Virologie am Bonner Universitätsklinikum, Professor Hendrik Streeck, der Kritik an (diese käme „nicht von ungefähr“), und bestätigte im Kern die von Kekulé im „Tagesspiegel“ vorgebrachten Vorbehalte gegen die Studie, vor allem was statistische Unzulänglichkeiten, zu geringe Stichproben und unhaltbare Schlussfolgerungen betrifft. Man darf gespannt sein, ob Drostens gekränkter Stolz auch in diesem Fall noch ein Nachspiel auf Twitter hervorrufen wird… (DM)

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