Drosten keilt gegen „Bild“ – wegen Kritik an fehlerhafter Studie

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Professor Drosten steht massiv in der Kritik (Foto:Imago/ICON)

Berlin – Der Shooting-Star der deutschen Virologenszene, der in der Coronakrise zu einer Mischung aus grauer Eminenz und schillernder Prominenz gelangte, gerät erstmals wissenschaftlich ins Zwielicht: Christian Drosten steht in der Kritik, eine von ihm verantwortete Studie über das Corona-Ansteckungsrisiko von Kindern soll nach Meinung internationaler Fachkollegen „grob falsch“ sein. Drosten bestreitet dies – und legt sich dabei mit „Bild“ an.

Zu unterscheiden sind hier zweierlei Aufleger: Der eine, mutmaßliche, betrifft Drostens fachliche Reputation bzw. die der Berliner Charité, wo er das Institut für Virologie leitet. Der andere Drostens Stil und Umgang mit der Kollegenkritik.

Zunächst zu den inhaltlichen Vorwürfen: Wie „Bild“ schreibt, hatte sein Institut Ende April ein Papier mit weitreichenden politischen Konsequenzen verfasst, das auf einer von Drosten geleiteten Studie seines Forscherteams basierte und zu dem Schluss gekommen war, dass Kinder genauso ansteckend sein können wie Erwachsene, wenn nicht noch stärker.

Als Handlungsempfehlung warnten Drosten Hausvirologen die Politik mit deutlichen Worten vor einer „unbegrenzten Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten in der gegenwärtigen Situation“; also sollten die Bildungs- und Erziehungsstätten geschlossen bleiben, obwohl die Infektionszahlen bereits deutlich rückläufig waren. Erstaunlich: Noch Anfang März hatte sich Drosten selbst gegen Schließungen ausgesprochen und diese für nicht sinnvoll gehalten – ehe er dann keine Woche später seine Meinung drehte. Schulen und Kitas waren daraufhin ab Mitte März flächendeckend geschlossen worden.

Wichtigster Stichwortgeber der Politik

Und auch jetzt wieder hörten Bundesregierung und viele Bundesländer auf den Appell – schließlich gilt Drosten als untadeliger und einflussreicher Ratgeber in der Krise mit einem allerdings auch problematischen Einfluss auf die Entscheidenden – da er die notwendigen Schritte logischerweise nur aus seinem virologischen Blickwinkel betrachtet. diese einseitig-medizinische Berücksichtigung politiknaher Technokraten bei den Lockdown- und Kontaktentscheidungen hatten Drosten und seine Berufskollegen schon länger zur Zielscheibe von Corona-Protestierern und auch Verschwörungstheoretikern gemacht, die ihnen vorwarfen, der Politik Flausen ins Ohr zu setzen oder Fehleinschätzungen zu verursachen.

Mehrere Wochen nach der Veröffentlichung der Kinder-Studie jedoch gerät Drosten auch von Fachkollegen aus dem Ausland in Kritik, die  seinem Team vorwerfen, unsauber gearbeitet zu haben – „mit verhängnisvollen Konsequenzen“, so „Bild“: Der Zürcher Epidemiologe Leonhard Held stellt etwa die Aussagekraft der Drosten-Studie in Frage; ihre Ergebnisse seien „mit Vorsicht“ zu interpretieren, weil viel zu wenige Kinder untersucht worden seien. Tatsächlich deuten neue Erkenntnisse auf das exakte Gegenteil von Drostens Studienresultat hin, dass nämlich mit zunehmendem Alter der Infizierten deren Viruslast (und damit Infektiosität) steige.

Zu diesem Resultat war auch der Bonner Statistik-Professor Dominik Liebl gekommen, der auf Widersprüche in der Studie hinweist. Dort wurde an einer Stelle postuliert, dass „die mittlere Viruslast der Altersgruppe Kindergarten … um 86 Prozent niedriger (ist) als die mittlere Viruslast der Altersgruppe der Älteren“; Liebl schlußfolgert über die Drosten-Studie daher: „Die statistische Analyse der Autoren widerspricht ihrer zentralen Schlussfolgerung!“. Und sein Statistikerkollege Christoph Rothe aus Mannheim bewertet die von Drosten Team verwendeten Methoden als „sehr schwach“.

Unmögliche Breitseite gegen die Presse

Es hätte an Drosten gelegen, auf diese fachlichen Misstöne einzugehen und Stellung zu beziehen. Genau diese Gelegenheit wollte ihm „Bild“-Redakteur Filipp Piatov geben – und schrieb Drosten freundlich an, mit der Bitte um kurze Statements zu den Vorwürfen. Leider erwies sich der Professor, sonst eigentlich sehr medienfreundlich und umgänglich, als bockig – und fiel komplett aus der Rolle: Statt einer Antwort postet er Piatovs Schreiben auf Twitter, bezeichnete die fraglichen Kritikpunkte als „aus dem Zusammenhang“ gerissen und unterstellte, „Bild“ plane ohnehin einen „tendenziösen“ Artikel, weshalb er „Besseres zu tun“ hätte, als darauf einzugehen.

Dass Drosten dabei darauf verzichtete, die auf der „Bild“-Presseanfrage die Handynummer Piatofs unkenntlich zu machen, und diese somit vor einer breiten Öffentlichkeit publik machte, ist allerdings ein starkes Stück – und ein absolutes No-Go im Umgang mit Journalisten, das auch mit Weltfremdheit, fachlichem Tunnelblick oder Stress nicht gerechtfertigt werden kann. Vor dem Hintergrund dieses Affronts kann Drosten über den dann in „Bild“ erschienenen, sehr sachlichen Beitrag noch geradezu dankbar sein. (DM)

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