Wenn Joko und Klaas die Zuschauer intellektuell belästigen

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Dünn und Doof? (Foto: Imago)

Wenn sich zwei wagemutige TV-Charakterdarsteller mit den Kampfnamen Joko und Klaas gesellschaftskritisch zu Wort melden, darf man davon ausgehen, dass die ganz heißen Eisen angefasst, die ganz dicken Bretter gebohrt und die richtig schweren Probleme gestemmt werden. Pro7 hat den beiden vor ein paar Tagen fünfzehn Minuten der besten Sendezeit freigeschaufelt, und die Comedians füllten die prime time mit einem Video das Grauens, das den Menschen – „So nennt man sie doch?“ (Woody Allen) – die Augen öffnen soll über die alltägliche sexuelle Belästigung von Frauen in Deutschland.

Von Michael Klonovsky für Acta diurna

„Das werden heute die wohl speziellsten 15 Minuten, die wir je gesendet haben. Nichts für schwache Nerven“, trommelte Klaas Heufer-Umlauf im sogenannten Vorfeld via Twitter. „Fast die Hälfte aller Frauen in Deutschland wurde schon einmal sexuell belästigt. Auch in den aktuellen Krisenzeiten dürfen andere wichtige Themen nicht untergehen.“ Fast die Hälfte! Ich will einleitend bekennen: An mir lag’s nicht (also ich meine, was die andere Hälfte betrifft).

Freilich, statt der meist als Deppen getarnt auftretenden Dioskuren führt die Autorin Sophie Passmann durch das Video, SPD-Mitglied und in ihrer Eigenwahrnehmung Kombattantin in einem Geschlechterkrieg (wenn auch ohne Gegner), das heißt, sie flaniert mit ernster Miene durch eine fingierte düstere Kunstausstellung namens „Männerwelten“. Klar dass Joko und Klaas dort nicht hinein durften, weil sie jeweils einen Penis haben, auch wenn viele glauben, sie teilten sich einen; Penisse gibt es aber in der Schau bereits genug, zumindest aus der Perspektive von Frau Passmann, welche stracks zu übernehmen jeder anständig gebliebene Zuseher gehalten ist.

„Es wird hart, es wird bitter und für manche kaum zu glauben, aber wir müssen da jetzt gemeinsam durch“, tremoliert die Verfasserin eines Buches über resp. gegen alte weiße Männer zu Beginn ihres Rundganges. Dann gibt sie sich einen Ruck und schreitet couragiert an der Seite einer attraktiven begabten Moderatorin durch eine Galerie von „Genitalbildern“ (FAZ), wobei es sich tatsächlich um sogenannte dick pics handelt, also ausschließlich maskuline Genitalien abgebildet sind, quasi als Gegenstück zum Reichskirchentag der Fotzenmalerinnen im vergangenen Jahr, auf dem kein einziges Schwanzbild ausgestellt wurde. Die (gepixelten) Fotos, erfährt der erschütterte Pro7-Gucker sogleich, zeigten Gemächte, „die viele Frauen im Internet ungefragt von Männern zugeschickt bekommen“ haben – aber glücklicherweise nicht die beiden teils mehr, teils weniger kennerisch bzw. empört in deren Betrachtung vertieften Mädels. Dafür sind es freilich ziemlich wenige, doch jedes einzelne unverlangt verschickte Foto eines Membrum virile ist selbstverständlich eines zuviel, das ist doch wohl klar.

Nach den verstörenden Bildern folgen die entsprechenden Worte. Eine weitere Fernsehmoderatorin, eine Rapperin und ein Model tragen „Hasskommentare“ (FAZ) vor, mit denen sie in sozialen Netzwerken behelligt und geschmäht worden sind (in der Redaktion der FAZ gilt der Satz „Ich will dich f…“ offensichtlich als „Hasskommentar“; es sind halt echte Genießer). Anschließend präsentieren zwei weitere Mädels, Collien Ulmen-Fernandes und Katrin Bauerfeind, „übergriffige Chatverläufe“. Kurzum: Es ist zwar nicht unbedingt repräsentativ, nicht einmal typisch, aber ganz entsetzlich.

Gottlob sind auch die peinigendsten 15 Minuten irgendwann zu Ende, so dass etwas mildere Sexismen wie Ehrenmorde, Gruppenvergewaltigungen, „Scheidungen auf afghanisch“, also mit dem Messer oder der Axt, Zwangs- und Kinderehen, Mia, Maria und ihrer erstochenen oder geschändeten und traumatisierten minderjährigen Schwestern, all das, was eben sexistisch so abgeht unter deutschen Dächern und auf deutschen Straßen, speziell seit den Tagen des freundlichen Gesichts, leider keinen Platz finden konnten, obwohl der von Passmann gegen Ende vorgetragene Passus: „Wir alle kennen die Panik alleine im Park oder wenn wir mit dem Schlüsselbund in der Hand abends heimgehen“ dergleichen anzukündigen schien – und bei einer im Körper eines alten weißen Sexisten gefangenen jungen Afghanin wie mir entsprechende Erwartungen weckte. Das wäre indes nur ein gefundenes Fressen für rassistische Hetzer gewesen; außerdem heißt das Thema Sexismus, nicht Rassismus. Und mal ehrlich: Von den Flüchtlingen, Schutzsuchenden, Schutzflehenden, Glaubensfesten und Goldwerten ist ja mit moralischer Anklage nichts zu holen; schließlich ist es deren Aufgabe, uns anzuklagen und nicht umgekehrt.

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Ein paar Gedanken über die „Männerwelten“ will ich gleichwohl vortragen. Ich bitte darum, die allfällige Empörung erst nach der gesamten Lektüre von der Leine zu lassen.

Erstens: Männer machen Frauen an und werden es in alle Ewigkeit tun, Frauen wollen von Männern angemacht werden und werden es in alle Ewigkeit wollen. Der Sexualtrieb ist eine Urgewalt, die sich schwer kontrollieren und nie zähmen lassen wird; immerhin hängt die nächste Generation an ihm. Die Paarung ist eine heikle Sache, es wird immer unerwünschte Annäherungen geben, die sexuelle Belästigung höret nimmer auf. Und hin und wieder funktioniert’s ja.

Zweitens: Mit der Anmache verhält es sich wie mit einem Kunsthandwerk: Der Weg zur Meisterschaft ist mit peinlichen Fehlschlägen gepflastert, es dauert, bis man es beherrscht, und viele lernen es nie. Im Unterschied zum Kunsthandwerk kann der Mann aber kein anderes, ihm genehmeres wählen. Er muss anmachen.

Drittens: Unerwünschte, ungeschickte, unangenehme, übergriffige, deplatzierte, lästige, groteske, abstoßende, widerwärtige Anmachversuche kommen wahrscheinlich häufiger vor als passende, erwünschte und zu beider Zufriedenheit endende. Der Frauen anmachende Mann gleicht in der Regel einem Gorilla, der versucht, Cello zu spielen.

Viertens: Es gibt unter den Männern seit der „Ausweitung der Kampfzone“ (Michel Houellebecq) eine große Zahl von Verlieren, armen Würstchen, die zunächst sich selbst und dann die für sie unerreichbaren Frauen verachten und sich heute speziell in der Anonymität der elektronischen Medien erleichtern. Und es gibt peinliche, unheilbare Machotypen, denen zum echten Macho die virile Attraktivität fehlt, was sie aggressiv gegen Frauen macht. Meistens kann eine Frau solchen Figuren aus dem Wege gehen.

Fünftens: Ich habe noch nie eine Maid erlebt, die sich nicht gegen unerwünschte Offerten zur Wehr zu setzen wusste, notfalls mit einer entschiedenen Ansprache vor Zeugen oder einer effektvoll verabreichten Ohrfeige. Der Blamierte ist immer der Kerl, zumindest in unserem Weltteil.

Sechstens: Tatsächlich ernst wird Belästigung erst, wenn die körperliche Grenze nachdrücklich überschritten wird. Das meint nicht den fehlgeschlagenen Kussversuch oder den Griff nach der Hand. Hier betreten wir denn auch die Sphäre des Strafrechts.

Siebtens: Was sexuelle Belästigung ist und was nicht, lässt sich nicht generalisieren. Mal ist sie erwünscht, mal nicht; was der einen behagt, pikiert die andere, und selbst bei ein- und derselben Version ist es ein Riesenunterschied, wer sich an ihr versucht. Der Empfang eines Schwanzfotos ist unangenehm und verstörend, allerdings nicht immer. Wenn beispielsweise Brad Pitt der Absender ist, könnte das für die Empfängerin der Beginn einer wundervollen Woche sein. Anfang 1945 hätten Millionen deutsche Frauen die Präsentation bloßer Penisfotos als eine unglaubliche Petitesse und existentielle Erleichterung empfunden. Umgekehrt hätten gewiss viele Männer nichts gegen die Zusendung weiblicher Genitalschnappschüsse. Die Geschlechter sind halt sozial unterschiedlich konstruiert.

Achtens: Das Filmlein nennt sich „Männerwelten“, läuft also auf eine Kollektivanklage das starken, intelligenten und geilen Geschlechts hinaus, wobei die richtigen Kerle, die Heißblütigen, Bärtigen, Kohleäugigen mit ihren Eigentumsfrauen (die sie im Gegenzug immerhin bis aufs Blut beschützen würden), aus den bekannten Gründen nicht vorkommen. Wäre eine Ausstellung „Frauenwelten“ denkbar, die sich mit sexueller Ausbeutung von Männern – gugeln Sie mal unter „Make him drool“ –, weiblicher Verleumdung von Männern, weiblicher Erpressung von Männern, mit vorgetäuschten Vergewaltigungen, falschen Belästigungsklagen oder Kindesentzug beschäftigt?

Neuntens: Das Äquivalent zur sexuellen Übergriffigkeit als männliche Dominanzgeste gegenüber Frauen ist unter Männern die Handgreiflichkeit. Männer haben zu allen Zeiten andere Männer gequält, erniedrigt, ihnen Schmerzen zugefügt, Rangordnungen mit Gewalt ausgekämpft. Kann auf der Verliererseite auch sehr unangenehm sein. Interessiert aber keine Sau.

Zehntens: Wer sich in der Öffentlichkeit exponiert, zieht nicht nur die Begeisterung von Fans auf sich, sondern auch Neid, Wut, Hass und Missgunst, Stalking und den ganzen bunten psychotisch-soziopathischen online-Abschaum sowieso. Beleidigungen gehören für exponierte Personen zum Alltag (ich weiß, wovon die Rede ist), und wenn eine Frau von einem Mann verbal angegangen wird, ist das oft sexuell konnotiert. Daraus ergibt sich aber keine besondere Qualität der Beleidigung.

Alles, was uns Joko, Klaas und Fräulein Passmann servieren, ist ordinär, unappetitlich, dumm, eklig, bisweilen strafbar, aber man muss schon sehr schwache Nerven haben, ein Erbsenprinzesschen sein und nie in seinem Leben Wirklichkeitsberührung aufgenommen haben, um es als besonders hart und bitter zu empfinden. Bei der Kölner Silvesterkirmes anno 2016 ist in jeder einzelnen Minute mehr passiert als in den 15 Minuten des „Männerwelten“-Videos. If you can’t stand the heat, get out of the kitchen. Aber die meisten Frauen sind wohl, mit einer schönen Formulierung von Hadmut Danisch, nicht außendiensttauglich. (Wenn Sie mich fragen: Sollen sie auch gar nicht sein.)

Noch dazu:

OdoMarquard

Der Erfinder des „Prinzessin-auf-der-Ebse-Syndroms“ ist Odo Marquard – jener Philosoph, von dem der famose Ausspruch stammt, den ich als Titel des ersten „Acta diurna“-Bandes zweckentfremdete: „Legitimieren Sie sich!“ – „Bitte nach Ihnen.“

PS: Ich empfehle zum Thema die (Wieder-)Lektüre zweier Briefe, die ich vor einiger Zeit online gestellt habe, vor allem den zweiten, den eine Frau unter dem Eindruck der Silvesterereignisse zu Köln am Rhein über die Frage geschrieben hat, ob männliche Mitmenschen für Frauen potentiell gefährlich sind.

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