Unterdrückung von brisanten „Corona-Papers“: Wann tritt Seehofer zurück?

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Innenminister Horst Seehofer (Bild: Shutterstock/photocosmos1)

Immer neue Details kommen ans Licht, mit welchen Methoden das Bundesinnenministerium intern versuchte, den Oberregierungsrat Stefan Kohn fertigzumachen und kaltzustellen, der eine unbequeme Analyse zur Pandemiebekämpfung („Corona-Papers“) erstellt hatte – obwohl diese auf fundierten Expertisen beruhte. Die einzige Konsequenz wäre ein Rücktritt von Horst Seehofer.

Katerstimmung kündigt sich an, und ganz allmählich dämmert weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit, wie hoch der Preis der Corona-Beschränkungen, all jener Maßnahmen in Wirklichkeit war (mit denen eine erste Welle abgeflacht werden sollte, die tatsächlich nie kam): Alleine die verschobenen medizinischen Eingriffe könnten 125.000 Menschenleben gefordert haben – ein Vielfaches dessen, was Covid-19 selbst ohne Lockdown schlimmstenfalls angerichtet hätte.

Der für seine Risikobewertung abgestrafte, zuerst als „Spinner“ diffamierte und dann suspendierte Spitzenbeamten Stefan Kohn hatte hochbrisante wissenschaftliche Prognosen in seinem Dossier zusammengetragen. Diese waren von Regierung und Medien bislang als „Privatmeinung“ hingestellt worden, die von Kohn unzulässigerweise als amtliche Einschätzung gekennzeichnet worden sei – wofür er den Hut habe nehmen müssen. Damit nicht genug: Der Dienstlaptop des Beamten wurde beschlagnahmt, er selbst wurde in einer lapidaren Presserklärung des BMI lächerlich gemacht. Die „Achse des Guten“ spricht von „Bunkermentalität“ in Seehofers Behörde.

Inzwischen kam heraus, dass Kohn keineswegs seine Privatmeinung geäußert hatte – sondern er berief sich auf offizielle Quellen, wissenschaftliche Erkenntnisse und Expertenstatements. Und während die Öffentlichkeit noch ungläubig mitverfolgte, wie im Innenministerium mit dem Urheber der berüchtigten „Corona-Papers“ umgesprungen wurde und seine Analyse vorsätzlich unterdrückt wurde, geriet fast aus dem Blick, was dort eigentlich niedergeschrieben ist – und die Thesen haben es in sich.

Unterdrückte Expertenmeinungen

Die in den „Papers“ geäußerte Warnung von „gesundheitlichen Kollateralschäden“ infolge der staatlichen „Maßnahmen und Beschränkungen in der Coronakrise 2020“ etwa wird durch alarmierende Zahlen untermauert: Wie „Bild“ berichtet, wird in der Analyse von „zwischen unter 5000 bis zu 125 000 Patienten“ ausgegangen, die „aufgrund von verschobenen Operationen versterben werden/schon verstarben“. Kohns Quelle,“ zentrale Figur und Kronzeuge“ war hierfür kein Geringerer als der Chef der Pathologie am weltrenommierten Universitätsklinikum Heidelberg, Professor Peter Schirmacher.

Dieser ist zudem Mitglied der Leopoldina-Akademie, die auch Angela Merkel in der Corona-Politik mit „herausragender Bedeutung“ beriet. Laut „Bild“ warnte Schirrmacher in einer Stellungnahme für das BMI warnte Schirmacher Anfang Mai, die Effekte getroffener Maßnahmen in der medizinischen Versorgung würden „mehr schaden als nutzen“ – weil viele Betroffene den Arzt nicht oder zu spät aufsuchten. Kohn berücksichtigte diese Expertise in seinem Bericht gewissenhaft.

Auch der Immuntoxikologe Prof. Stefan Hockertz, früherer Institutsleiter an Hamburger Universitätsklinik Eppendorf, warnt: Alleine im März und April seien an deutschen Kliniken „90 Prozent aller notwendigen OPs verschoben“ worden. Dies betraf 2,5 Millionen Patienten, die demzufolge „nicht versorgt“ worden sind. Hockers rechnet in „Bild“ nüchtern vor: „Selbst wenn nur fünf Prozent der Betroffenen durch diese Nicht-Behandlung gestorben seien oder noch vorzeitig sterben, sei „mit insgesamt 125 000 Toten zusätzlich zu rechnen“.

Diese Zahlen sind bestürzend genug, doch der eigentliche Skandal liegt im offensichtlichen Bemühen der Bundesregierung, sie zu vertuschen und Zweifel am Krisenmanagement der vergangenen zwei Monate zu unterdrücken. Dass die Reaktionen auf die Pandemie womöglich schädlicher gewesen sind als die Pandemie selbst – dieser Gedanke soll und darf offenbar erst gar nicht aufkommen. (DM)