Mainstream in der Virenkrise: Die vierte Gewaltlosigkeit

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Rainald Becker, Chefredakteur ARD - Foto: Imago

Eine unabhängige Presse fungiert im demokratischen Idealstaat als sogenannte vierte Gewalt. In einem idealen Antidemokratenstaat hingegen schleimt sie als vierte Gewaltlosigkeit Ergebenheitsadressen an die Despoten. In Deutschland ist das nicht einmal ein entwürdigendes Schauspiel mehr. Dafür wäre Würde nötig. Die ist schon lange weg. In Australien haben Bürger wenigstens damit begonnen, ihre Fernsehgeräte zu zertrümmern. Wenn das bürgerliche Feindbild ein Gesicht braucht: Rainald Becker von der ARD hätte eines. Die vernichtende Medienkritik.

von Max Erdinger

Rainald Becker, seines Zeichens ARD-Chefredakteur, verblüffte selbst die Hartgesottenen mit einem Kommentar zu den Demonstrationen gegen die Suspendierung von Grundrechten. In den Tagesthemen meinte er: „Der Status quo ante, also zurück zur alten Normalität, ist vielen Wirrköpfen, die sich im Netz tummeln, nachgerade ein Herzensanliegen. All diesen Spinnern und Corona-Kritiker sei gesagt: Es wird keine Normalität mehr geben wie vorher. Madonna, Robert de Niro und rund 200 andere Künstler und Wissenschaftler fordern zu Recht, nach der Corona-Krise Lebensstil, Konsumverhalten und Wirtschaft grundlegend zu ändern. Diese weltweite Pandemie muss zu etwas Neuem führen.“ – Das war nicht weniger als eine Unverschämtheit den Entrechteten gegenüber. Hunderttausend kleine Selbständige, Künstler, Freiberufler und Gastronomen wissen nicht mehr, wie sie nach Wochen des „Lockdowns“ ihre Rechnungen zahlen sollen und wie ihre Zukunft aussehen wird. Und ausgerechnet Rainald Becker, der Mann mit einem sechsstelligen Jahreseinkommen, dessen Sender kackendreist behauptet, ohne weitere 3 Milliarden Euro mehr auf der Einnahmenseite müsse es „Qualitätsverluste“ geben, fühlt sich berufen, von „Spinnern und Corona-Kritikern“ zu reden? Das offenbart über das Selbstbild des Rainald Becker mehr, als über sein Denkvermögen. Ausgerechnet er, der Gebührengestopfte, führt eine multimillionenschwere Popsängerin und einen multimillionenschweren Schauspieler als Kronzeugen für eine „Notwendigkeit“ an, Lebensstil und Konsumverhalten zu ändern? Damit bestätigt er eigentlich alle, die er „Spinner“ genannt hatte, in ihrer Ansicht, daß wir es derzeit mit dem Putsch eines vor Überheblichkeit nur so stinkenden juste milieus in Politik und Medien gegen das Volk zu tun haben. Und dann redet er auch noch von „Pandemie“? – Wo ist sie, die „Pandemie“? Das Wort „Pandemie“ stammt vom altgriechischen Substantiv „pandēmía“, deutsch: „das ganze Volk“. Ganzes Volk? – Wo? Ein sehr geringer Prozentsatz des Volks war und ist von der „Pandemie“ betroffen. Das ganze Volk hingegen ist von etwas ganz anderem betroffen: Von der „Merkel- und Medien-Pandemie“. Zeit, daß das Volk einen strengen „Lockdown“ gegen diese Herrschaften verfügen läßt. Im Namen des Volkes.

Déjà vu

Nun könnte man erwarten, daß in dieser „Coronakrise“, die seit vielen Wochen andauert, auch der Medien-Mainstream etwas dazugelernt hätte. Fehlanzeige. Das kommt einem aber bekannt vor. Als hätte sich nie jemand über die Irrelevanz der Begriffe „Neuinfektionen“, „Coronatote“ und „Todesrate“ beschwert, wird der Fernsehzuschauer weiter mit solchen nichtssagenden Parametern abgespeist. Peinlich vermieden wird hingegen, mit den aussagekräftigen Daten herauszurücken. Mediziner und Virologen werden dem Publikum präsentiert, als ob es für die übergroße Mehrheit der Gesunden von besonderem Interesse sei, alles über „das Virus“ zu wissen.

Interessant wäre eine Antwort auf die Frage, ob eine gefährliche Epidemie grassiert, ob eine alarmierende Übersterblichkeit vorliegt, wie hoch das Durchschnittsalter der „Coronatoten“ ist, mit welchen volksgesundheitlichen Schäden der indirekten Art durch die Folgen des „Lockdowns“ zu rechnen sein wird, und wie es wohl kommt, daß die Grippewelle 2019/2020 – ausgerechnet nach Angaben des RKI – „nur“ 411 Tote forderte, während es zwei Jahre zuvor noch über 25.000 gewesen sein sollen. Woher der erfreuliche Rückgang bei den Todesfällen durch Herzinfarkt und Schlaganfall? Interessant wäre, einmal zu erfahren, wie die alarmierenden Meldungen von überlasteten Intensivstationen in deutschen Krankenhäusern zustande kamen, wenn sich doch herausgestellt hat, daß sie zu keiner Zeit überlastet waren. In dem Zusammenhang würde man von einer funktionierenden vierten Gewalt auch erwarten, daß sie sich über die Phrasen von der „zweiten Welle“ und der „dritten Welle“ hermacht. Die vierte Gewalt kann doch nicht schon derartig gewaltlos geworden sein, daß ihr nicht einmal mehr auffällt, wie sehr jedes „zweite“ davon abhängt, daß es jedes „erste“ vorher gegeben hat? Von einem Zwangsgebührengestopften wie dem gewaltlosen Rainald Becker würde man auch erwarten, daß er erklärt, ob er mit „Spinnern“ und „Corona-Kritikern“ Leute wie Prof. Stefan Homburg gemeint hat. Der Mann ist immerhin Professor für Öffentliche Finanzen. Und Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen der Leibniz Universität Hannover ist er obendrein. An die 120 z.T. hochrenommierte Wissenschaftler weltweit widersprechen dem regierungsamtlichen und hofberichterstattungsmäßig verbreiteten Pandemie-Schnack. Alles „Spinner“ und „Corona-Kritiker“? „Coronaleugner“ womöglich gar? Wofür sich die übergroße Mehrheit der Gesunden hierzulande interessiert, ist nicht „das Virus“, sondern die Frage, ob die Suspendierung ihrer Grundrechte samt dem wirtschaftlichen Ruin von Hunderttausenden verhältnismäßig gewesen sind. Und da stehen alle Zeiger auf „Nein!“, wie es aussieht.

Es ist hierzulande nur so, wie es schon immer gewesen ist, wenn sich totalitäre Regierungen und Systeme in Jahrzehnten gründlich festgefahren hatten: Keine Korrektur mehr möglich, es sei denn um den Preis des eigenen Untergangs. Rainald Beckers Kommentar in den „Tagesthemen“ erinnert schwer an die Nachrichtensendungen der DDR in den Monaten vor ihrem Untergang. Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Die Pandemie in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Einer wie Rainald Becker müßte dieser Tage eigentlich auf seinen Entsatz durch die journalistische Armee Wenck hoffen, um geschichtlich noch ein wenig weiter zurückzugehen angesichts des Déjà vu, das einen bei seinem Anblick überkommt. Warum überkommt einen das? Na, wegen solcher Becker-Sätze wie diesem hier: „Gerade, weil Angela Merkel Kanzlerin ist (…) wir können froh sein, dass Hasardeure wie Trump Johnson oder Bolsonaro hier nichts zu melden haben und Typen solchen Charakters in diesem Land hoffentlich auch nicht gewählt werden.“ – Spricht er von sich bereits im Pluralis Majestatis, der Rainald „Wir“ Becker? Wenn nicht: Wie kommt er darauf, dem Fernsehzuschauer zu erzählen, worüber der gefälligst froh zu sein hat? Interessiert sich jemand dafür, worüber Rainald Becker sich aus sehr verständlichen Gründen freut? Soll die ARD demnächst in „Beckers Merkelfernsehen“ (BMF) umbenannt wwerden? Hat diesen Menschen irgendjemand beauftragt, ausländische Staatsoberhäupter als „Hasardeure“ und „Typen“ zu bezeichnen? Der Mann soll das Geschehen kommentieren, nicht seine doktrinär-bornierte Weltanschauung zum Besten geben. Ist er am Ende selber ein Spinner und ein Hasardeur, dieser „Typ“?

Die fettigen Talgshows

Immer dieselben Gesichter in den fettigen Talgshows. Gut, die Talgshowpräsenz des Grünen Habeck hat abgenommen, weil die Grünen zur Zeit insgesamt schwer verlieren. Dafür ist ein eisenharter Verfechter des „Lockdown“ umso öfter zu sehen, der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Harald Martenstein im „Tagesspiegel“ über Lauterbachs „soziale Kontakte“ in den Fernsehsendern: „8.4. Markus Lanz, 15.4. Markus Lanz, 20.4. Hart aber fair, 23.4. Markus Lanz, 26.4. Anne Will, 29.4. Markus Lanz, 5.5. Markus Lanz, 6.5. Maischberger, am 7.5. war er dann bei „Bild TV“.“ – Was soll das? Was ist mit Prof. Bakhdi, mit Prof. Hockertz, mit Dr. Wodarg und den vielen anderen, die diesen „Lockdown“ als völlig überflüssig bezeichnen? Und wenn schon Lauterbach: Warum fragt ihn keiner, wie es wohl kommt, daß in Schweden niemand von einer „zweiten Welle“ redet, obwohl es dort keinen „Lockdown“ gegeben hat, sondern lediglich Appelle an die Vernunft der Leute? Weil es womöglich Schweden richtig gemacht hat und das Lauterbachsche Expertendeutschland eben nicht? Wieso sind in den fettigen Talgshows eigentlich immer wieder dieselben „Gäste“ zu sehen? Weil sonst niemand etwas zu sagen hätte hierzulande?

„n-tv“ ist auch so ein Sender, der in der „Coronakrise“ durch extreme Hofberichterstattung auffällt. Geschäftsführerin dort ist Tanit Koch, zugleich Chefredakteurin der Zentralredaktion bei der „RTL Media-Group“, vorher in der Chefredaktion der „BILD“. Gut für sie, daß sie nicht mehr bei „BILD“ ist. Die größte deutsche Tageszeitung hat offenbar einen 180°-Richtungswechsel vollzogen, seit Kohlberg, Kravis & Roberts (KKR) mit knapp 3 Mrd. beim Springer-Verlag eingestiegen sind und Merkel-Freundin Friede Springer dort redaktionell nicht mehr viele Wünsche zu äußern hat. Da hängt viel mit dran, die „Welt“ zum Beispiel. Henry Kravis wird eine besondere Nähe zu „Hasardeur Trump“ (Becker) nachgesagt.

Gut möglich ist also, die vierte Gewaltlosigkeit könnte inzwischen begriffen haben, daß die Tage ihrer prominenten Meinungsformer gezählt sind. Das würde wiederum gut die haßblinde Beißwut erklären, mit der sie allerweil aufs Volk herunterkläfft, und von der „Typen“ wie Rainald Becker in ihrem selbstgerechten und arroganten Wahn vermutlich nicht einmal für möglich halten, daß das bemerkt worden sein könnte. In einem völlig verdrehten Sinn hat Rainald Becker schon recht: Die Rückkehr zum „status quo ante“ wird nicht mehr erfolgen. Die wird ihm und seinesgleichen verwehrt bleiben. Regierung und Medien-Mainstream haben in der „Coronakrise“ eindrucksvoll bestätigt, daß auf sie zutrifft, was unsereiner vorher schon über sie behauptet hat: Erstere begreift sich als Vormund des Souveräns – und Zweiterer liefert gehorsam die dazugehörige „Volkspädagogik“, die er freilich gern als „Haltungsjournalismus“ verbrämt, um sich selbst beim „Moraladel am Hofe Merkels“ einzuschleimen. Man kennt sich.