Statistische Taschenspielertricks: Von wegen „Corona-Übersterblichkeit“

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Sterblichkeit (Symbolbild:Imago/FutureImage)

Wiesbaden – Um die in ihrer Tragweite kaum abzuschätzenden Schäden der Corona-Politik in den vergangenen sieben Wochen nachträglich zu relativieren, ist die konstante Aufrechterhaltung der Covid-19-Bedrohung und Gefährlichkeit der Pandemie in den Medien für die Regierungen essentiell. Weil die Verunsicherung der Bevölkerung durch Schreckensmeldungen und drastische Einzelfallschilderungen nicht mehr recht funktionieren will und sich immer mehr Zweifel an der Angemessenheit der Maßnahmen regen, soll nun per Statistik eine angebliche Übersterblichkeit nachgewiesen werden.

Bis Ende März war eine erhöhte Sterblichkeit im Vergleich zu den Vorjahren schlichtweg nicht nachweisbar (im Gegenteil); große Hoffnungen setzte die Politik daher auf den April, in dem die Todeszahlen auch in Deutschland in den vierstelligen Bereich geschnellt war. Und tatsächlich: Eine eigens erstellte „Sonderauswertung des Statistischen Bundesamts zu den Sterbefällen 2016 bis 2020“ scheint nun den Nachweis zu erbringen, dass Corona deutlich mehr Menschenleben gefordert hatte, als normalerweise im April gestorben wären. Triumphierend vermeldeten daher etliche Medien gestern die Neuigkeit. „Daten weisen auf Übersterblichkeit hin“, titelte „Tagesschau.de„; „Sterblichkeit in Deutschland durch Corona über dem Durchschnitt“, schrieb die „Frankfurter Allgemeine Zeitung„, und „n-tv“ schlagzeilte: „Übersterblichkeit durch Corona: Deutschland registriert mehr Tote als sonst“.

Doch wie sieht die Datenbasis dieser Behauptungen tatsächlich aus? Das der Statistik zugrundeliegende Zahlenmaterial von „destasis„, dem Portal des Statistischen Bundesamtes, reicht laut dem zum Download angebotenen PDF bis einschließlich zum 12.04.2020. Darin sind in der ersten Abbildung alle
Sterbefälle sämtlicher Altersgruppen für die Monate Januar bis April aus den Jahre 2016 bis 2020 aufgelistet; da die Daten für April 2020 aber nur bis zum 12.04. vorlagen, wurde die Gesamtzahl für den Monat einfach geschätzt – und zwar nach dem simplen Modus „Summe bis zum 12.04. geteilt durch 12 mal 30“.

Hochrechnungen und Aussparungen

Einige Mathematiker und Statistiker, die in den sozialen Medien gestern die die neuen Sterblichkeitszahlen kritisch analysierten, wiesen in ihren Posts zwar darauf hin, dass eine solche gleichmäßige Hochrechnung im Kontext der Coronavirus-Pandemie zwar durchaus Sinn mache (die täglichen Coronavirus-Todesfälle stiegen im Laufe des Aprils anfänglich deutlich an, nahmen ab Monatsmitte aber wieder deutlich ab), und für die einzelnen Tage des April 2020 somit tatsächlich von einer gleichmäßigen Zahl an „Neugestorbenen“ ausgegangen werden kann. Im April 2020 starben gemäß der Johns Hopkins CSSE-Anwendung in Deutschland pro Tag durchschnittlich 194 Menschen an COVID-19, im gesamten April zusammengerechnet 5.808 Menschen.

Die Crux liegt allerdings in den Vergleichszeiträumen: Unter den in der besagten Abbildung berücksichtigten Jahren sticht vor allem das Jahr 2018 heraus: Aufgrund der damaligen ungewöhnlich starken Grippesaison lag die Sterblichkeit extrem hoch; in den Monaten Januar bis März 2018 gab es deutschlandweit insgesamt 27.538 mehr Tote als in den gleichen Monaten des Jahres 2020. Für den Monat April jedoch  zeichnet sich allerdings ein umgekehrtes Bild ab: Da lagen die Zahlen 2018 deutlich unter den (hochgerechneten) des Aprils 2020: Hier wird mit 6.346 Todesfällen mehr als im April 2018 gerechnet. Im Vergleich zum Mittelwert der Aprilmonate 2016 bis 2019 wären es sogar 9.587 Todesfälle mehr.

„Übersterblichkeit“, die keine ist

Nur auf den April bezogen ergibt sich also eine monatsspezifische Übersterblichkeit – doch diese kommt bei Weitem nicht an die Übersterblichkeiten der Monate Januar bis März 2018 heran.
Hinzu kommt das Durchschnittsalter der Verstorbenen: Im Allgemeinen gehören ca. 70 Prozent aller Sterbefälle – und zwar an allen Tagen und Monaten – der Altersgruppe „75 Jahre und älter“ an. An den für April 2020 geschätzten Todeszahlen, die zum Beleg der angeblichen Übersterblichkeit herangezogen werden, fällt auf, dass der geschätzte Wert für diese Altersgruppe (75plus) anteilsmäßig deutlich größer angesetzt wird als der geschätzte Wert die anderen Altersgruppen.

Die Schätzung will damit dem Umstand Rechnung tragen, dass weit überproportional häufig ältere Menschen unter den Corona-Todesopfer sind. So weit, so gut – bloß: Dies sind sie bekanntermaßen auch bei anderen Todesursachen (da, wie gesagt, rund 70 Prozent aller Todesopfer ohnehin der Altersgruppe 75plus angehören). Bei den COVID-19-Todesopfern scheint deren Anteil aber nochmals signifikant höher zu liegen – sonst könnte die geschätzte Todesfallzahl für den April 2020 bei allen Altersgruppen ja nicht den etwa gleichen Wert wie für den März 2020 aufweisen, nur bei der Altersgruppe 75plus jedoch aber einen erkennbar höheren. Das Fazit der kritischen Wissenschaftler zu der Statistik: „In Deutschland ist bislang keine signifikante, durch die Coronavirus-Pandemie bewirkte Übersterblichkeit nachweisbar.“ (DM)