Das Märchen zum 8. Mai: Als der Uhu einmal Präsident der Befreiten geworden war und eine Rede hielt

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Der Uhu - Foto: Imago

Es war einmal ein Land, in dem das Volk zutiefst davon überzeugt gewesen ist, daß die Gleichheit von jedem mit jedem anderen den Gipfel der Volkskunst darstellt. Und so stellten sie alles mit allem anderen gleich. Die Normalgeschlechtlichen mit den Hinübergeschlechtlichen, die Ausnahmen mit der Regel, die Kulturfremden mit den Einheimischen, den Küchenhocker mit dem Wohnzimmersessel –  und ganz zum Schluß die Tiere mit den Menschen. So kam es, daß ein Uhu ihr Präsident wurde. Da aber bei aller Gleichheit noch immer die Hierarchien galten, nannte den Uhu niemand einen Uhu, sondern alle sprachen ehrfurchtsvoll vom Präsidenten, wenn sie eigentlich den Uhu meinten. Eines Tages hielt der Uhu eine Ansprache, so, wie es seine Pflicht gewesen ist bei wichtigen Anlässen. Zum 75ten Male jährte es sich nämlich, daß die Vorfahren des Volks einen gar schrecklichen Krieg verloren hatten. Er endete mit einer fürchterlichen Niederlage.

Ein Märchen von Max Erdinger

Das Wort „Niederlage“ war keines, das dem Uhu gefiel. Obwohl alle Geschichtsbücher von einer Niederlage und der darauffolgenden Kapitulation jener Vorfahren des Volkes sprachen, die den gräßlichen Krieg so derbe verloren hatten. Der Uhu sprach lieber von einer Befreiung. Die Vorfahren des Volkes seien vor 75 Jahren befreit worden, sagte er. Und daß das Volk froh darüber sein müsse, daß seine Vorfahren befreit worden sind. Aber wovon waren sie befreit worden? Von einer Diktatur, die gar grausam gewütet hatte. Der schreckliche Diktator hieß Adolf mit Vornamen, er hatte ein Hitlerbärtchen unter der Nase und sein Nachname genau so viele Buchstaben wie der Nachname jener Frau, die das Land regierte, in welchem der Uhu Präsident geworden war. Viele Volksleute fragten sich, ob es wohl deswegen sei, daß der Uhu lieber von der Befreiung als von der Niederlage redete. Denn der Uhu verstand sich gut mit jener Regierungsfrau, die nicht wenige im Volk am Tag der Rede für die personifizierte Niederlage der Demokratie zu halten geneigt waren.

Also sprach der Uhu an jenem denkwürdigen Tag: „Man kann dieses Land nur mit gebrochenem Herzen lieben“. Die Geschichte seines Landes sei „eine gebrochene Geschichte – mit der Verantwortung für millionenfachen Mord und millionenfaches Leid“, sprach er, und daß das allen das Herz breche.

Das fanden die meisten im Lande des präsidialen Uhus richtig. Die Vorfahren jenes Volks, das nun den Uhu als Präsidenten hatte, hatten in jenem gräßlichen Krieg tatsächlich fürchterliche Gräueltaten verübt, sogar solche, die zur Kriegsführung gar nicht notwendig gewesen wären.

Doch einige aus dem Volk waren trotzdem nicht einverstanden mit der Rede des Uhus. Sie schauten sich verdutzt in ihre Gesichter und raunten leise: „Stimmt es, daß wir unser Land nur mit gebrochenem Herzen lieben können? So lange, wie wir in unserem Land leben, hat von uns keiner einen Krieg geführt und fürchterliche Gräueltaten begangen. Unser Land ist ein schönes Land, das wir aus ganzem Herzen lieben, so friedlich und gepflegt, wie es einmal gewesen ist, als wir noch jünger waren und der Uhu ein studierender Kommunist gewesen ist.“ Ein paar Vorwitzige reckten ihre Köpfe höher und riefen: „Der Uhu ist ein Nationalist! Ein Minusnationalist! Er will uns zu ewigen Schuldigen erklären, weil wir im Land unserer Vorfahren leben. Wo sollen wir denn sonst leben?“ Andere stimmten in die Rufe der Vorwitzigen mit ein und ergänzten: „Immer redet der Uhu unser schönes Land schlecht. Im nahöstlichen Ausland redet er nicht einmal in unserer Sprache, so peinlich ist ihm, daß er Präsident unseres schönen Landes ist. Aber wenn es um die Verbrechen unserer Vorfahren geht, dann ist er auf einmal ganz einer von uns mit seinem gebrochenen Herzen! Der Uhu soll vor dem Vogelhäuschen seine bitterbösen Reden halten!“

Doch der Uhu lies sich nicht beirren. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, die Unschuldigen für die Taten ihrer Vorfahren verantwortlich zu machen, indem er ihnen einzureden versuchte, daß sie genau so werden würden wie ihre Ahnen, wenn sie seinen präsidialen Worten nicht den gebührenden Glauben schenken. Wer das Eingeständnis der Schuld nicht ertrage, fuhr der Uhu fort, wer etwa einen Schlußstrich fordere, der verdränge nicht allein die Katastrophe von Krieg und Diktatur, warnte er. Und dann setzte er noch eine Dreistigkeit obendrauf. Wer einen solchen Schlußstrich fordere, so der Uhu, der entwerte auch all das Gute, das seither errungen worden sei und verleugne gar den Wesenskern seiner schönen Demokratie. Es sei überhaupt keine Schande, sich zu seiner Verantwortung zu bekennen. Die wahre Schande sei es, seine Verantwortung zu leugnen.

Da reichte es den Vorwitzigen und sie konnten ihren Unmut über das naseweise Gerede des Uhus nicht länger mehr für sich behalten. Es war wirklich schändlich und widersprach jeglicher Logik. Sie erhoben sich von ihren Plätzen und riefen dem Uhu am Rednerpult zu: „Hör´ mal, Uhu, nur weil du Präsident geworden bist, brauchst du nicht zu glauben, daß du uns jeden Unsinn erzählen darfst. Verantwortung hat man für das, was man selber tut. Niemand kann die Verantwortung für etwas übernehmen, das er gar nicht getan hat und auch niemals tun würde!“

Doch der Uhu blickte nur unwirsch von seinem Redemanuskript hoch, rückte seine Vogelbrille zurecht, und fuhr ungerührt fort. Damals sei das Volk befreit worden, heute jedoch müsse es sich selbst befreien, dozierte er. Die Vorwitzigen riefen dazwischen: „Wovon, Uhu? Wovon müssen wir uns heute selbst befreien? Haben wir etwa wieder einen Diktator? Ist es die Frau, deren Nachname so viele Buchstaben hat, wie der von Adolf mit dem Hitlerbärtchen?“ Da setzte der Uhu das nachsichtigste Lächeln auf, zu dem ein vormals kommunistischer Uhu fähig ist, und erwiderte, daß man sich heute von der Versuchung eines neuen Nationalismus selbst befreien müsse, von der Faszination für das Autoritäre. Vom Misstrauen müsse man sich ebenfalls befreien und von der Abschottung sowie der Feindseligkeit zwischen den Nationen. Auch von Hass und Hetze müsse man sich befreien, von der Fremdenfeindlichkeit und der Demokratieverachtung. Denn das alles sei gar nichts anderes als die bösen alten Geister. Die hätten heute bloß ein neues Gewand an.

Den Vorwitzigen am Rednerpult vorne reichte es nun endgültig. „Wenn wir uns von Hass und Hetze befreien müssen, Uhu, was soll dann deine minusnationalistische Hetze gegen uns?“, begehrten sie zu wissen. Im Saal brodelte es gewaltig. Aus der Tiefe des Raums hinter den Vorwitzigen flogen bereits Schuhe und Regenschirme über ihre Köpfe hinweg in Richtung des Rednerpults. Der Uhu versuchte auszuweichen, wurde jedoch von einem Adolf-Dassler-Schuh leicht gestreift, so daß ihm eine seiner grauen Kopffedern aufstand, was ihn wie einen besonders drolligen Uhu aussehen ließ. Auch aus dem hinteren Teil des Saales ertönten nun Proteststimmen. „Wir haben doch gar keine Lust, uns autoritär erzählen zu lassen, wie wir zu denken haben?! Was redest du denn da für einen Schmarrn? Wer schürt denn die Feindseligkeit zwischen den Nationen? Das bist doch du selber, zusammen mit der Frau, deren Nachname so viele Buchstaben hat wie der von Adolf mit dem Hitlerbärtchen! Wer hat denn Sanktionen gegen das Volk unserer Befreier aus dem Osten verhängt? Und was für eine Befreiung soll denn das überhaupt gewesen sein, wenn halb Europa und der östliche Teil unseres schönen Landes vom einen Diktator befreit worden sind, nur um sofort unter die Herrschaft eines anderen Diktators und Massenmörders zu fallen? Wer stänkert denn ständig voller Haß gegen den Präsidenten unserer Befreier im Westen, mit dem wir eigentlich verbündet sind? Wer schüttelt denn den ärgsten Feinden der Nachkommen jener Opfer unserer Vorfahren im nahöstlichen Ausland grinsend die Hände und gratuliert ihnen zum Jahrestag ihrer revolutionären Machtergreifung? Sind wir das, Uhu, oder bist du das? Wo wären sie denn, unsere demokratischen Grundrechte? Und wer hetzt denn mit seinen Haßreden dauernd gegen Teile unseres Volks? Bist du das, oder sind wir das?“

Da lugte der Uhu, obwohl er gerade noch vor dem Mißtrauen gewarnt hatte, recht mißtrauisch hinter seinem Rednerpult hervor und wollte präsidiale Widerworte geben, aber die aufgebrachten Vorwitzigen schnitten ihm die Rede gleich wieder ab. „Wenn du überhaupt mit irgendetwas recht hast, Uhu, dann damit, daß wir uns gegen die Feindlichkeit der Fremden schützen – und etwas gegen deine Fremdenfeindlichkeit unternehmen müssen. Du bist doch den Fremden gegenüber so feindlich, daß du sie nicht einfach Fremde sein lassen -, sondern sie integrieren willst im Uhu-Land. Und dann? Dann sind sie keine Fremden mehr. Du willst den Fremden ihr Fremdsein wegnehmen! Die haben ein Recht darauf, Fremde zu sein und zu bleiben! Erzähle uns nichts von Fremdenfeindlichkeit! Wir wissen selber, was das ist! Und was Demokratieverachtung ist, das wissen wir auch ganz genau. Die Regierungsfrau mit dem Nachnamen, der so viele Buchstaben hat wie der von Adolf mit dem Hitlerbärtchen, verachtet unsere Demokratie. Der kannst du vielleicht einmal eine Rede halten, Uhu, aber nicht uns!“

Da sah der Uhu ein, daß er gerade eine Redeschlacht verloren hatte. Weil er aber gar nicht daran dachte, deswegen gleich den ganzen Krieg aufzugeben, versuchte er listig, sich aus dem Staub zu machen, um in seiner präsidialen Uhu-Limousine zu entkommen. Da allerdings hatte er schon wieder die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn die Vorwitzigen aus dem hinteren Teil des Saals hatten sich längst außen am Gebäude vorbei zum Hintereingang aufgemacht, wo sie den Uhu abpassten und ihn gar entsetzlich rupften und zausten. Anderntags konnte man Bilder des gerupften Uhus in der Zeitung sehen, wie er völlig nackt und ohne eine einzige präsidiale Feder am Vogelkörper fluchend in seine Limousine einstieg und dem Volk dabei wütend seine gereckte Mittelkralle zeigte. Die siegreichen Vorwitzigen aber erinnerten sich ihrer alten Volksmärchen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sehen sie sich noch heute die Bilder in der Zeitung an und erzählen sich dabei das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern.