Leben und sterben lassen: Mehr Krebstote dank Corona-Maßnahmen

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Intensivstation einer Fachklinik (Symbolbild:Imago/pacificpress)

Bonn- Die perverse Alleinfixierung von Politik, öffentlichem Leben und Gesundheitswesen in Deutschland über einen Zeitraum von fast zwei Monaten hat möglicherweise mehr Menschenleben gefordert, als durch die Corona-Vorkehrungen gerettet wurden: Die Pandemie hat offenbar die Gefahr einer lebensbedrohlichen Situation bei Krebspatienten erhöht.

Davon geht die Stiftung Deutsche Krebshilfe inzwischen aus. Tatsächlich liegt es auf der Hand, dass sich – zumal angesichts der demographischen Häufigkeit von Krebserkrankungen als zweithäufigster Todesursache im Land – die Aussetzung, Verschiebung oder unzureichende Durchführung von Operationen, Früherkennungsuntersuchungen oder Nachsorgemaßnahmen statistisch zu einer erheblichen Zunahme von Todesfällen führen wird.

Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, sprach gegenüber dem ZDF-Magazin „Frontal 21“ von einer „Bugwelle“ an entsprechenden Eingriffen und Behandlungen, „die wir vor uns herschieben und die dann auch nicht mehr zeitnah durchgeführt werden können“. Dies könne für Krebspatienten tatsächlich zu lebensbedrohlichen Situationen führen. Es werde deshalb „allerhöchste Zeit, dass wir wieder zu einer Normalisierung zurückfinden“.

Zudem sprach er ein Problem an, über das auch viele Notaufnahmen, Herzkliniken und Schlaganfallsabteilungen (Stroke-Units) deutscher Krankenhäuser berichten: Viele Krebspatienten meiden aus Angst vor einer Corona-Infektion den Gang ins Krankenhaus oder rufen bei bedrohlichen Symptomen keinen Notarzt.

Fatales Vermeidungsverhalten der Patienten

Die Menschen befürchten oftmals, ohnehin nicht behandelt zu werden, weil der gesamte Klinikbetrieb – scheinbar oder tatsächlich – nur auf den erwarteten Corona-Massenansturm vorbereitet und alle anderen medizinischen Bereiche quasi auf Not- oder Nullbetrieb heruntergefahren wurden. Aus demselben Grund verzeichneten auch etliche deutsche Arztpraxen einen Patientenrückgang – und das, obwohl etliche Menschen auf die Behandlungen und fortlaufende medizinische Betreuung angewiesen sind, diese aber fatalerweise in den letzten Wochen ausgesetzt hatten.

Noch lässt sich die Mortalität dieses negativen Nebeneffekts nicht beziffern, und auch ist nicht klar, welche medizinischen Langzeitfolgen diese Unterbrechung am Ende zeigen wird; für ganz Deutschland sei dies laut Nettekoven schwer abzusehen: „Das hängt davon ab, wie schnell wir jetzt die Bugwelle wieder in den Griff bekommen“, so der Stiftungspräsident laut „dts Nachrichtenagentur“. Jedenfalls sei die Verschiebung wichtiger Versorgungsmaßnahmen nur für eine kurze Zeit tolerierbar gewesen, so Nettekoven weiter – und diese wurde möglicherweise eben überschritten.

Der Krebshilfe-Vorstandsvorsitzende drückt sich diesbezüglich recht diplomatisch aus: „Wir sind natürlich schon sehr vorsorgeorientiert vorgegangen, damit wir unser Gesundheitssystem nicht überlasten.“ Jetzt müsse allerdings analysiert werden, „ob das alles notwendig gewesen sei“ – auch mit Blick auf eine zweite Welle oder einer weitere Pandemie, die die Politik ja bereits als gesicherte Tatsache heraufbeschwört. Künftig wird man sich also vorher die Frage stellen müssen, ob retten nicht mindestens ebenso wichtig ist heilen – und ob (im übertragenen Sinn) die Arznei am Ende nicht tödlicher sein könnte als die Krankheit selbst. (DM)