Das Allergeilste: Deine Rechte

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Hans-Jürgen Papier, ehem. Präsident des Bundesverfassungsgerichts - Foto: Imago

Staatsferne Sozialverbände wurden in den vergangenen Jahrzehnten systematisch zerstört, ein Keil nach dem anderen wurde in die „Gesellschaft“ getrieben, zunehmende Vereinzelung war die Folge – und mit Vereinzelten kann der Staat praktisch machen, was er will. Zugleich vergießt er Krokodilstränen über die „gespaltene Gesellschaft“. Da stimmt doch etwas nicht?

von Max Erdinger

Gerade zur Zeit zeigt sich das überdeutlich. Während Linksautonome trotz Verbots zu Tausenden ihre traditionellen Maifeiern in Berlin abhalten, der Clanchef seine verstorbene Mutter im Beisein mehrerer hundert „Familienmitglieder“ bestatten läßt, und Politiker sich keinen Deut um „Social Distancing“ und Atemschutzmasken scheren, zahlt der Deutsche im Vollbesitz seiner individuellen Rechte 400 Euro Strafe dafür, daß er ein zuvor gekauftes Eis auf einer Sitzbank verspeist, die nicht ganz fünfzig Meter von der Eisdiele entfernt steht. Altersheime sperren kurzerhand ihre Bewohner ein. Die Gesellschaft sei gespalten, heißt es. Das ist stark untertrieben. Sie ist fragmentiert. Wer keinen Clan hat, dem er angehört, wer nicht einer mitgliederstarken und solidarischen „Bewegung“ angehört, sondern mehr oder weniger Privatier ist und mit Argusaugen darüber wacht, daß ihm kein Dritter seine „Rechte“ beschneidet, ist dieser Tage zum Spielball einer in ihrer Ignoranz widerlich gewordenen Staatsmacht geworden, die ihn drangsaliert, wie es ihr gerade gefällt.

Wo sich die Polizei großen Menschenmengen gegenüber sieht, agiert sie „deeskalierend“, wer sich ihr widersetzt, kommt davon – und der deutsche Arbeits- und Zahlmichel bekommt bei kleinsten Verstößen „die ganze Härte des Rechtsstaats“ zu spüren. Die gute alte Bundesrepublik ist in Auflösung begriffen. Was ihr nachfolgt, ist eine einzige Widerwärtigkeit von Staat. Eine einzige sozialistisch-protestantische Frau als Kanzlerin hat ausgereicht, um in Grund und Boden zu moralisieren, was Generationen vorher aufgebaut hatten. Das war ja auch das, was dem damals schon abgehobenen Kanzler Helmut „Birne“ Kohl in seiner Westarrtoganz als Qualifikation ausgereicht hat. Der „Meinmädchenkohl“ bekam seinen Fuß in die Politik, weil für ihn galt: „Sie ist eine Frau und sie kommt aus dem Osten“. Heiliger Bimmbamm, das war schon vor dreißig Jahren eine saudumme Begründung.

Die Maßnahmen zur Zerstörung traditioneller Sozialverbände waren äußerst erfolgreich. Sie liefen seit langem. Die Stammtischkultur wurde per Rauchverbot in den Kneipen hingerichtet, Familien wurden per Reform des Scheidungsrechts dem Selbstverwirklichungswahn von Frauen geopfert, Frauen gegen Männer aufgehetzt, Gretafans gegen Klimaskeptiker, Globalisten gegen Nationalstaatler, Veganer gegen Fleischesser, Radfahrer gegen Autofahrer, Kinder in den Schulen per Indoktrination gegen ihre Eltern, die Generationen wurden separiert usw.usf. Im Lauf der Jahre hat sich so ergeben, daß jeder einzelne irgendwelche Rechte gegen jeden anderen erhalten hat. Der Neuzugezogene klagt gegen das traditionelle Glockengeläut auf dem Dorf, gegen das Krähen des Hahns auf dem Mist – und in der Stadt gegen den Kinderlärm auf dem Spielplatz. Und alle zusammen reservieren sie im Urlaub ihre Liegen am Pool mit ihren Handtüchern, bevor sie zum Frühstück gehen. Das Volk der Berechtigten paßt bestens zu jener Widerwärtigkeit, die als Staat der guten alten Bundesrepublik nachfolgt. Wäre das nicht auch mein Land, und wäre es nicht auf dem Land in diesem Land noch so, daß hier Leute mit einem gesunden Menschenverstand und vor allem Anstand wohnen, die den rapide voranschreitenden Zerfall ihrer alten Bundesrepublik ebenfalls mit ungläubigem Staunen verfolgen, – es wäre mir völlig egal, wer von den rot-grünen, pseudoschwarzen Merkelwählern in der Stadt von wem genau abgestochen wird. Selber schuld, verpeilter Haufen.

Seine Freiheiten

Der zeitgeistige Deutsche ist rundum berechtigt. Er hat Freiheiten. Die begreift er als den Plural von Freiheit. Eine einzige Freiheit ist nur ein Mückenschiß gegen eine Vielzahl von Freiheiten, denkt er. Je mehr Freiheiten, desto freiheitlicher. Daß es sich bei seiner Vielzahl von Freiheiten mitnichten um irgendetwas handelt, das mit Freiheit zu tun hätte, kommt und kam ihm nie in den Sinn. Daß seine geschätzten Freiheiten in Wahrheit nur Gestattungen, Erlaubnisse und Konzessionen sind, derentwegen er alles das tun darf, was ihm ansonsten in einem ähnlichen Umfang explizit verboten ist, kommt dieser Schlafmütze nicht in den Sinn. Es muß ja alles geregelt sein. Gott bewahre, es würde sich hierzulande jemand seinen eigenen Kopf darüber zerbrechen, was wohl geht und was nicht. Daß Stammtischbrüder, die sich seit Jahrzehnten in derselben Kneipe treffen, Stammtischreden schwingen, dabei trinken und rauchen, geht gar nicht. Es könnte ja sein, daß er genau diese Kneipe ein- oder zweimal im Jahr aufsuchen wollen würde. Da wäre es schön, wenn er auf sein Recht vertrauen darf, von den Eigenarten anderer Leute nicht belästigt zu werden. Er lebt gern gesund, und daß er gesund bleibt bis zu dem Tag, an dem er ohne die Schuld eines Anderen sterbenskrank wird, sorgt der Staat mit seinem Gewaltmonopol. Jedenfalls so lange, wie ihm kein Kulturfremder ans Leder will. Von denen haben viel ihr eigenes Gewaltmonopol. Das freilich nimmt er gern hin, weil gesund sein zwar gut ist, aber tolerant sein noch viel besser. Besser ist wichtig. Wichtiger als gut, sozusagen. Die Idioten sind die anderen, die Ewiggestrigen, die na-du-weißt-schon. Genau die.

Früher, als das noch nicht so furchtbar konsequent gehandhabt worden ist, hätten die Dorfbewohner nach dem Glockenläuten am Stammtisch selbst dafür gesorgt, daß ein solcherart Berechtigter fürderhin ein sozialverträgliches Verhalten an den Tag legt – und wenn sie ihm dafür eine Abreibung („a Fotzn“) verpaßt hätten. Aber was ist heute eine Abreibung? – Körperliche Gewalt. Und die ist streng verboten, weil ein jeder das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit hat. Sogar die widerlichste Kreatur unter den Zweibeinern. Außer, er ist noch ein widerlicher und frauenrechtsfeindlicher Embryo. Dem darf man mit Zangen den Schädel zerquetschen. Weil wir eine menschliche Gesellschaft sind, in der es nicht nur Menschenrechte, sondern oben drüber auch noch die Frauenrechte gibt, die es exclusiv den Frauen überläßt, zu definieren, was wohl eine Frau ihrer Natur nach sei. Männer haben ihre Fortpflanzungsorgane sowieso nur, weil sie Schweine sind. In Fortpflanzungsfragen haben sie schön brav den Mund zu halten. Was die wollen oder nicht wollen, ist völlig wumpe. Die Alten und Kranken wiederum dürfen auf gar keinen Fall sterben, weil es keine Sterbeberechtigung gibt. Das alles zusammen ist die „menschliche Gesellschaft der vollumfänglich Berechtigten“. Sie begreift sich als besonders zivilisiert. Und ein Kulturvolk ist sie außerdem. Aus lauter Gewohnheit. Vorwärts immer, rückwärts nimmer, „nach vorne schauen“ – so wird die Degeneration zuverlässig verhindert. Irrtum.

Seine Steigerungen

Neben allen seinen Freiheiten hat der vollumfänglich Individualberechtigte vor allem eines ins Herz geschlossen: Seine Steigerungen. „Besser“ hat er es am liebsten, weil „gut“ einfach nicht gut genug ist. Alt wird er auch nicht mehr, sondern – viel besser – er wird nur noch „älter“. Alte Menschen gibt es nicht mehr. Das sind heute „ältere Menschen“. Alter ist so etwas wie Hautausschlag geworden. Nicht schön. Also „älter“. Demokratisch ist auch nicht gut genug. Der Berechtigte hätte es gern immer „demokratischer“. „Gerechter“ und „freiheitlicher“ hätte er es auch gern. Und damit er nicht vorzeitig ablebt, läßt er sich Sperrflächen vor die Linksabbiegerspur auf die Straße hinpinseln, weil diese Sperrflächen sein Leben irgendwie „sicherer“ als sicher machen. An einer kurzen Brückenbaustelle auf einer völlig unbelebten Landstraße frühmorgens um fünf bleibt er vor der roten Ampel stehen, auch wenn er selbst ganz genau sehen kann, daß während der zwei Sekunden, die er bräuchte, um über diese kleine Brücke zu fahren, aus der Gegenrichtung niemand kommt. Warum? – Weil es „sicherer“ ist, nicht selber zu denken. Überhaupt ist es „sicherer“, den Pferden das Denken zu überlassen, „denkt“ er, weil die nämlich die größeren Köpfe haben. Das alles nennt er „vernünftig“.

Jetzt sitzt er

Jetzt sitzt er da in seiner Quarantäne. Seinen sechzigsten Geburtstag würde er gern feiern mit Freunden in seinem Garten. Grillen würde er gern, Lampions aufhängen und viel Bier trinken, lustig sein, mit den anderen Vernünftigen anstoßen und alles das. Und jetzt darf er nicht. Es fehlt ihm die Berechtigung. Es fehlt ihm in seinen ganzen Freiheiten diese eine Freiheit im Detail. Im Fernsehen sieht er die Bilder von der 1.Mai-Demo in Berlin und wie deeskalierend die Polizei sich verhält. In seinem Garten wäre die nicht so deeskalierend, wenn sie die Party auflöst. Das weiß er. Und teuer werden würde das, sein lieber Scholli. Bußgelder, daß es kracht im Portemonnaie. Er sieht in seinem Quarantänefernsehen, wie eine Roma-Familie mit 300 Leuten jemanden bestattet – und die Einblendung, daß er schön zuhausebleiben soll. Alle diese lieben Menschen sieht er, die so furchtbar unvernünftig sind in seinem Fernseher, daß sie erst noch integriert werden müssen, um so vernünftig zu werden wie er selbst. Bei der Beerdigung des Altbürgermeisters vergangene Woche waren nur 30 Personen erlaubt, die schön Abstand voneinander halten mussten. Vorbildlich haben sie das gemacht.

Aber jetzt: Sondersendung „Lockdown“. Da heißt es, die Äuglein fein herausdrehen und die Ohren gespitzt. Es ist eine ARD-Sendung. Das sind die besten. Da weiß man Bescheid hinterher. Ok – kein Oktoberfest dieses Jahr. Ok – kein Urlaub im Ausland. OK – zweite Infektionswelle könnte kommen. Und weil das so ist, müssen wir die erste schon gehabt haben. Welle-welle-welle. Was für ein Glück, daß es den Söder gibt. Starker Mann. Und die Kanzlerin erst. So eine umsichtige Person. Was für ein Glück, ein vollberechtigter Deutscher mit vielen Freiheiten zu sein. Da möchte man auf gar keinen Fall sterben, so mutterseelenallein, wie das Leben schön ist.

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