Wie viele Menschen müssen noch sterben, weil sie kein Corona haben, Herr Spahn?

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Jens Spahn bei einem Klinikbesuch (Foto:Imago/photothek)

Berlin – Seit über sechs Wochen konzentriert sich die gesamte staatliche Aufmerksamkeit nur noch auf Corona; das Gesundheitssystem wurde auf einen befürchteten Ansturm an Atemwegs-Patienten mit Covid-19 vorbereitet. Völlig aus dem Blick geriet dabei der reguläre medizinische Betrieb – offenbar so sehr, dass dringende Notfälle, Operationen und Akutbehandlungen dabei vernachlässigt wurden, obwohl genau dies nicht hätte passieren sollen.

Bereits Anfang April hatten sich Berlins Urologen voller Sorge an die Regierung gewandt und darauf hingewiesen, dass womöglich lebensrettende Vorbeugeuntersuchungen oder prophylaktische Operationen ausgesetzt wurden. Notfallambulanzen meldeten zuletzt drastische Rückgänge an Schlaganfall- und Infarktpatienten – offenbar weil die Menschen Krankenhausbesuche absichtlich vermeiden, sei es aus Sorge vor Ansteckung mit Krankenhauskeimen oder aufgrund der (teilweise begründeten) Annahme, der gesamte Klinikbetrieb sei ohnehin nur auf Corona-Fälle umgestellt worden.

Jetzt, angesichts eines deutlich hinter den Prognosen zurückgebliebenen (und sich weiter abschwächenden) Verlaufs der Corona-Pandemie in Deutschland, hat CDU-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Länder aufgefordert, die Zahl der in den Krankenhäusern für Infizierte reservierten Intensivbetten wieder herunterzufahren und die Kliniken schrittweise wieder für die Versorgung anderer Patienten zu öffnen. Die Entwicklung bei den Neuinfektionen lasse dies absolut zu.

Zum Zweck einer baldigen Rückkehr zur Regelversorgung hat die Bundesregierung einen Zehn-Punkte-Plan vorgestellt, demzufolge drei Gruppen von Patienten bevorzugt wieder behandelt werden sollen: Erstens jene, bei denen eine Verschiebung der Behandlung die Lebenserwartung verkürze; zweitens jene, bei denen eine zeitliche Verzögerung der Behandlung zu „unverhältnismäßigen Funktionseinschränkungen“ führen würde. Und drittens auch Patienten, die unter „lebensqualitätseinschränkenden Symptomen“ leiden. Im Umkehrschluss bedeutet dass, dass diese drei Gruppen bisher sträflich vernachlässigt wurden, weil der Krankenhaus-Normalbetrieb suspendiert war.

Auch die nähere Konkretisierung, wie die Rückkehr zu diesem Normalbetrieb ablaufen soll, verrät einiges darüber, was hier in den letzten Wochen tatsächlich auf der Strecke geblieben war: Ein „Teil der Krankenhauskapazitäten“ solle nun wieder für „planbare Operationen“ genutzt werden, heißt es laut „dts Nachrichtenagentur“ in einem Konzept Spahns, das er am Montag an seine Ressortkollegen aus den Ländern verschickte. Damit wird also eingeräumt, dass die Kliniken seit Mitte März – und zwar deutschlandweit – die „medizinisch nicht zwingend notwendigen planbaren Aufnahmen und Operationen“ verschoben haben, um für die Behandlung von Corona-Patienten vorbereitet zu sein.

Was bedeutete „nicht zwingend notwendig“?

„Nicht zwingend notwendig“ – dies kann etwa eine die Entfernung eines Tumors sein, der im März zwar noch nicht gestreut hat, bis zum späteren Ersatztermin der OP jedoch sehr wohl, oder ein Eingriff bei Gewebeveränderungen, die in einigen Monaten womögliich bösartig werden. All dies wurde offenbar für Covid-19 in Kauf genommen – und schlimmstenfalls könnten Herz- oder Krebspatienten deswegen sogar gestorben sein. Ein Arzt aus Sachsen-Anhalt, der anonym bleiben möchte, bestätigte gegenüber jouwatch, dass einer seiner Patienten sein Augenlicht verloren habe, weil ihn keine Klinik trotz faktischen Leerstands operieren wollte – wegen Corona. Ein anderer Krebspatient, der dringend operiert werden musste, versuchte es vergeblich in mehreren Krankenhäusern, die alle freie Kapazitäten hatten, wegen Corona aber blockiert waren. Er konnte erst in letzter Sekunde in Dresden behandelt werden. Den sozialen Medien sind unzählige ähnlich gelagerte Fallschilderungen zu entnehmen.

Eine Statistik wird zu solchen Todesfällen freilich nicht geführt – doch es ist zu befürchten, dass ihre Zahl die der (wirklich ursächlich an Covid-19 verstorbenen) Corona-Todesfälle deutlich übersteigt. Anscheinend wusste das Gesundheitsministerium seit längerem von diesen Folgen: Im Konzept wird offen eingeräumt, „das Verschieben von dringlichen Eingriffen, etwa bei Tumoren, oder von planbaren Operationen, etwa zum Hüftersatz“, würde für die betroffenen Patienten „gesundheitliches und seelisches Leid nach sich ziehen“. Man wusste also, dass die Corona-Vorbereitung konkrete gesundheitliche Nachteile nach sich ziehen wird.

Auch dass Patienten selbst bei kritischen Notfällen wie Herzinfarkten oder Schlaganfällen keine ärztliche Hilfe mehr in Anspruch nähmen, wusste das Ministerium: Weil dies zu einer „Verschlechterung der Versorgung in Deutschland insgesamt“, führe, heißt es in Spahns Konzept, müssten die Bürger nun „neu dafür sensibilisiert“ werden, „dass sie bei solchen Notfällen ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen müssen“. Die Angst vor einer Corona-Infektion dürfe „hier nicht überwiegen“. Dass es die Regierung selbst war, die mit ihren von den Medien mitgetragenen Katastrophenszenarien diese Angst erst schürte, verschweigt das Papier.

Prognostizierte Kranke wichtiger als schon existierende

Dafür wird darin mit kaltschnäuziger Gleichgültigkeit und nüchtern festgestellt: Da die „geschaffenen Kapazitäten“ für die Versorgung von Covid-19-Erkrankten „aktuell nicht vollständig genutzt“ werden, und die Zahl der Neuinfektionen derzeit „nur linear“ ansteige, könne jetzt auch für die Kliniken schrittweise ein „neuer Alltag“ entwickelt werden. Konkret empfiehlt Spahn den für die Krankenhäuser zuständigen Ländern, dass die Kliniken bis auf Weiteres nur noch 25 statt bisher 50 Prozent der Intensivbetten für Covid-19-Patienten frei halten sollen. Die OP-Kapazitäten sollten in einem ersten Schritt zu 70 Prozent für planbare Operationen geöffnet werden. Die Rate solle dann in Abhängigkeit vom Infektionsverlauf alle zwei Wochen um zehn Prozent angehoben werden.

Die – stetig größer werdende – Reserve bei Intensivbetten solle je nach Pandemie-Entwicklung schrittweise heruntergefahren werden, heißt es in dem Konzept des Gesundheitsministers, über das auch die Zeitungen des „Redaktionsnetzwerks Deutschland“ berichteten. Um zu klären, welche Patienten nun dank der freien Kapazitäten behandelt werden sollen, hat Spahn mehrere medizinische Fachgesellschaften um einen Kriterienkatalog gebeten. „Eine Priorisierung ist aufgrund der weiterhin beschränkten Kapazitäten erforderlich“, heißt es zur Begründung. Nach den bereits vorliegenden Empfehlungen der ärztlichen Gesellschaften sollen beispielsweise Operationen bei schnell fortschreitenden Erkrankungen „bevorzugt“ werden – insbesondere betreffe dies, wie es explizit heißt, die Behandlung von Krebskranken. Die Regierung kannte also das Problem: Sie hat den Tod von bereits existierenden Schwerkranken billigend in Kauf genommen, um auf einen erwarteten Ansturm potentiell Schwerkranker vorbereitet zu sein. (DM)

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