Absurde Corona-Zahlenspiele: Wer nimmt das RKI eigentlich noch ernst?

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Wieler in Action (Foto:Imago/IPON)

Allmählich verlieren auch Politiker der etablierten Parteien und die „seriösen“ Medien im Land das Vertrauen in die Corona-Einschätzungen und Prognosen des Robert-Koch-Instituts (RKI). Zuerst vermeldete RKI-Chef Wieler gestern einen Anstieg der Reproduktionszahl auf 1 – obwohl es Tag für Tag faktisch weniger Corona-Infizierte im Land gibt; abends ruderte er dann wieder zurück. Die Behörde verfolgt offensichtlich das Ziel, den Regierungsalarmismus möglichst lange aufrechtzuerhalten.

Kanzlerin Merkel hatte eine R-Zahl von „unter Eins“ zum Hauptkriterium für die Aufrechterhaltung von Corona-Beschränkungen gemacht, nachdem sie zuvor den Verdoppelungszeitraum neuer Infektionen als Maßstab genannt hatte; ebenso wie bei letzteren die Zielvorgaben rasch übererfüllt waren, stellte sich auch bei der R-Zahl rasch heraus, dass diese schon seit Mitte März bei Eins oder darunter lag; Ende vergangener Woche erreichte sie 0,7. Nun hätte die Regierung eigentlich sofort weitere Lockerungen einleiten müssen – doch stattdessen wird weiter gemahnt und gedroht, was in diesem Fall auf dem Spiel stehe.

In diesem Kontext sind die offenkundigen Tricksereien zu verstehen, mit denen das RKI ein übertriebenes Gefahrenszenario weiterhin aufrechtzuerhalten sucht: Sein Präsident Wieler berichtete gestern vormittag zunächst von einem „gerundeten Wert 1“; die exakte Zahl lag jedoch eigentlich bei 0,97  – ein entscheidender Unterschied, denn damit kommt die Ausbreitung zum Erliegen, während sie bei R1 weiterläuft. Doch mit solchen Details hält sich Katastrophenpriester Wieler natürlich nicht auf. Im Gegenteil: Er betonte stattdessen, die Reproduktionszahl „dürfe bei der Bewertung des Epidemieverlaufs nicht isoliert betrachtet werden“ – was wohl heißen soll: So ausschlaggebend ist die R-Zahl plötzlich doch nicht.

„Politisch motivierte Zahlen“

Kein Wunder, dass da kritischen Beobachtern des Krisenmanagements der Kragen platzte. So griff der stellvertretende FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki das RKI und Wieler scharf an und monierte, deren Informationen „vermitteln eher den Eindruck, politisch motivierte Zahlen zu sein als wissenschaftlich fundiert“. Mit Blick auf die ominöse R-Zahl gab er zu bedenken, dass für Bayern, dem Land mit den meisten Infektionen, Ministerpräsident Markus Söder gerade einen aktuellen R-Wert von 0,57 verkündet habe; zudem sänken bundesweit die Infektionsraten. Wie angesichts dieser Entwicklung ein R-Wert von 1 zustandekommen solle, „erschließt sich nicht einmal mehr den Wohlmeinendsten“, so Kubicki.

Wieler selbst rechtfertigte diese Widersprüche mit einem „Methodenwechsel bei der Berechnung des Wertes“. Was hier wohl ebenfalls eine Rolle spielt, ist die wachsende Zahl an Tests: Wo mehr getestet wird, gibt es auch mehr Fälle. Zudem treten Verzerrungen durch Meldeungenauigkeiten auf: So berichteten Labormitarbeiter gegenüber Jouwatch, dass mangels Laborkapazitäten oftmals tageweise keine Testungen untersucht werden konnten. Sobald der Rückstand aufgeholt sei, werden die Testergebnisse verspätet nachgemeldet. So kommt es zu einem scheinbaren Anstieg der Fälle.

Weil nach wie vor keinerlei repräsentative regelmäßige Tests vorliegen und der gegenüber Öffentlichkeit kein Nachweis darüber geführt wird, wieviele Tests in welchem Zeitraum durchgeführt wurden, wieviele exakt davon positiv und wieviele negativ waren, ist das gesamte Daten-Monitoring der Pandemie ein einziger Blindflug. Kubicki fasst die Skepsis gegenüber dem RKI wie folgt zusammen: „Es trägt nicht dazu bei, die täglichen Wasserstandsmeldungen des Instituts noch für seriös zu halten.“

Auch unter bisher eher wohlmeinenden Journalisten steigt die Irritation. Olaf Gersemann, „Welt“-Ressortleiter für Wirtschaft und Finanzen, twitterte gestern ebenfalls sein Erstaunen und verwies dabei auf grundverschiedene Forschungsresultate zur aktuellen R-Zahl bei anderen Instituten:

Screenshot:Twitter

Vermutlich war der heftige Gegenwind ausschlaggebend dafür, dass Wielers Institut gestern abend nochmals vor die Presse trat – und plötzlich die Zahlen vom Vormittag wieder revidierte: Die R-Zahl sei tatsächlich auf 0,9 gesunken. Auf Nachfrage des „Redaktionsnetzwerks Deutschland“ erklärte eine Sprecherin, die unterschiedlichen genannten Werte ergäben sich aus einer „zeitlichen Überschneidung“: Der Situationsbericht mit dem Wert für den nächsten Tag sei gestern „überraschend schnell“ eingetroffen, weshalb es sich „nicht um eine Korrektur, sondern nur um den aktuelleren Wert“ handele. Wieler hätte sich in der Pressekonferenz noch auf den Bericht vom Vortag bezogen. (DM)

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