Neue Normalität: Kein Körperkontakt mehr – sterben „wir“ bald aus?

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Günter Wallraff - Foto: Imago

Der linkspopulistische Investigativjournalist Günter Wallraff verblüfft in der „Süddeutschen Zeitung“ mit einem umstrittenen Vorschlag. Er plädiert für neue Umgangsformen nach der Coronakrise. Das Händeschütteln soll als Begrüßungsritual der Vergangenheit angehören, meint der 77-Jährige und erntet dafür viel Kopfschütteln. Über die Zukunft des Körperkontakts.

von Max Erdinger

Reich mir die Hand, mein Leben. Das verspreche ich dir in die Hand. Das Geschäft mit einem Handschlag besiegeln. Eine Hand wäscht die andere. Händel miteinander austragen. Jemanden an die Hand nehmen.

Die menschliche Hand ist sehr wichtig. Sie schafft Vertrauen. Dem Kleinkind gibt sie Sicherheit, wenn es „an der Hand geht“.

Aus und vorbei. Die Hand ist nicht mehr viel mehr, als eine Bazillen- und Virenschleuder, direkt todbringend, wenn es nach dem umstrittenen Günter Wallraff geht. Das Händeschütteln soll fürderhin unterbleiben. Das könne kein Problem sein, meint er, weil andere Kulturen auch ohne Händeschütteln auskommen. Womit andere Kulturen auskommen, ist generell ein beliebtes Argumentationsmuster von Linken, um die Unterlegenheit der deutschen Kultur anderen Kulturen gegenüber zu illustrieren. In der islamischen Welt kommt man bisweilen sogar ganz ohne Hände und Köpfe aus. In China braucht man keine Menschenrechte und in Nordkorea keine Rechtsschutzversicherung. So ist das mit den Kulturen.

Die Globalisierung als natürlicher Feind des Händedrucks

In unserer heutigen immer mobileren und zusammenwachsenden Welt werden Pandemien – so prognostizieren Epidemiologen – in Zukunft immer häufiger auf uns zukommen.„, führt der umstrittene Autor und Journalist kenntnisreich aus. Die Lösung des Problems à la Wallraff: Keine Hände mehr schütteln. Schon kann die Welt problemlos weiter zusammenwachen und immer pandemischer werden. Eine auseinanderwachsende Welt mit immer seltener auf uns zukommenden Pandemien bei traditionellem Händeschütteln scheint keine Option zu sein. Das scheint er sich aber nicht richtig überlegt zu haben, der 77-Jährige. Nach derzeitigem Kenntnisstand wird nämlich mit jeder weiteren Pandemie auch ein weiterer „Lockdown“ einhergehen, so daß sich schon deswegen kaum Gelegenheiten zum Händeschütteln ergeben werden.

Sollte mit jeder weiteren Pandemie kein weiterer „Lockdown“ einhergehen, würden schließlich diejenigen in arge Erklärungsnöte geraten, die wegen Covid-19 einen verfügt hatten. Erklärungsnöte jedoch sind das letzte, worein sich die Verantwortlichen für den gegenwärtigen „Lockdown“ begeben würden. Dann schon lieber Händeschütteln, Atemschutzmasken verkehrt herum aufsetzen und zu elft im Aufzug fahren. Gesundheitsminister Spahn machte bereits vor, wie persönliche Pandemieverachtung geht.

Pikante Fragen

Gerade in den sexuell befreiten Gebieten dieser zusammenwachsenden Welt wurde die Fortpflanzung als sinnstiftendes Element jedweder sexuellen Betätigung zu einem von vielen denkbaren Motiven hinter der Triebhaftigkeit. Vom Händeschütteln ist aber noch niemand geil geworden. Und selbst Günter Wallraff ist vermutlich nicht ganz klar, was z.B. für Homosexuelle damit gewonnen sein soll, daß sie sich in anonymen Klappen nicht erst die Hände schütteln, bevor es an den Blowjob geht. Auch der Cunnilingus unter den Heterosexuellen könnte unter den pandemischen Gesichtspunkten einer zusammenwachsenden Welt weit problematischer sein, als das Schütteln zarter Damenhände. Die pikanten Fragen aber nur am Rande.

Was ist mit körperlicher Berührung überhaupt? Kann man sich noch an einer starken Schulter anlehnen, wenn sie erst dadurch stark geworden ist, daß ihr vorher jemand mit seinen Händen aufmunternd draufgeklopft hat? Gerade beim aufmunternden Auf-die-Schulter-klopfen springen die globalen Viren voll der pandemischen Hektik von der Hand über auf das Schulterstück, an dem sich später jemand arglos anlehnt. In einer weiter zusammenwachsenden Welt mit ihrer ganzen Menschlichkeit könnte tatsächlich die aufgemunterte Schulter das Problem sein, und nicht die geschüttelte Hand. Außerdem gibt es die Hand ja auch nicht nur in geschüttelter Form, sondern auch in der tröstenden, der streichelnden – und ja – auch in der gebenden Version. Zum Beispiel bei Kartenspielern. Einer gibt – und alle anderen stecken sich an. Und was ist mit Teppichkanten? Soll man es wirklich noch riskieren dürfen, über eine solche zu stolpern und mit dem Gesicht genau dort auf dem Fußboden zu landen, wo ein Anderer vorher einen Handstand gemacht hat? Wird man jemals wieder ein Treppengeländer anfassen können in der zusammengewachsenen Treppengeländerwelt, der immer mobiler werdenden? Das sind ernsthafte Fragen im Angesichte der prognostisch zusammengewachsenen Epidemiologen in der globalen Mobilvirenwelt.

Ganzkörperkondome

Bevor wie nun zum effektivsten Schutz vor dem Segensreichtum einer zusammenwachsenden Welt und ihren prognostizierten Pandemien kommen, dem bunten und vielfältigen Ganzkörperkondom, wäre es eventuell sinnvoll, sich einmal zu überlegen, welche sozialen Auswirkungen schon die milde Form des Schutzes, nämlich die Atemschutzmaske, für die Globalmenschlichen bereithält. Stellen wir uns die Fußgängerzone einer Großstadt vor. Tausende von menschlichen Mitmenschen, die vom Kinn bis über die Nasenspitze maskiert sind. Nur die Augen transportieren noch Mimik. Man weiß nicht: Kneift der Andere die Augen zusammen, weil er Schmerzen hat, oder weil er lacht? Tausende Menschen umgeben einen – und man kann ihre Mimik nicht mehr erkennen. Es gibt keine Typen und keine Originale mehr. Alle sind nur noch Maskenmenschen – und dadurch Menschenmasken. Ist das der Preis, den wir für den Segensreichtum einer immer weiter zusammenwachsenden Welt mit ihren häufiger auftretenden Pandemien zu zahlen bereit sind? – Will das irgendwer? Und was gäbe es für so jemanden gegen ein Ganzkörperkondom einzuwenden, wenn es doch der Welt beim mobilen Zusammenwachsen hilft?

Die Antwort ist wahrscheinlich recht simpel. Günter Wallraff dachte vermutlich nicht länger über das nach, was er dann als cleveren Vorschlag abgeliefert hat. Und hygienische Gründe sind wahrscheinlich nicht wirklich ausschlaggebend dafür, daß in anderen Kulturen andere Begrüßungsrituale gelten. Die Hand muß bleiben, die Gesichter müssen bleiben.

Daß Linke allerdings kein Problem damit haben, erstens die eigene Kultur für eine schwachsinnige Idee in die Tonne zu treten, und daß sie darüber hinaus auch kein Problem damit haben, den Menschen auf eine statistische Größe als Virenträger zu reduzieren, ist längst bekannt. Das bezieht sich nicht einmal nur auf Viren im virologischen Sinne, sondern auch auf ideologische Viren. Sozialisten und Kommunisten hatten noch nie ein Problem damit, ihre politischen Gegner auf einen Virenstatus herunterzudefinieren – und sie in der Folge dann auch genau so zu behandeln. Insofern ist bei dem 77-jährigen Günter Wallraff noch alles beim Alten. Es ist endgültig an der Zeit, diesen pandemischen Globalisierungs-Schwachsinn hinter sich zu lassen. Durchaus „im Namen der Menschlichkeit“.