Krisen-Management: Alle sind beschränkt, nur Merkelland nicht?

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Armin Laschet und der Mundschutz...; Foto: Screenshot Twitter
Armin Laschet und der Mundschutz...; Foto: Screenshot Twitter

Mit fast 70.000 Kranken steht Deutschland auf einem beschämenden Platz 5 der weltweiten Corona-Rangliste. Die deutsche Presse aber kritisiert nur die Zustände im Ausland. Im Inland ist angeblich alles prima, so der Tenor.

Von M. Sattler

Wer die deutsche Presse dieser Tage liest, gewinnt den Eindruck, in allen Ländern außerhalb Deutschlands ginge es in Sachen Corona schlimm zu, nur bei uns stehe alles zum Besten. Kein Wörtchen Kritik ist zu lesen, kein Journalist fragt, warum es im Industrieland Deutschland auch nach vier Monaten Pandemie immer noch nicht genug Schutzkleidung für Ärzte gibt und auch keine Masken für die Bevölkerung.

Keine Talkshow lässt darüber debattieren, warum Deutschland bei allen Maßnahmen gegen die Kankheit immer als letztes Land in Europa gehandelt hat und ob nicht zumindest ein großer Teil der 650 Toten, die wir bislang zu beklagen haben, hätte verhindert werden können, wenn sich die Politik frühzeitig mit dieser Gefahrenlage beschäftigt hätte. Solche selbstkritischen Themen sind in der deutschen Presse derzeit komplett tabu.

Die Gründe für diese auffällig unkritische Berichterstattung liegen auf der Hand: Jede Kritik an der schlechten Vorbereitung und dem späten Handeln unserer Regierung mündet unweigerlich in eine Kritik an der Gottkanzlerin. Natürlich ist Merkel als Chefin mitverantwortlich für Spahns Schlafmützigkeit.

Natürlich ist sie als Bundeskanzlerin mitverantwortlich für die mangelnde Vorbereitung der deutschen Behörden. Und natürlich ist sie sogar hauptverantwortlich für das in ihrer 15-jährigen Amtszeit systematisch kaputt gesparte Gesundheitswesen. Aber Kritik an der größten Kanzlerin aller Zeiten, welcher Art auch immer und selbst in indirekter Form, ist bei uns bekanntlich ein No-Go.

Statt also die Sachlage im Inland zu hinterfragen, mokiert sich unsere Presse mit umso größerem Eifer über die Zustände im Ausland. Dabei folgt die Berichterstattung auch beim Thema Corona dem simplen Freund-Feind-Denken, das für die journalistische Betätigung der Merkel-Zeit so charakteristisch ist: Trump ist doof, also sind die USA auch zu beschränkt, um Corona in den Griff zu bekommen. Rund um die Uhr meldet die deutsche Presse entsprechend aus den USA, was dort alles falsch gemacht wird, und warum dies nicht klappt und jenes nicht. Schadenfroh berichtet man über weinende Krankenschwestern aus New York. Weinende Krankenschwester daheim in Deutschland, über die man ebenso berichten könnte, gibt es angeblich nicht.

Auch Ungarn ist wieder mal ein Dauerbrenner für deutsche Journalisten: Schlimm und übel sei es dort, das Reich des Bösen sozusagen, Orban wolle jetzt sogar die Diktatur. Aber in Deutschland geht alles immer nach Recht und Gesetz zu, vor allem unter Merkel. Dass Ungarn genau wie die meisten anderen osteuropäischen Länder im Gegensatz zum vergammelten Westeuropa auch in Sachen Corona stets schnell, entschlossen und konsequent gehandelt hat und daher heute nur 400 Kranke hat, pro Kopf also sage und schreibe zwanzigmal (!) weniger Kranke als Merkelland, liest man natürlich nicht.

In Italien und Spanien werden seit Wochen mit wahrer Wonne die schrecklichen Zustände beklagt, deutsche Journalisten haben hier ein echtes Fressen gefunden. Dahinter steckt ebenfalls mehr als bloßer Katastrophenvoyeurismus: Je schlimmer man die Lage in Italien und Spanien darstellt, desto mehr Eigenlob schimmert gleichzeitig durch, solche Verhältnisse könne es in unserem tollen Deutschland, wo dank Merkel alles super ist, nicht geben.

Selbst über Frankreich liest man nur Schauermärchen. Dass Macron mit seiner verhältnismäßig frühen und konsequenten Ausgangssperre bereits die Reißleine gezogen hat, als Merkel und ihr Totalausfall Spahn immer noch im tiefsten Dämmerschlaf verharrten, wird nicht thematisiert. Auch dass Frankreich anfangs mehr Kranke hatte als Deutschland, jetzt aber Deutschland dank Spätzünderin Merkel 50 Prozent mehr Kranke hat als Frankreich, ist keine Meldung wert. Dass es andere besser machen als wir, darf eben nicht sein.

Österreichs Bundeskanzler Kurz, bei Corona wie in jeder sonstigen Hinsicht immer zwei Schritte weiter als seine behäbige Kollegin in Berlin, wird von der deutschen Presse ohnehin verschwiegen: Sebastian Kurz als Ex-Partner der FPÖ gilt in vielen deutschen Redaktionsstuben trotz seines derzeitigen Bündnisses mit den Grünen weiterhin als persona non grata, ist also nicht zitierfähig. Wenn überhaupt aus Österreich berichtet wird, dann ebenfalls nur Schlechtes: wie man in Ischgl angeblich das Virus wegen der Skisaison vertuschen wollte. Dass man das Virus auch daheim in Merkelland aufgrund der Faschingszeit wochenlang kleingeredet hat, ist hingegen kein Thema.

Und natürlich Großbritannien: Dort hat Boris Johnson zu Anfang genau dieselbe laxe Haltung an den Tag gelegt wie die Gottkanzlerin, die in ihrem ersten Fernsehauftritt ja noch von 60-70 Prozent Infizierung in Deutschland faselte, Motto: jetzt ist das Virus halt da. Und wie dankbar griff die deutsche Presse noch Anfang März Vergleiche mit Grippewellen auf. Aber kritisiert wird immer nur England, weil dort der böse Boris regiert. Von den eigenen Sünden der Anfangszeit ist in deutschen Medien nichts zu lesen.

Besserwisserei und Führerkult, zwei klassische Vorurteile gegenüber uns Deutschen, erleben gerade wieder eine Blütezeit im deutschen Journalismus: Am deutschen Wesen wird die Welt genesen, und der Führer hat immer recht. Es wäre interessant zu erfahren, wie ausländische Korrespondenten die deutsche Berichterstattung dieser Tage wahrnehmen.

Dieser Beitrag erschien zuerst hier