Covid 19: Das Diktatorenvirus im Kopf

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Demokratieroboter? Diktator? - Foto: Imago

Wir haben nicht nur eine Coronakrise und eine Wirtschaftskrise, sondern auch eine Demokratiekrise. Neueste Umfragen ergeben, daß CDU und SPD in der Wählergunst zulegen, während der deutsche Bundestag seiner eigenen Entmachtung zustimmt. Künftig wird die Anwesenheit eines Viertels der Abgeordneten zur Beschlußfähigkeit ausreichen. Bisher war mehr als die Hälfte nötig gewesen. Was passiert da gerade?

von Max Erdinger

„Man verdirbt einen Jüngling am sichersten, wenn man ihn verleitet, den Gleichdenkenden höher zu achten als den Andersdenkenden“, meinte Friedrich Nietzsche. „Mehrheit ist kein Beweis für die Wahrheit“, wußte bereits Seneca. „Infiziert uns bloß nicht mit Nietzsche und Seneca. Covid 19 reicht schon!“, rufen angstvoll die Deutschen und scharen sich trostsuchend vor den Lautsprechern und den Bildschirmen der Hofberichterstatter.

„Hofberichterstatter“ ist keine pejorative Bezeichnung für die Öffentlich-Rechtlichen mehr, die ausschließlich von denen verwendet werden würde, die seit Jahren auch schon das Wort „Lügenpresse“ verwenden. Man kann nicht oft genug an die ARD-Tagesthemen im November 2016 erinnern, als der Fernsehdirektor des WDR, Jörg Schönenborn, zwei Tage vor der US-Wahl einen Wahltrend veröffentlichte. Gefragt worden war, welchen Wahlausgang deutsche Fernsehzuschauer prognostizieren. Das Ergebnis war phantastisch: Clinton 82 vs. Trump 9. Befragt worden waren diejenigen, die vorher „Hofberichterstattung“ konsumiert hatten. Einen eindrucksvolleren Beweis dafür, in welche Traumwelten der Konsum von Hofberichterstattung führt, hat es nie gegeben. Geändert hat sich seither nichts. Prinzipiell ist es nach wie vor dasselbe Volk, das sich die Propaganda als Information andrehen läßt und in der Folge dann stolz wie ein Hahn mit seiner Meinung hausieren geht. „Woher wissen Sie das?“ – „Es kam in den Nachrichten“.

Medienberichterstattung in Zeiten der Coronakrise

Immerhin werden zum Thema Hofberichterstattung nun ein paar Leute wach, von denen man das nicht unbedingt angenommen hätte. Sie erhalten überraschenderweise beim öffentlich-rechtlichen Deutschlandfunk eine Plattform. So zum Beispiel der Medienwissenschaftler Otfried Jarren. Er übte heftige Kritik an der Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu Virus und Krise. Es träten seit Wochen die immer gleichen Experten und Politiker auf, schrieb Jahrren für den Fachdienst „epd Medien“. Immer dieselben seien es, die sich als Krisenmanager präsentieren. Auf diese Weise inszeniere das Fernsehen gleichzeitig sowohl die Bedrohung als auch die exekutive Macht – und betreibe folglich einen „Systemjournalismus“. Das wiederum ist nichts anderes als ein Synonym für „Hofberichterstattung“. Besonders der Norddeutsche Rundfunk ist Jarren durch seinen intensiven Systemjournalismus unangenehm aufgefallen.

Die Chefredaktionen hätten abgedankt, sagt Otfried Jarren. Der Deutschlandfunk: „In der Berichterstattung fehlten „alle Unterscheidungen, die zu treffen und nach denen zu fragen wäre: Wer hat welche Expertise? Wer tritt in welcher Rolle auf?“ Gesendet würden zudem größtenteils einzelne Statements, eine echte Debatte zwischen Expertinnen und Experten entstehe nicht.

Jarren ist nicht der einzige, der seinen Unmut äußerte. Auch Medienjournalisten kritisierten die Gleichförmigkeit der Berichterstattung über das Coronavirus, was bemerkenswert ist. Wo würde denn eine „Gleichförmigkeit der Berichterstattung“ erfolgen? – Klar, in „gleichgeschalteten Medien“ würde die erfolgen. Und wären es etwa nicht die freien Medien gewesen – jouwatch z.B. – , die seit Jahren alle vier Begriffe verwendet haben, nämlich „Systempresse“, „Lügenpresse“, „gleichgeschaltete Medien“ und „Hofberichterstattung“? Und wären es nicht die freien Medien gewesen, die dafür übelst angefeindet worden sind? Dieser Tage werden diese Vorwürfe selbst im öffentlich-rechtlichen Deutschlandfunk publiziert.

Bei „Übermedien“ schrieb Andrej Reisin speziell über den Internet-Auftritt der „Tagesschau“, dort spiele man den „verlängerten Arm der Regierung„. Verlängerte Arme sind allerweil schwer in Mode. Fast könnte man in der Krise den Eindruck bekommen, die demokratischen Parlamentarier im Bundestag seien die verlängerten Arme der Diktatur. Andrej Reisin: Auch in Krisenzeiten ist es nicht Aufgabe der Medien, nach dem Motto „Wir gegen den Virus“ kritiklos Regierungskampagnen zu übertragen. Verlängerte Arme scheinen auch abseits jeder Virenkrise notwendig geworden zu sein, seit die normale „Armlänge“ zur Abstandswahrung nicht mehr ausreicht. Deswegen haben nicht Wenige den Armlängenschwätzern schon länger Hämmorrhoiden und ganz kurze Arme gewünscht. Reisin konzediert lediglich, daß die Medienberichterstattung in diesen Zeiten tatsächlich einem Ritt auf der Rasierklinge gleiche. Einerseits gehe es darum, nichts zu verharmlosen und keinesfalls den Eindruck zu erwecken, regierungsamtliche Maßnahmen seien übertrieben, anderereits aber müsse das Regierungshandeln trotzdem distanziert begleitet- und nötigenfalls auch kritisiert werden.

Die Medienjournalistin Vera Linß forderte bei „Deutschlandfunk Kultur“, sich gerade während der Bekämpfung des Coronavirus die Themen verstärkt mit den Themen Überwachung und Datenschutz auseinanderzusetzen. Vera Linß kritisierte ebenfalls, daß sich wohl viele Journalisten derzeit dazu verpflichtet fühlten, eine „Art Service-Journalismus“ zu betreiben, indem sie die Krisenstrategie der Bundesregierung einfach so weitertransportieren.

Dessen ungeachtet – und das ist wirklich alarmierend – erhalten die öffentlich-rechtlichen Sender zur Zeit auch viel Zustimmung von ihrem Publikum. Sie verzeichnen steigende Quoten und ernten Zuschauerlob auch in den Zuschriften und den Leserkommentaren. Nicht zufällig ist es Matthias Schwarzer vom Gesinnungskartell namens „Redaktionsnetzwerk Deutschland“, der im besten Orwellsprech meint: „Was ARD und ZDF in diesen Zeiten leisten, ist tatsächlich öffentlich-rechtlich im allerbesten Sinne.“ – Ist ihm womöglich Jörg Schönenborn im Traum erschienen? Ausgerechnet den von Otfried Jarren so heftig kritisierten Norddeutschen Rundfunk stellte Schwarzer als beispielhaft für das heraus, was „öffentlich-rechtlich“ angeblich „im allerbesten Sinne sei“.

Da wir aber seit der Erfindung der regierungsamtlichen Gleichstellung von allem mit jedem im Zeitalter der emotionalen Intelligenz und des allmächtigen Gefühls leben, meinte der zeitfühlige Schwarzer zu allem Überfluß auch noch, „nie habe sich der gezahlte Rundfunkbeitrag so sinnvoll angefühlt wie in Zeiten von Corona„. Tatsächlich ist Gefühlsgeschwätz in Zeiten wie diesen der verlängerte Arm der absichtsvollen Volksverblödung. Fakten wären gefragt, nicht Gefühl.

Die gefühlte Krise

Es gibt ein paar ganz gefühllose Fakten.

1. Wie Otfried Jarren richtig anmerkte, erfolgt eine ständige Bezugnahme auf die immerselben Quellen durch die immerselben Personen. Datengrundlage sind die Zahlen der weitgehend privatfinanzierten WHO, der privaten Johns Hopkins Universität und vom RKI in Gestalt seines Präsidenten Wieler. Größter Geldgeber der WHO ist mit ca. 1,5 Mrd. Dollar die Melinda & Bill Gates-Stiftung, größter Geldgeber der Johns Hopkins Universität ist Michael Bloomberg (2018 – 1,8 Mrd. Dollar).

2. Nach Wochen der Coronakrise wird noch immer die völlig irrelevante Zahl der „Infizierten“ veröffentlicht, obwohl die niemand kennen kann, solange nicht jeder getestet worden ist, was wiederum auch nicht möglich sein dürfte. Die Zahl der tatsächlich Infizierten könnte ohne weiteres beim Zehnfachen der ständig genannten Infiziertenzahlen liegen. Die Inkubationszeit des Virus soll bis zu zwei Wochen betragen, nicht notwendigerweise verbunden mit Symptomen, die einen Infektionsverdacht begründen würden. Die Angabe einer Todesrate in Prozent der „Infizierten“ ist daher nachgewiesenermaßen nichts anderes als Panikmache. Fest steht die Zahl der Toten, die der Infizierten jedoch nicht. Fest steht, daß 95-Jährige mit mehreren Vorerkrankungen, bei denen zum Zeitpunkt ihres Todes auch noch Covid 19 festgestellt wurde, der Öffentlichkeit als „Coronatote“ untergejubelt werden. Fest steht, daß der Coronavirus in solchen Fällen allenfalls als die Ursache des Todeszeitpunkts bezeichnet werden kann, nicht aber als Todesursache.

3. Fest steht, daß nach anschwellender Kritik an der in Punkt 2 genannten Verfahrensweise plötzlich auch „Teenager ohne jede Vorerkrankung“ dahingerafft werden. Wo werden sie dahingerafft? – In den Medien. Von nicht einem einzigen ist bekannt, wie er hieß, wo er lebte und wer ihn vermißt. Angaben, die nicht überprüft werden können, sind gerade in einer solchen Krise genau keine Angaben. Was für ein seltsamer Virus soll das sein, der sich in seiner fiesen Gefährlichkeit offenbar danach richtet, welche Richtung das allgemeine Meinungsklima gerade nimmt? Zuerst sterben vorerkrankte Alte, und wenn plötzlich die Frage nicht mehr zu überhören ist, ob man denn in diesen Fällen wirklich von „Coronatoten“ sprechen könne, sterben plötzlich Teenager in den Medien, die vorher noch als nicht oder kaum gefährdet galten. Wir müssen es mit einem äußerst wandlungsfähigen Virus zu tun haben. Liest das Virus die Zeitung, bevor es sein gräßliches Tagwerk beginnt?

4. Fest steht, daß seit Jahren bekannt ist, wie es um die Hygiene in italienischen Krankenhäusern im europäischen Vergleich steht. Die Zahl der mit Krankenhauskeimen Infizierten in Italien lag zumindest 2015 um das fast Sechsfache (!) höher als in Deutschland (ca. 11.000 in Italien vs. ca. 2.000 in Deutschland, Niederlande etwa 210). Relativiert werden müsste das natürlich noch durch die Gesamtbevölkerungszahlen der jeweiligen Länder. Die Todeszahlen in Deutschland sind auffällig viel niedriger als die in Italien bei zeitlich zwar versetzter, ansonsten aber identischer Ausgangslage, was ihr Verhältnis zur Zahl der „Infizierten“ angeht.

5. Ungeachtet der Ungereimtheiten aus den Punkten 1-4 steht fest, daß wir eine Weltwirtschaftskrise haben.

Eine interessante Frage ist daher, ob wir eine reale Weltwirtschaftskrise mit sehr realen Folgen für jeden Einzelnen und daraus resultierenden, sehr realen Gefahren für die öffentliche Ordnung und die innere Sicherheit haben, und ob wir parallel dazu eine Virenkrise lediglich im Kopf haben, die dazu dienen soll, sowohl die Verantwortlichen für die reale Weltwirtschaftskrise als auch die öffentliche Ordnung vor den schauderhaften Konsequenzen aus dem wirtschaftlichen Kollaps zu verschonen.

Wie gesagt: Es ist nur eine Frage. Die aber muß gestellt werden dürfen. Und genau das wird mit allen Mitteln hintertrieben. Wir sind auf dem besten Wege, nach einer medial orchestrierten Diffamierungskampagne unter dem Stichwort „Klimaleugner“ auch noch eine gegen den „Coronaleugner“ zu bekommen. Und während die Dinge so ihren Lauf nehmen, ermächtigen sich die „Volksvertreter“ endgültig gar zum Vormund derer, deren Interessen sie eigentlich zu vertreten hätten. Wer temporär Bürgerrechte außer Kraft setzt, der schränkt eben ungeachtet der behaupteten Notwendigkeiten, derentwegen er das tut, nicht nur die Demokratie und den Rechtsstaat temporär ein. Der errichtet logischerweise eine als temporär behauptete Diktatur. Schlüsselwort: „temporär“.

Zugegebenermaßen ist das Problem derzeit, daß kein kritischer Geist, ich z.B., sagen kann, was wirklich wahr ist im Zusammenhang mit der Pandemie. Lediglich das, was offensichtlich nicht wahr ist, kann also in Form des Ausschlußverfahrens herausgestellt werden. Es ist tatsächlich ein „Ritt auf der Rasierklinge“, weil der Vorwurf an die Akteure in Politik und Medien, sie würden eine gigantische Desinformationskampagne fahren und bürgerliche Freiheiten begraben, – eine als „temporär“ verkleidete Diktatur errichten gar, und nur, um ihre eigene Haut zu retten, und daß sie zu diesem Zweck ganze Völker in Todesangst versetzten -, ein ungeheuerlicher und historisch beispielloser Vorwurf wäre, für den es dann, würde er zutreffen, auch kein historisches Beispiel einer Ahndung gäbe.

Deswegen hier noch einmal ganz deutlich: Ich mache diesen Vorwurf ganz ausdrücklich nicht. Ich kritisiere die mediale Behandlung des Themas – und das muß zu jeder Zeit möglich bleiben. Tatsächlich könnte die zeitliche Parallelität von Weltwirtschaftskrise und Coronakrise eine Korrelation sein und keine Kausalität, so sehr es dann auch das wäre, was man landläufig einen „dummen Zufall“ nennt.

Dennoch …

Dennoch habe ich mir vor zwei Tagen etwas ausführlicher Gedanken dazu gemacht, weshalb es durchaus im Rahmen der medialen Möglichkeiten läge, die Konsequenzen einer realen Krise durch eine für real gehaltene, tatsächlich aber eingebildete Krise in den Köpfen der Masse zu neutralisieren (Stichwort: mindfuck). Sowohl die Weltwirtschaftskrise als auch die Coronakrise beschäftigen mich – wie wahrscheinlich die meisten – Tag und Nacht.

Rückblick

Bereits vergangenes Jahr habe ich in etlichen Artikeln darauf hingewiesen, daß es zur Gültigkeit des anthropogenen Klimawandels als unumstößlichem Fakt in den Köpfen keine Alternative mehr gibt, selbst wenn es den anthropogenen Klimawandel realiter nur als einen natürlichen Klimawandel gäbe und nicht als einen menschengemachten. Grund: In der Folge einer Festlegung auf „anthropogen“ kam es bspw. zur Energiewende mit ihren Windrädern und dem Elektrohype. Milliarden wurden dafür verpulvert, und dabei sind Verantwortlichkeiten entstanden, für die niemand geradestehen will in dem Fall, daß es den Klimawandel nicht als einen anthropogenen Klimawandel gibt. Eine evtl. notwendige Kurskorrektur könnte also nicht deswegen unterbleiben, weil sie der Sache nach (Klimawandel) nicht zu vollziehen wäre, sondern deswegen, weil sie aus Gründen der aus ihrer Verantwortlichkeit resultierenden Konsequenzen für die Macher der Energiewende nicht vollzogen werden darf.

Jeder Politiker und jeder Medienmensch, der die Energiewende auf Basis des anthropogenen Klimawandels befördert hat, wäre ohne einen anthropogenen Klimawandel nicht nur seinen Job los, sondern würde evtl. persönlich noch in vielfältiger Weise zur Rechenschaft gezogen werden. Ebenfalls schrieb ich, daß dieses Sich-Versteigen in Positionen, von denen man ohne Absturz nicht wieder herunterkäme, eine Ideologenspezialität ist, die dem Konservativen von Natur aus fremd ist. Kein Konservativer würde je unterstellen, daß sein eigener Irrtum ausgeschlossen ist. Das heißt, daß er sich auch politisch nie auf einen „Weg ohne Umkehr“ begeben würde. Nicht umsonst ist „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ ein linker Wahlspruch und kein konservativer.

Sich in Positionen zu versteigen, von denen man ohne „Genickbruch“ nicht wieder herunterkommt, ist beileibe nicht nur im Umgang mit dem Klimawandel passiert, sondern auch in gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Zusammenhängen. Unpopuläre Maßnahmen, die in der Sache noch erträglich wären, dennoch aber die Popularität derjenigen beschädigen würden, die sie veranlassen müssten, werden also gern durch die Anwendung aller möglichen Kniffe und Tricks so weit in die Zukunft verschoben, daß die Popularität des Trickreichen so lange nicht tangiert wird, wie er seine eigene Popularität dringend braucht. Daß sich durch das Verschieben des Problems in die Zukunft aber nichts Grundlegendes ändert, sondern das Problem geduldig immer größer wird, zeigt sich am gegenwärtigen Zustand der Weltwirtschaft. Keine weiteren Tricksereien mehr möglich zum Zwecke des eigenen Popularitätserhalts.

Die Fallhöhe der dafür Verantwortlichen gleicht inzwischen derjenigen des Sprungs von Felix Baumgartner aus der Stratosphäre. Außer Baumgartner springt da niemand mehr freiwillig, ganz im Gegenteil. Jeder, der da springen soll, wird alles in seiner Macht stehende tun, um es zu verhindern. Tja, und plötzlich ist Coronakrise. Wos a Zufall!

Jetzt liest man in den sozialen Netzwerken und auch sonst bald überall, daß in diesen Tagen nicht der Zeitpunkt für die Zuweisung von Verantwortlichkeit und Schuld sei, weil es momentan auf Zusammenhalt und Einigkeit ankäme. Wie´s wohl kommt, wo sich doch bisher jeder seine eigene Realität konstruierte (1. Axiom der Sozialpsychologie)? War es denn früher nicht so, daß die eine, objektive Realität von sich aus eine einigende Wirkung hatte? Und was wäre denn dann diese jeweils selbst konstruierte Realität anderes, als das ideale Einfallstor zur Spaltung eines Gemeinwesens per tendenziöser Meinungsbildung? Was wären denn diese wohlfeil daherkommenden Aufrufe zum Zusammenhalt und zur Eingkeit im Angesichte der Coronakrise anderes, als der Aufruf, sich zu scharen um die Meinung, daß wir eine haben?

Klar: Wo die objektive Wahrheit unterhalb der jeweils selbst konstruierten rangiert (Stichwort: „Befreiung von Autorität und überkommenen Zwängen“), verliert auch die objektive Lüge an Größe und Gewicht. Objektive Wahrheit und objektive Lüge vermischen sich zu Meinung. Niemand sagt etwas Wahres, niemand lügt, alle haben eine Meinung. Interessant ist ja der Anspruch der Sozialpsychologie, daß das 1. Axiom über die jeweils selbst konstruierte Realität (Realität als Synonym für Wahrheit) die objektive Wahrheit dazu sei. Das ist ein Widerspruch in sich. Und wenn das seit Jahrzehnten kaum jemandem aufgefallen ist, dann darf man sich mit Fug und Recht fragen, ob es nicht allzu natürlich ist, daß der durchschnittliche Meinungsinhaber in diesen Tagen lieber die Meinung vertritt, alle zusammen hätten eine Regierung an der Spitze einer Demokratie, in der jeder meinen darf, was er will.

„Genialer“ wäre noch nie ein ganzer Kulturkreis hinters Licht geführt worden. Genau die Gläubigen an die Gültigkeit ihrer jeweils selbst konstruierten Realität sind diejenigen, die jetzt behaupten, daß die Coronakrise eine ganz fürchterliche Bedrohung zu sein hat und daß die Politik und die Medien aber auch sowas von recht haben. Ausgeschlossen, daß es ihre eigenen Gehirne sein könnten, die verseucht sind, und zwar ideologisch. Einigkeit und Zusammenhalt sollen in der intellektuellen Wehrlosigkeit das Gebot der Stunde sein. Wie ist es denn jetzt mit dem anthropogenen Klimawandel? Der kann doch wegen der Coronakrise nichts von seiner Bedrohlichkeit verloren haben? Wollen wir lieber vom Weltklima oder vom Coronavirus umgebracht werden? Was, wenn jetzt noch der Hantavirus, ein neues Ozonloch, ein Erdbeben, ein verheerender Vulkanausbruch oder ein Tsunami in Nord- und Ostsee dazu käme? Gibt es Meinungen dazu? – Ach? Wie interessant …

In der aktuellen Stimmungslage

Es gibt Meldungen in der Coronakrise, die mit dem eigentlichen Virus nicht unmittelbar zu tun haben. „Bürger melden eifrig Verstöße gegen Corona-Regeln„, schreibt der Bayerische Rundfunk. Aus dem Text: „Die Leute rufen hier nicht an, um jemanden anzuschwärzen, sondern weil sie einsehen, es geht hier um etwas Wichtiges. Und da haben sie ein großes Unverständnis über jene, die sich nicht daran halten.“ – Marcus da Gloria Martins, Sprecher der Polizei München„. Meinereiner kann da nur noch im Strahl kotzen. „Blockwart“ ist das Wort, das ihm einfällt. „Vernagelung“ auch. Es ist so: Die Leute, die bei der Polizei anrufen, schwärzen jemanden an. Und das tun sie nicht, weil sie wüssten, daß es um etwas Wichtiges geht, sondern weil sie es eben glauben. Das hat der Polizeisprecher richtig wiedergegeben. Tatsächlich schwärzen sie andere Leute an, weil sie die Hosen gestrichen voll haben im Angesichte dessen, was ihnen von den Medien erzählt wird. Daß es um etwas Wichtiges ginge, muß wiederum der Polizeisprecher glauben, damit er die Sinnhaftigkeit seines eigenen Tuns vor sich selbst rechtfertigen kann. So sinnhaltig „social distancing“ auch sein mag: „Im Allgäu haben Bergwanderer Anzeigen erhalten, weil sie gegen die Ausgangsbeschränkungen verstoßen haben„. Der Virus ist immer und überall. Genau wie der Untertan. Der ist sogar noch viel weiter verbreitet als jeder Virus in der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit.

Für eine allgemeine Ausgangssperre, die die gesamte Bevölkerung betrifft und es verbietet, aus dem Haus oder der Wohnung zu gehen, fehlt es bisher an einer expliziten gesetzlichen Ermächtigungsgrundlage„, hieß es derweil bei der „Gesellschaft für Freiheitsrechte„. Weiter: „Und das Ziel, die Ausbreitung einer Krankheit zu verhindern, muss nach Möglichkeit durch Maßnahmen verfolgt werden, welche die Grundrechte so wenig wie möglich beschränken. Es geht also immer um eine Abwägung der betroffenen Rechtsgüter.“ Wie diese Abwägung erfolgen soll, wenn der Souverän medial mit Meinungen und „Service-Journalismus“ ins Demokratendelirium befördert wird, war dabei nicht Thema der Gesellschaft für Freiheitsrechte. Wenn eine solche Abwägung überhaupt vorgenommen wird, dann von denen, die ihre Maßnahmen hinterher selbst als „verhältnismäßig“ bezeichnen. Warum kann man sich eigentlich seinen Führerschein nicht selber malen?

Linke-Fraktionschef Dietmar Bartsch hat zur Finanzierung der Milliardenkosten in der Corona-Krise eine einmalige Vermögensabgabe auf große private Vermögen gefordert. Deutschland bräuchte in der Krise dringend gesellschaftlichen Zusammenhalt.„, heißt es bei „nordbayern.de“ Denksystematisch kommt das der Vergewaltigung einer Bewußtlosen gleich. Die ist ein Straftatbestand. Ein Dietmar Barsch braucht auch in coronafreien Zeiten keine besondere Begründung, um den gesellschaftichen Zusammenhalt per Plünderung der Reichen zu fordern oder den gesellschaftlichen Zusammenhalt gegen diejenigen, die rechts von der Mitte den gesellschaftlichen Zusammenhalt fordern. Es gibt keine Worte, um meiner Verachtung für solche Gestalten Ausdruck zu verleihen. Einer wie Bartsch würde genau dieselbe Forderung nach einem Ende der Krise damit begründen, daß die Krise nun vorbei sei, und daß bei der Erholung von den vorherigen Zuständen eine einmalige Vermögensabgabe von besser gestellten Privatleuten angezeigt sei. Es gibt keine vorstellbare Situation, in der für einen Dietmar Bartsch eine einmalige Vermögensabgabe kein Gebot der jeweiligen Stunde sein könnte. Wir haben also Weltwirtschaftskrise, Virenkrise – und Dietmar Bartsch haben wir obendrein. Und mit ihm alle, die auf der Coronakrise ihr Süppchen kochen.

In den Zeiten des Corona-Ausnahmezustands gibt es unter den Parteien zwei klare Gewinner: CDU und CSU. Besonders die Christsozialen profitieren und kommen auf ein besseres Ergebnis als bei der letzten Bundestagswahl. Die Grünen sacken deutlich ab. Die Corona-Krise legt nicht nur das Leben in Deutschland lahm, sie hat auch massiven Einfluss auf die politische Stimmung: Besonders die Union profitiert davon, im RTL/ntv-Trendbarometer steigt sie in Umfragen im Vergleich zu Vorwoche um drei Prozentpunkte auf 32 Prozent. Damit hat die Union in den vergangenen beiden Wochen sechs Punkte hinzugewonnen und fast ihren Stimmenanteil bei der Bundestagswahl 2017 wieder erreicht. Damals erreichte sie 32,9 Prozent.„, schreibt „n-tv“.

Das verursacht gemischte Gefühle bei meinemeinen. Einerseits das deprimierende Gefühl, die deutschen Demokraten, dieser brillante Souverän, könnte sich in Krisenzeiten verstärkt um genau diejenigen scharen, die ihm vorher jahrelang einen Bären nach dem anderen auf die Nase gebunden haben und ihm jetzt final das Fell gar über die Ohren ziehen, während er brav stillhält, andererseits aber das hoffnungsvolle Gefühl, daß eine zunehmende Zahl von Schlafschafen endlich aufgewacht sein könnte, um die Grünen zu identifizieren als das, was sie realiter sind: Gräßliche Meinungsinhaber, die ihren jeweiligen Bauchnabel für das Zentrum des Weltgewissens halten.

So schließe ich diesen langen Artikel, um als nächstes ein Apfelbäumchen zu pflanzen. An einem so herrlichen Frühlingstag wie diesem im Universum der Unwägbarkeiten stimmt es mich froh und heiter, daß mit der behaupteten Virenausbreitung wenigstens ein Beliebtheitsverlust der grüntotalitären Heimsuchung einhergeht. Ob ich wohl davon träumen darf, daß die Krisen dieser Tage endlich zu einer Suche nach der Antwort darauf führen, wie sich wahre Probleme von eingebildeten unterscheiden? Wird im Angesichte unserer Verletzlichkeit durch kleinste Viren künftig Einigkeit darüber herrschen, daß Planet, Menschheit, Weltklima und sozial konstruierte Geschlechter Dekadenzthemen sind? Wird sich Einigkeit darüber herausbilden, daß Grenzen auf der Erdoberfläche so sinnvoll sind wie Schottwände im Schiffsbau? Und daß das alles mit Rassismus, Nationalchauvinismus und Fremdenfeindlichkeit nichts zu tun hat? Wird endlich die Vernunft zurückkehren, die Utopie vom Segensreichtum der physischen Globalisierung verschwinden? Und wird es endlich dazu führen, daß die Verantwortlichen für diesen ganzen Schlamassel klar erkannt werden, als da wären die Ideologen, die „Vorwärts-immer-rückwärts-nimmer-Gestalten“ mit ihrem infantilen Verständnis vom menschlichen Dasein in Raum und Zeit, diesen geistbefreiten Materialisten? Oder marschiert dieses Volk aus lauter künstlich herbeigeführter Angst vor dem eingebildeten Verlust seines bißchen Lebens beifallklatschend in die nächste Diktatur? Die Fakten, Zahlen und anderen bekannten Daten der beiden Krisen geben diese Angst nicht her. Die Medien produzieren sie. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

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