Die Wut der Krankenschwestern: „Heldenmut – Du kannst mich mal!“

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Foto: bg-pflege.de

Im Zuge der Corona-Krise haben selbst Politik und linke Medien erkannt, dass steuerzahlende Polizisten und Krankenpfleger die wichtigsten Stützen der Gesellschaft sind und nicht Milchkühe, Arbeitssklaven und Prügelknaben in einem. Eine späte Einsicht.

Auf MyPflegephiliosophie.de macht Monja Schünemann ihrem Ärger über die Scheinheiligkeit Luft:

Pfleger könnte zwangsrekrutiert werden, meldete die FAZ.

Weit vor dieser Nachricht gab es heute ein Gedicht. Ich finde es schön.

„Wofür Du Dich opferst.
Für ein Volk von Egomanen, die sich einen Dreck für Dich interessiert haben und jetzt Beifall klatschen aus Angst.
Für ein zynisches, menschenverachtendes Gesundheitssystem, das Dich jahrelang mit Füßen getreten und ausgesaugt hat.
Heldenmut. Du kannst mich mal!“
(Thomas Nitsche)

Und ich finde das schön.

Er hat recht. Plötzlich ist Pflege „systemrelevant“. Nicht systemrelevant genug, um an den Diskussionstischen der Krise mitzusitzen. Nicht systemrelevant genug, die Bevölkerung zu informieren. Aber systemrelevant genug, ohne Material das Unmögliche zu schaffen. Ja, wer hätte das gedacht, dass ein bis auf die Grundmauern zerstörtes Pflegesystem, das nur noch von wenigen unter persönlichen Abstrichen zusammengehalten wird, das Land retten müsste? Jeder von uns!

Wo sind sie jetzt, die ewig hofierten pflegenden Angehörigen, die alles genausogut können? Die jahrelang Pflegende wie den letzten Dreck behandelt haben, und die Patienten, die bei Metoo noch gehöhnt haben, Schwestern seien ja zum Anfassen da? Ganz schön leise geworden.

In den letzten Jahren, nachdem reden, erklären und demonstrieren nicht half stimmten Tausende mit den Füßen ab. Nichts wie raus aus der Pflege. Die NEXT Studie zeigte, dass auch von den Verbliebenen 30% sofort weggehen würden, wenn sie könnten. Exorbitant hohe Krankenstände unterstrichen: das ist ein Ausbeutungsberuf. Exorbitant hohe Scheidungszahlen belegten: das ist ein Beruf, den eine Familie kaum mittragen kann. Aber allen, allen war es egal.

Von den wenigen, die noch nicht flüchten konnten oder wollten, haben die meisten über 100 umabgegoltene Überstunden auf der Uhr. Bezahlen ist den Konzernen zu teuer. Abbummeln geht nicht. Die letzte Insel, das Leasing, soll verboten werden. Und nun, in Corona, gibt diese ausgepresste Berufsgruppe, bei der jeder einzelne Bürger Gemüts-Sozialschulden in ungeahnter Höhe hat, nochmal alles. Einen riesigen Sozialkredit in Zeit, Arbeit, Schweiß und Lebensgefahr. Noch mehr Überstunden, noch miesere Bedingungen, als sie in Normalzeiten schon nicht mehr zu halten waren. Und das ohne Material. Man klatscht dazu. Das wars auch schon. Aber: es ist diesem Land nicht genug.

Nicht genug, junge Mütter auszubeuten, nicht genug, sie bis zu 60 Stunden die Woche in die harten Knochenmühlen zu schicken Nicht genug, nur2 Tage Frei im Monat zu gewähren.

Wer es geschafft hat, wer raus ist, wer geflüchtet ist, aus den neoliberalen Waschstraßen der Klinikliebe, wer seinen Hochleistungswaschlappen an den Nagel gehangen hat, weil er Pflege und nicht Verwahren wollte: der soll nun zwangsrekrutiert werden.

Vor ein paar Wochen scherzten wir noch. Ob sie uns aus den Wohnungen zerren würden. Oder ob sie die Rentner einbestellen würden? Nun wird all das wahr.

Es scheint eine moderne Hexenjagd zu werden. Statt Scheiterhaufen wird nun das letzte bisschen Leben in den meist schon ausgebrannten Pflegenden verbrannt. Zum Wohle wessen eigentlich?

Jahrelang haben wir uns angehört, unsere Probleme würde der Markt regeln. Irgendwann würde es schon Geld geben. Und nun, wo ist Euer Markt jetzt? Immer, wenn wir eine Nische gefunden haben, prügelt Ihr die Pflegenden aus diesen Refugien raus. Sei es Leasing, sei es Aufgabe des Berufs. Tschüss, freie Berufswahl.

Ab zurück mit Dir auf die Sklavengaleere der Gesundheitsmarktwirtschaft. Zurück in die Markthalle der DRG. Natürlich für die Krise. Natürlich weil man diese Milde nun erwartet. Man selber hat nichts zu erwarten. Denn sie klatschen ja. Klatschen ist umsonst. Müssten sie zahlen, wären sie wütend. Ob gerade 1 Million Pflegende wütend sind, ist egal. Hier, noch ne Schachtel Merci. Und nun wasch, unter Einsatz Deines Lebens, lächelt und beatmet. Rette.

Wie kann man das erwarten? Haben nicht die, die raus sind, bereits Jahre alles gegeben? War es nicht demütigend genug, den Job an den Nagel hängen zu müssen, sich in die Pflegestudiengänge neben der Arbeit wegstudiert zu haben, in den Umschulungsmaßnahmen müde und ausgebrannt in den Klassen zu sitzen? Und all das war Euch nicht genug?

Ein Land von Egomanen fordert nun, dass die Aufopferungsschiene weitergeht. Gefälligst. Sie klatschen auch. Aber zahlen? Werden sie nie. Nicht das Geld und nicht die Zeit.

Und nein, es geht nicht um meine Komfortzone. Ich bin bereits freiwillig im Hardcore-Corona-Zentrum registriert. Freiwillig! Das ist der Punkt . Leibeigenschaft ein anderer.

Wie soll das laufen? Auf Twitter scherzen wir:

Das wird wie Hexenverfolgung!

*quäl*

„Kennst Du andere Pflegende??“

*Daumenschrauben anzieh*

„Nenn die Namen!“

Zuerst veröffentlicht auf mypflegephilosophie.de

 

 

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