Engpässe bei medizinischer Grundausstattung: Bundesregierung hat Pandemie-Plan „monatelang verpennt“

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Hilfslieferung aus China an die BRD (Foto:Imago/ANEEdition)
Berlin – Allmählich mehren sich die Stimmen, die angesichts immer weiterreichender Einschnitte und des derzeitigen totalen Ausnahmezustands fragen: Wie konnte die Bundesrepublik derart unvorbereitet von dem Virus erwischt werden, wieso wurden essentielle Vorbereitungen nicht früher in Gang gesetzt – obwohl es einen umfangreichen nationalen Pandemie-Plan gibt?
Der von 2007 stammende Masterplan wurde 2009 und 2017 jeweils angepasst und sollte Eventualitäten abdecken, die eine sogar weit drastischere epidemiologische Katastrophe wie die jetzige Krise beinhalten. Zumindest was das Frühwarnsystem anlangt, hätte man erwarten müssen, dass die hierin ausgearbeiteten Abläufe und Automatismen rechtzeitig anlaufen. Sie taten es jedoch nicht.Hierbei geht es weniger um das Ergreifen von Maßnahmen von Schul- und Geschäftsschließungen bis Social Distancing, die in Deutschland zwar vielleicht auch relativ spät einsetzten, allerdings zu einem noch früheren Zeitpunkt der Bevölkerung kaum zu vermitteln gewesen wären. Gravierender wirken sich die Verzögerungen eher bei den Vorkehrungen zur Logistik und Grundausrüstung bei der Virusbekämpfung aus. Wie „Bild“ anprangert, wurde das Regelwerk des Pandemieplans im Fall von Corona diesbezüglich „von der Politik monatelang ignoriert“.Schutzmasken als Nagelprobe

Vor allem die im Kapitel „Planungshilfe für Krankenhäuser“ ausdrücklich vorgesehene rechtzeitige Beschaffung von von Schutzmasken für risikoträchtige Tätigkeiten der Schutzklassen FFP2 und FFP3 wurde sträflich vernachlässigt. Ganz anders als in der Schweiz, wo als Folge des letzten Schweinegrippe-Ausbruchs 15 Millionen Schutzmasken bevorratet sind, wurde hierzulande der Erwerb von Masken und Schutzkleidung für Praxen und Kliniken viel zu spät beschlossen – als Versorgungsengpässe bereits kurz bevorstanden und die Weltnachfrage schon durch die Decke schoss. Die Masken sind elementar für die 1,5 Millionen im Gesundheits- und Pflegewesen Tätigen in Deutschland gedacht.

Inzwischen mehren sich kritische Stimmen von Experten. Der Virologe Alexander Kekulé spricht vom „Versagen kritischer Infrastruktur“, und Rainer Wendt (63), Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), erklärt gegenüber „Bild“: „Diese grobe Fahrlässigkeit gefährdet nun Menschenleben“. Die Zeitung nennt Fälle von frühzeitigen Hilferufen und Alarmhinweisen der Hygieneartikel-Branche an die Bundesregierung, auch an Angela Merkel persönlich, die unbeantwortet blieben.

Wer hier nun zuerst gepennt hat – Gesundheitsminister Jens Spahn oder die Gesundheitsämter vor Ort – lässt sich derzeit nicht rekonstruieren; jedenfalls war, so „Bild“, „Corona schon lange in Deutschland angekommen, als die Gesundheitsbehörden endlich aufwachten“. Erst am 11. März wurde vom Krisenstab eine „Dringlichkeit der Beschaffung“ festgestellt.

Aufarbeitungsbedarf in der Zeit nach der Krise

Inzwischen fehlt es nicht nur an Schutzmasken und -ausrüstung; auch Desinfektionsmittel werden aufgrund der hohen Nachfrage knapp. Es mangelt vor allem an Äthanol – Alkohol – als Basis für die Herstellung, wie gestern verschiedene Medien (unter anderem die „FAZ„) berichteten.

Als wie gravierend sich am Ende die Versäumnisse erweisen werden, hängt von der schlussendlichen Tragweite der Pandemie ab und vor allem davon, wie hart die Bundesrepublik in den kommenden Tagen vom weiteren Infektionsgeschehen und einhergehenden Krankheitsausbrüchen getroffen wird. Auch dieses Thema wird für die Zeit nach der Krise – in der Nachanalyse – einiges an Sprengstoff bergen. (DM)