Welt der Wunder: Grenzen & Globalisierung

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Coronakrise - mit dem Virenberg kollidiert? - Foto: Imago

Im Grunde seines Herzens ist der Mensch ein Guter. Alle, alle „die Menschen“ sind eigentlich gut. Na ja, manche sind vielleicht ein bißchen fehlgeleitet, Kannibalen z.B. oder solche guten Menschen, die homosexuelle Menschen von Hochhausdächern herunterstoßen. Aber Fehlgeleitete kann man ja wieder rechtleiten, indem man sie bei den guten Leitmenschen integriert. Das ist der zutiefst menschliche Aspekt der Globalisierung. Weswegen Grenzen auch unmenschlich sind. Soll keiner sagen, hier hätte jemand verkehrt gedacht oder etwas falsch gemacht. Allerweil gibt es aber wieder Grenzen. Es sieht ganz danach aus, als habe ein fieser kleiner Virus das Gute im Menschen besiegt. Das ist so traurig, daß es direkt ernüchternd ist.

von Max Erdinger

Die Nachrichtenagentur dts meldet: „Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat aufgrund der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus die bereits geltenden vorübergehenden Grenzkontrollen auf den innereuropäischen Luft- und Seeverkehr ausgeweitet. Die Binnengrenzkontrollen erfolgten „ab sofort auch bei in Deutschland ankommenden Flügen aus Italien, Spanien, Österreich, Frankreich, Luxemburg, Dänemark und der Schweiz. Dies gilt auch für den Seeverkehr aus Dänemark“, teilte das Bundesinnenministerium am Mittwochabend in Berlin mit.
Für Reisende „ohne dringenden Reisegrund“ bestünden auf diesen Verkehrsverbindungen „ab sofort“ Einschränkungen im Reiseverkehr. „Reisende mit einem dringenden Reisegrund und Berufspendler werden gebeten, Nachweise mitzuführen, aus denen sich die Notwendigkeit des Grenzübertritts ergibt“, hieß es weiter. Man bitte alle Bürger, „nicht zwingend notwendige Reisen unbedingt zu unterlassen“, so das Innenministerium. Die betroffenen EU-Staaten seien vorab informiert worden.

Europa ist ein Schiff

Nun wird mancher sagen: Ja, aber das gilt ja alles nur so lange, wie diese Virus-Pandemie anhält. Wenn die vorbei ist, wird alles wieder seinen gewohnten Gang gehen. „Schlagbaum“ wird wieder ein Pfuiwort werden und „Bundesgrenzschutz“ ein Begriff aus Höckes „Nazivokabular“. Da wäre ich mir nicht so sicher. Vielmehr glaube ich – eigentlich mehr: hoffe ich – , daß aus der gegenwärtigen Situation Lehren gezogen werden, die im Schiffbau nie angezweifelt worden sind. Das Schott hat eine segensreiche, weil abschottende Wirkung. Die Titanic wäre nicht untergegangen, wenn die dort eingebauten Schottwände wirklich geschlossene Abteile geschaffen hätten. Untergegangen ist die Titanic, weil die Schotten nicht weit genug nach oben gezogen worden waren, so daß eindringendes Wasser über die Schottwände in die anderen Abteile laufen konnte. Hätte der Riss in der Außenhaut, verursacht durch die Kollision mit einem Eisberg, nur ein Schott betroffen, hätte sogar die oben offene Schottwand noch geholfen. Es war aber leider ein längerer Riss, mehrere Abteile waren betroffen, und wären die wirklich vollständig zu schließen gewesen, die Titanic könnte heute noch mit etwas Schlagseite im Atlantik dümpeln. So aber liegt sie seit über 100 Jahren 3.800 Meter tiefer auf dem Grund des Ozeans.

An der digitalen Globalisierung gibt es nichts auszusetzen. Jeder einzelne Computer läßt sich gegen Viren schützen. Problematisch ist die physische Globalisierung mit ihren hin- und herschwappenden Menschenmassen, weil der einzelne Mensch eben auch ein Virenträger ist. Und der Coronavirus wird wohl nicht der letzte Virus sein, der von einem bestimmten Startpunkt aus seine Reise um die ganze Welt in menschlichen Körpern antritt. Der Verweis auf die mittelalterliche Pest hilft da nicht weiter, weil deren Verbreitung trotz der beschränkten medzinischen Erkentnisse und Möglichkeiten damals Jahrzehnte gedauert hat. Deswegen ist es sinnvoll, Schotten, sprich: Grenzen zu haben, die je nach Bedarf geöffnet und geschlossen werden können, ohne daß es irgendwelche Bestimmungen gibt, denen zufolge es grundsätzlich keine Grenzen zu geben habe. Freilich wäre auch eine Weltregierung denkbar, die Reisebeschränkungen und Quarantänen verfügen kann. Fakt ist derzeit aber, daß wir eine solche Weltregierung (noch) nicht haben. Fakt ist außerdem, daß es jedem Virus schnuppe ist, was wir haben und was nicht. Wir haben aber noch die Nationalstaaten, die Grenzschließungen und Ausgangssperren verfügen können, wie man gerade sieht. Nebenbei ist deren Existenz auch die Voraussetzung für Demokratie, da es in einem kulturell weitgehend homogenen Nationalstaat weit weniger divergierende Interessen gibt, als global. Mit der Zahl der Kulturen unter einem Dach steigt auch die Zahl der divergierenden Interessen, auch die Zahl sich diamentral entgegenstehender Interessen, so daß allein dadurch schon eine pluralistische Entscheidungsfindung zur demokratischen Farce geraten würde. Was man dieser Tage ebenfalls sieht, ist, daß die Behauptung von vor der Krise, nämlich, daß man Grenzen nicht schließen könne, nichts weiter als eine zielgerichtete Lüge gewesen ist. Man kann Grenzen offensichtlich doch schließen, wenn man das wollen muß. Im Augenblick muß man wollen. Es geht.

Physische Globalisierung: Eine Idee von gestern?

So, wie schon die Durchsetzung der rousseauschen Lyrik vom „Edlen Wilden“, welcher an seinem menschlichen Gutsein nur per Sozialisation Schaden nimmt und evtl. zur Gefahr wird, eine ideologische Dummheit gewesen ist, so ist auch die Behauptung eine, ohne physische Globalisierung gebe es in Europa keine Vielfalt. Europa war schon vor dem Untergang der Titanic ein äußerst vielfältiger Kontinent. Auf vergleichsweise engem Raum gibt es viele verschiedene Sprachen und Mentalitäten. An Vielfalt hat es Europa noch nie gemangelt. Ein globaler Einheitsbrei hingegen wäre das genaue Gegenteil von Vielfalt. Die ganze Vielfalt überall wäre eigentlich Eintönigkeit. Grenzen sind also nicht nur gut zum Schutz vor einer Pandemie, sondern sie dienen auch dem Erhalt der Vielfalt.

Im Hintergrund der Pandemie existiert auch ein anderer Irrtum weiter. Mir ist er aufgefallen, als ich dieser Tage jemanden von den Öffentlich-Rechtlichen sagen hörte, die Globalisierung und der Wegfall der innereuropäischen Grenzen samt Einführung des Euro hätten uns Deutschen zwar viel gebracht, aber eben leider auch das Risiko erhöht, wie man dieser Tage sehen könne. Tatsächlich läßt sich das nicht gegeneinander aufwiegen. Wenn eine Pandemie der Preis ist, den man für „andere Vorteile“ zu zahlen hat, dann hatte man keine anderen Vorteile. Man hat schließlich, wenn man mit einem Goldkettchen um den Hals stirbt, gegenüber dem, der ohne stirbt, auch keinen Vorteil. Das letzte Hemd hat keine Taschen, wie eine alte Volksweisheit lautet. Bei Licht betrachtet gibt es hinsichtlich der physischen Globalisierung kein Pro & Contra. Was diese Pandemie deutlich macht, das ist, daß man sich von festgefahrenen Gewißheiten lösen sollte. Mehr ist nicht automatisch auch besser, größer ist nicht automatisch eine Qualität, Zentralisierung ist der Kleinteiligkeit nicht unbedingt vorzuziehen, Effizienzüberlegungen ohne Einbeziehung des Unwägbaren in die Kalkulation sind töricht, wie uns die Corona-Pandemie gerade drastisch vor Augen stellt. Was also dann?

Das Subsidiaritätsprinzip

Man könnte zurückkehren zu einer Idee, die fast schon in Vergessenheit geraten zu sein scheint. Anstatt weiterhin seine Freiheit und seine Eigenverantwortlichkeit beim Kollektiv abzuliefern, auf daß es Leute bestimme, welche die Geschicke der großen Masse lenken sollen, könnte man erstens wieder an den Nationalstaat denken und sich den wiederum als einen Minimalstaat. Man könnte damit aufhören, von einer Gesellschaft zu reden, die so oder so auszusehen habe. Man könnte demokratisch darüber abstimmen lassen, welche Aufgaben staatlich besser zu regeln wären, als individuell oder durch die kleine Einheit. Einige wenige dürften feststehen: Landesverteidigung wird wohl staatlich organisiert werden müssen, gut wäre Polizei, die für die Innere Sicherheit sorgt. Als Zierde der Subsidiarität dürfte man durchaus begreifen, wenn niemand verhungern- oder ohne medizinische Versorgung bleiben müsste. Die Frage ist, wie man das am besten organisiert und welche Pflichten für die Unterstützten anfallen sollen. Dankbarkeit statt Anspruchsdenken scheint mir da das mindeste zu sein.

Kapitalismus

Was man dieser Tage verstärkt wahrnahm, war die Begeisterung für einen „Liberalkommunismus“, was auch immer das für eine geistige Verrenkung sein soll. Befürwortet wurde die z.B. von Slavoj Žižek, einem populären Philosophen. Auch der bedeutendste deutsche Denker des 21. Jahrhunderts, Richard David Precht, schlug etwa in diese Kerbe. Er bedauerte es mit Blick auf die heimatlosen Migranten, daß der Mensch im Angesichte der Pandemie lieber an sein eigenes Überleben denkt, als an das der gesamten Menschheit. Ich meine, er hätte sogar das Wort „Egoismus“ verwendet. Als ob die Antilope egoistisch wäre, die vor dem Löwenrudel flieht, anstatt sich um das Überleben des Löwenrudels Sorgen zu machen. Der Kapitalismus ist nicht das Problem. Zum Problem wird er erst, wenn er nicht mehr dem Geiste dient, sondern der geistlosen Materie. Es stimmt zwar, daß ohne Materie auch der Geist nicht überlebt, deswegen ist aber Materie noch nicht das ganze Leben. Der reine Materialismus ist das Problem. Das Habenwollen ohne Sinn und Verstand ist das Problem. Ich kenne Leute, mit denen man sich über nichts mehr unterhalten kann, außer darüber, wo man wann welches Schnäppchen machen kann und wie gewieft man einen Anderen über den Tisch gezogen hat, um etwas in seinen Besitz zu bekommen, das man eigentlich gar nicht gebraucht hätte, und nur, weil man es eben haben wollte. Kapitalismus funktioniert am besten mit den alten Tugenden: Fairness, materielle Bescheidenheit, Vermeidung unnötiger Ressourcenausbeute. Wohlstand ist erstrebenswert, Dekadenz nicht. Es hat noch kein System für eine so breite Masse relativen Wohlstand geschaffen, wie das kapitalistische. Pervertiert worden ist es durch den Materialismus. Gleich wenig für alle ist nicht gerecht, sondern dumm. Und diese Dummheit hat sich noch in jedem sozialistischen/kommunistischen System bestaunen lassen.

Egalitarismus

Man könnte auch einmal den vergleichsweise jungen Gleichheitsfetisch auf den Prüfstand stellen. Ist es wirklich wahr, daß alle Menschen gleich sind, oder ist das nur eine marxistisch-christliche Arbeitshypothese? Sind Männer und Frauen wirklich gleich? Gerade im Hinblick auf den Materialismus ist das eine interessante Frage, auch, wenn der Soziologe, dieser Wissenschaftsemporkömmling und Besieger der Biologie, an dieser Stelle des Textes schon einmal das rote Kärtchen mit dem Warnhinweis „biologistisch!“ hervorkramt. Das Märchen vom Fischer und seiner Frau ist jedenfalls schon länger populär gewesen, als die Soziologie. Es ist wahrscheinlich auch kein Zufall gewesen, daß Eva der Schlange nicht widerstehen konnte und den Apfel verbotswidrig abgepflückt hat. Kein Wunder, daß es von den Feministinnen nicht gerne erzählt wird. Und „die Mutter“ (lat. mater) ist nicht umsonst der Wortstamm von „Materie“ und „Materialismus“. Wohin steuert ein Schiff ohne Schotten mit einem weiblichen Kapitän und immer mehr Matrosinnen? Wer nun meint, gewisse Fragen würden sich heute gar nicht mehr stellen, weil man sich auf die Antwort längst geeinigt habe, wird bejahen müssen, daß es auch heute noch die Ketzerei gibt und zwar in der zivilreligiösen Form. Der Egalitarismus ist wohl eine Zivilreligion. Im Christentum waren die Menschen lediglich vor Gott alle gleich, in der Zivilreligion sind sie es voreinander. Was wahr ist, hängt nicht davon ab, worauf man sich einigen konnte.

Unbedingt zu verhindern: Weltregierung

Was in der Coronakrise fast so besorgniserregend ist wie das Virus und seine Verbreitung selbst, ist die Schieflage, in welche die nationalstaatliche Demokratie gekommen ist. Es gilt in vielen europäischen Ländern eine Ausgangssperre, ein Versammlungsverbot – und in Bayern sind die Verwaltungsgerichte geschlossen. Das heißt, daß die Exekutive unkontrolliert anordnet und durchsetzt, was immer sie für richtig hält, bzw. behauptet, daß sie es für richtig halte. Außerdem ist sie es, die darüber befindet, wann es Zeit für Lockerungen ist. Ob sich der notwendig gewordene „Exekutivkrampf“ überhaupt noch einmal auf dem Level der alten Entspanntheit einpendeln wird, läßt sich heute noch nicht sagen. Autoritäre und antidemokratische Anwandlungen der Exekutive waren allerdings schon vor der Coronakrise zu konstatieren. Zu unterstellen, die Coronakrise, wie auch immer sie zustande gekommen ist, würde von niemandem dazu genutzt werden, Weichenstellungen für die Zeit nach der Krise vorzunehmen, ist wahrscheinlich naiv. Allerdings ist im Moment auch nicht eindeutig erkennbar, welche Weichenstellungen vorgenommen werden. Noch gilt, daß die Mächtigen gewählt werden müssen. Gut möglich ist daher, daß diese Krise vielen Wählern deutlich macht, welche Fehler in der Vergangenheit gemacht worden sind, daß die physische, nicht die digitale Globalisierung einer ist, und daß sie sich lieber wieder auf das Eigene besinnen, anstatt das Fremde zu vergöttern und der Entfernung der Schottwände aus dem europäischen Schiffsrumpf weiterhin das Wort zu reden. Wir werden sehen. Im Augenblick scheint die EU jedenfalls deutlich an Popularität in Europa eingebüßt zu haben. Vielleicht neigt sich das Zeitalter der Ideologen seinem Ende zu. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

P.S.: Als hätte ich es geahnt. Pfeilgerade  – natürlich – der „Spiegel“ heute: „Wir brauchen eine Weltregierung„. Der Virus ist nicht der einzige Feind.