Preisfrage: Was ist ein „Coronatoter“?

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Behördliche Maßnahme? - Foto: Imago

Am 18. März erschien ein aufschlußreicher Artikel bei „Bloomberg“. Dort wurden die „Coronatoten“ in Italien näher beschrieben. Der Artikel ist es wert, zur Kenntnis genommen zu werden, um sich ein Bild zu machen hinsichtlich der Frage, ob die unzweifelhaft vorhandene Coronakrise wirklich die Krise ist, für die sie inzwischen gehalten wird.

von Max Erdinger

Zur Coronakrise finden sich in den Medien viele Meinungen und „Informationen“. Von harmlos bis menschheitsbedrohend sind alle Meinungen und Einschätzungen dabei. „Italien meldet 425 Tote“, ist aber so lange nicht wirklich eine sinnvolle Information, wie man nicht weiß, innerhalb welchen Zeitraums sie gestorben sind und wie alt sie gewesen sind, um nur zwei Parameter zu nennen. Wenn man als medizinischer Laie keine andere Wahl hat, als sich seine Meinung über die Medien zu bilden oder eben amtlichen Verlautbarungen zu trauen, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, sich eine zutreffende Meinung zu bilden mit der Anzahl der Veröffentlichungen zum Thema, vor allem dann, wenn man bisher schon wußte, wie der Medienbetrieb funktioniert, will sagen, wer von wem abhängt, wer von wem abschreibt, und welchen Einfluß zum Beispiel die größte Medienholding der Welt, wpp, auf die Berichterstattung hat und daß es heutzutage kaum noch Information ohne Absicht gibt.

Wenn man darüber hinaus berücksichtigt, daß sich die Leute schon in vordigitalen Zeiten anhand persönlicher Präferenzen für das Abonnement einer bestimmten überregionalen Zeitung entschieden hatten, und wenn man weiterhin unterstellt, daß dieses Präferenzdenken entlang der eigenen „Weltanschauung“ auch heute noch gilt, dann ist es vermutlich nicht verfehlt, zu unterstellen, daß sich aus der Vielzahl der Meinungen im ganzen Spektrum jeder diejenige herauspickt, die ihm persönlich am ehesten entspricht.

Immerhin hat die Berichterstattung in der Coronakrise gezeigt, welchen Stellenwert der Stuhlgang im deutschen Leben einnimmt. Am Hamstern von Klopapier konnte man das ablesen. Es gibt nicht den geringsten Grund zu der Annahme, daß Leute, die in ihrem Einkaufswagen zwei Yoghurt und 100 Rollen Klopapier haben, dazu in der Lage seien, selbst zu denken. Das wiederum läßt die Vermutung zu, daß sie sich auch ihre Meinungen bilden lassen, anstatt sich selbst eine zu bilden. Und dann wird interessant, was in solchen Meldungen vorkommt, die kaum jemand zur Kenntnis genommen haben dürfte.

Was ist ein „Coronatoter“?

„Was für eine blöde Frage! Das ist jemand, der sich mit dem Coronavirus infiziert hat und in der Folge daran verstorben ist!“, wird wohl die gängigste Antwort sein. Mit Verlaub: An der Gültigkeit dieser Antwort sind starke Zweifel anzumelden. „Bloomberg“ hat Datenmaterial der italienischen Gesundheitsbehörden veröffentlicht. Demzufolge setzt sich die erschreckend hohe Zahl der „Coronatoten“ folgendermaßen zusammen: Das Durchschnittsalter der „an Covid 19 Verstorbenen“ liegt bei 79,5 Jahren. 48,5 Prozent der „Coronatoten“ hatten drei oder mehr (schwere?) Vorerkrankungen, 25,6 Prozent hatten zwei bekannte Vorerkrankungen, 25,1 Prozent hatten eine Vorerkrankung – und lediglich 0,8 Prozent hatten keine Vorerkrankung. Es stellt sich also die Frage, ob diese alten und kranken Menschen am Coronavirus verstorben sind, oder ob sie an der Kombination ihrer vorher schon bestehenden Krankheiten mit dem Coronavirus verstorben sind. Daß sie am Coronavirus als einer Einzelursache verstorben seien, läßt sich jedenfalls nicht behaupten.

Aus dem österreichischen Linz ist der Fall einer 27-jährigen Diabetespatientin bekannt geworden, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatte und in der Folge verstarb. Ohne Diabetes hätte sie die Infektion wahrscheinlich überlebt. Diabetes ist eine Krankheit, die „ein Leben lang“ gut zu kontrollieren ist. Wenn es bei der jungen Frau also die Kombination von Diabetes und Covid 19 gewesen ist, die tödlich war, dann stellt sich die Frage, welche der beiden Komponenten als die todesursächliche anzusehen ist. Ergibt sich das aus der zeitlichen Reihenfolge, respektive daraus, welche Erkrankung zuerst dagewesen ist? Fest steht: Auch, wenn Diabetes medizinisch „ein Leben lang“ gut zu kontrollieren ist, so bleibt die Zuckerkrankheit doch eine Krankheit. Ebenso steht fest: Ohne Vorerkrankung führt auch Covid 19 nicht zum Tode. Woher also diese Gewichtung, die dann zum Begriff „Coronatoter“ führt? Spielt dabei lediglich eine Rolle, welche Krankheit als letzte dazugekommen ist? Wäre Covid 19 also lediglich „die eine Krankheit zuviel“? Oder wären es die anderen Krankheiten, die jeweils „die eine zuviel“ gewesen sind?

Vorerkrankung und Lebensalter

Zwei gängige Begriffspaare, wie sie im täglichen Sprachgebrauch vorkommen, sind „jung und gesund“ einerseits – und „alt und schwach“ andererseits. Das ganze Leben selbst scheint ein Vorgang zu sein, der unweigerlich zum Tode führt. Wenn nun das Durchschnittsalter der italienischen „Coronatoten“ bei 79,5 Jahren liegt, der Mensch mit steigendem Lebensalter aber eben „alt und schwach“, sprich: krank wird, dann ist Covid 19 sozusagen nur der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt, und, gemessen an der zu erwartenden Restlebenszeit der „an Covid 19 Verstorbenen“, relativ geringfügig lebenszeitverkürzend. Mozart starb mit 35 Jahren, was man als extrem lebenszeitverkürzend bezeichnen müsste im Vergleich zu den italienischen „Coronatoten“ von heute. Wenn man also schon das zu erreichende Durchschnittsalter in europäischen Nationen statistisch erfaßt, dann könnte man der Logik folgend davon reden, daß nicht jeder Todeszeitpunkt gleichermaßen lebenszeitverkürzend ist. Es ist nur so: Aus ethisch-moralischen Erwägungen heraus macht man gottlob die Unterscheidung nicht, wie alt ein erloschenes Leben bereits gewesen ist, als es erlosch. Man spricht unterschiedslos von den Toten. Das ist gut so, wenn man bedenkt, daß ansonsten bei Mordprozessen die Frage berücksichtigt werden müsste, wie alt das Mordopfer gewesen ist, um auf den Grad an Verwerflichkeit der Tat zu schließen.

Was man in der Berichterstattung zur Corona-Epidemie anhand des Wortes „Coronatoter“ also feststellen kann, das ist, daß unsere ethisch-moralischen Vorstellungen vom Leben als solchem mit einfließen. Fest steht, daß das Virus aber nicht nach unseren ethischen Vorstellungen funktioniert, sondern – hoffentlich – nach den Erkenntnissen der Virologie. Unzweifelhaft ist es völlig richtig, gerade die Alten und die Kranken vor einer Covid 19-Ansteckung zu schützen. Das ist aber nicht deswegen so, weil das Coronavirus allein tödlich wäre, sondern nur deswegen, weil es in der Kombination mit Alter und Krankheit lebenszeitverkürzend wirkt und aufgrund unserer ethischen Vorstellungen vom Leben als solchem als „tödlich“ bezeichnet wird.

Die Maßnahmen

Alle Maßnahmen, die zur Zeit in der Coronakrise getroffen werden, dienen sozusagen dem Schutz jener Restlebenszeit (vulgo: des Lebens) von Alten und Kranken, die sie ohne Covid 19 noch haben. Daran gibt es nichts auszusetzen. Selbstverständlich ist das Leben von Alten und Kranken schützenswert. Eigentlich ist es überflüssig, das überhaupt zu erwähnen. Trotzdem kann es nicht schaden, sich das bewußt zu machen, weil sich dadurch Rückschlüsse auf die Sinnhaftigkeit der behördlich angeordneten Maßnahmen ziehen lassen. Es geht nicht um den Schutz des Lebens an sich, außer eben in einem ethisch-moralischen Sinne, sondern um den Schutz der Restlebenszeit ganz bestimmter Personen. Es stellt sich die Frage, ob die Restlebenszeit von Alten und Kranken auch anders geschützt werden könnte.

Ich bin nicht dazu in der Lage, zu sagen, welche anderen Möglichkeiten da eventuell in Betracht kämen, weswegen ich auch nicht behaupte, daß man etwas anders machen müsste. Allerdings bin ich dazu in der Lage, diese Frage aufzuwerfen in der Hoffnung, daß es jemanden gibt, der fachlich qualifiziert genug ist, sie zu beantworten. Anzunehmen, daß die Coronakrise nicht dazu genutzt werden würde, um im Schutze der Berichterstattung über sie fragwürdige Weichenstellungen für die Zeit nach der Krise vorzunehmen, wäre nach meiner Überzeugung auf alle Fälle sträflich naiv.

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