Subtiler „Zeit“- Rufmord: Jetzt wird auch Reinhard Mey zum Schmuddelsänger

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Reinhard Mey (Foto:Imago/PhotopressMüller)

Xavier Naidoo war nur der Anfang: Auch in ernsten Zeiten haben „Zeit“-Redakteure stets genug Muße, die Reihen deutscher Künstler nach „rechten“, reaktionären, latent faschistoiden U-Booten zu durchforsten. Fündig wurden sie ausgerechnet bei Reinhard Mey: Dieser liefere aus Sicht endverstrahlter „Zeit“-Archivayatollahs eine Art „neuen rechten“ Soundtrack.

Mey gehört zu den großen Liedermachern und begnadeten Lyrikern der deutschen Sprache, der sich stets immer wieder neu erfunden hat und heiter-tieftraurige, fröhlich-melancholische, tiefsinnig-philosophische ebenso wie satirische Gedanken virtuos und einprägsam vertont hat.

Ausgerechnet Meys durchaus sozialrevolutionäre oder anti-bürokratische Stücke, in denen er mit beißendem Spott die Dekadenz des Geld- und Hochadels („Diplomatenjagd“) anprangert oder die Abgründe des wiehernden deutschen Amtsschimmels bloßstellt („Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars“) widerlegen die These, Mey sei angepasst oder spießig, virtuos. Selbst in der Flüchtlings- und Migrationsdebatte hat sich der heute 77-jährige Chansonnier und Singer-Songwriter – der gegenwärtigen Willkommenskultur 15 Jahre voraus – schon 2001 mit „Rüm Hart“ als Menschenfreund bewiesen.

Das alles hindert die „Zeit“ nicht, in einem haarsträubenden Stück, das auf der Schriftstellerplattform „Freitext“ des Hamburger Blattes erschien, Mey als latenten Brandsänger zu verunglimpfend, der zwar – so wird betont – „kein Rechter“ sei, dessen „erschreckende“ Ansichten denselben „Mitte“-Begriff kultivierten, den auch die AfD für sich reklamiere.

Kontaktschuld-Dreisatz: Wer kritisiert, was auch AfD und Pegida in Teilen kritisieren, ist pfui

ZEIT-Autor Michael Elbmayer stört bei Mey vor allem: „Das Politiker-Bashing, Journalistinnen-Bashing, Künstler-Bashing und Feministinnen-Bashing.“ Das Bashing also von allem, was auch die Bösen Rechten bashen. Man könnte sagen: Das ist Kritik, das ist Unangepasstheit; System-, Regierungs-, Fanatismuskritik ist keine Domäne von Pegida. Für die „Zeit“ anscheinend aber doch.

Es ist kein Zufall, dass die von der „Zeit“-Meinungsinquisition ausgegrabenen Fundstücke aus inkriminierten Liedern Meys – sofern es sein Frühwerk und die „Klassiker“ anlangt – weitgehend mit denen identisch sind, die dem Sänger schon in den 1970ern um die Ohren gehauen wurden. Etwa „Annabel“, die als Muster-Emanze und Jungsozialistin eine typische Vertreterin ihrer Zeit war.

Dass Mey sich damit bei den RAF-sympathisierenden Linken zur Hassfigur gemacht hat, dienst den heutigen Haltungsjournalisten als idealer Aufhänger für die nächste Anklagerunde – doch inzwischen werden hier och strengere No-go-Kriterien angelegt als bei der Anti-Spießer-Inquisition und proletarischen Bourgeoise-Kritik der ultralinken Studentenbewegung der späten 1960er Jahre. Damals stand jeder unter Generalverdacht, der zum „Establishment“ gezählt wurde – als Konservativer, Reaktionärer, Kapitalistisch-imperialistischer Klassenfeind oder verkappter Nazi. Parallelen zur heutigen Polit-Paranoia wären rein zufällig. (DM)