Gesellschaftlicher Fortschritt: Meinungen zu Covid 19

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Führt das Coronavirus die Meinungsfreiheit ad absurdum? - Foto: Imago

Haben wir es mit einer gefährlichen Pandemie zu tun? Was weiß man dazu? Wer die Meldungen querbeet durch die Medienlandschaft verfolgt, findet von Verharmlosung bis Dramatisierung alles. Kaum jemand weiß, wie gefährlich oder wie ungefährlich die Coronainfektion ist. Sehr gut bekannt ist aber, welche Meinungen es dazu gibt. Über die Herrschaft der Meinung.

von Max Erdinger

Versagt die Bundesregierung beim Krisenmanagement? Lakonische Antwort: Die versagt in anderen Zusammenhängen dauernd. Weshalb sollte sie also ausgerechnet bei einer Pandemie nicht versagen? Selbst wenn sie nicht für ihr notorisches Versagen in anderen Zusammenhängen berüchtigt wäre, stünde und fiele die Frage, ob sie beim Krisenmanagement versagt, damit, ob es sich bei der allgemeinen Wahrnehmung der Coronakrise mehr um eine Virenkrise oder eine Bewußtseinskrise handelt. Wie sind die Wahrscheinlichkeiten verteilt? Schwer zu sagen. Fest steht lediglich, daß in anderen Zusammenhängen vorher eine gesellschaftliche Tendenz zu selektiver Panik und Hysterie bestanden hat und daß nicht zu sehen ist, inwiefern jemand, der sich von Feinstaub und Diesel, der Klimagretl und dem Kampf gegen rechts hat verrückt machen lassen, ausgerechnet beim Corona-Thema rational reagieren sollte.

Was sich selbst bei der ärgsten Pandemie nicht ändern dürfte, ist die allgemeine Bereitschaft, sich aufzuregen. Wer weiß, wie die Masse tickt, kann das in alle seine Planungen mit einbeziehen. Was die Masse wiederum „weiß“, hängt davon ab, was ihr erzählt worden ist. Und das wiederum hängt davon ab, welchen Interessen der Erzähler folgt. Dienen die Massenmedien der Information oder der Steuerung? Auch dazu gibt es Meinungen. Als vernünftig gilt, wer sagt, sie dienten sowohl der Information als auch der Steuerung, je nachdem, um welches Medium es sich handelt. Welches Medium vorrangig was genau tut, dazu gibt es auch wieder Meinungen. Georg Restle und Anja Reschke von der ARD sagen, Haltungsjournalismus sei der eigentliche Journalismus, Indoktrination also wichtiger als die Information.

Es gibt schreckliche Schilderungen von Ärzten aus lombardischen Krankenhäusern. Es gibt Meldungen, denen zufolge das Coronavirus zwar eine vergleichsweise hohe Mortalitätsrate unter den Infizierten mit sich bringe, daß dafür aber die Ansteckungsgefahr vergleichsweise gering sei. Und es gibt die gegenteilige Darstellung: Mortalität hoch nur unter Vorerkrankten, ansonsten eher harmlos, dafür aber höchste Infektionsgefahr. Sowohl der eine als auch der andere Standpunkt werden vertreten von Leuten, die es wissen sollten, weil sie Virologen sind. Ich bin keiner.

Es gibt sowohl die Meldung, das Defender2020-Manöver der NATO sei wegen der Coronakrise abgebrochen worden, der Rücktransport von Truppen in die USA habe eingesetzt, Transportschiffe auf dem Atlantik seien umgekehrt, und es gibt die Meldung, Matrosen auf diesen Schiffen hätten bestätigt, sie seien weiterhin unterwegs Richtung Europa.

News vs. Fake-News

Ungeachtet der Frage, was eine Meinung wert ist, die auf dem fußt, was ihr Inhaber als sein Wissen behauptet, ist bemerkenswert, daß es Bestrebungen gibt, gewisse Meinungen nicht aufkommen zu lassen. Bemerkenswert ist das deswegen, weil der unterstellte Segensreichtum der Meinungsfreiheit an der Behauptung hängt, jeder Mensch konstruiere sich seine eigene Realität (1. Axiom der Sozialpsychologie), daß alle Menschen gleich seien und daß somit ein jeder das Recht auf seine eigene Meinung habe. Wer also sogenannte Faktenchecker installiert, deren „Faktenchecks“ sich inzwischen häufig selbst als nichts weiter denn als „eigene Realität der Faktenchecker“ herausgestellt haben, der hat offensichtlich ein Interesse daran, daß sich bestimmte Menschen ihre eigene Realität nicht konstruieren, was wiederum impliziert, daß es ein Interesse daran gibt, sie mögen sich eine andere Realität selbst konstruieren (lassen). Warum gibt es dieses Interesse? Eine womöglich zutreffende Antwort wäre, daß diejenigen, die das 1. Axiom der Sozialpsychologie dogmatisch installiert haben, genau wußten, daß es neben der Realität, die sich jeder selbst konstruiert, noch die eine Realität gibt, die gänzlich unabhängig von dem existiert, was sich irgendwer als seine persönliche Realität zusammenbastelt.

„Sagen Sie uns Ihre Meinung!“

– wozu? Womöglich soll man im Lande der Meinungsfreiheit seine Meinung deswegen sagen, damit diejenigen, die von der Irrelevanz der selbst konstruierten Realität überzeugt sind, möglichst genau wissen, wie sie agieren müssen, damit sie den kollektiven Glauben an den Segensreichtum der je eigenen Meinung nicht verletzen, um so zu vermeiden, die Massen gegen sich aufzubringen, während sie dennoch ihre eigenen Interessen verfolgen. In dem Fall wäre die dogmatisch als existent behauptete Meinungsfreiheit ein astreines Unterdrückungsinstrument, nichts weiter, als die Entsendung des Demokraten in die Irrelevanz, seine Neutralisierung also. Fest steht: Damit der Demokrat als Demokrat funktionieren kann, muß er wissen, was objektiv Sache ist, nicht, was er entlang seiner persönlichen Präferenzen gern hätte.

„Meine Meinung ist, daß die Welt ein besserer Ort wäre, wenn sich alle die Menschen recht von Herzen lieb hätten und das Coronavirus besiegt wäre“, ist eine sehr kleidsame Meinung. Wer sie vertritt, darf sich als einen guten Menschen begreifen. Böse Menschen mit einer bekämpfenswerten Meinung wären solche, die behaupten, der gute Mensch solle sich seine Meinung sonstwohin stecken, weil es nicht darauf ankommt, was die Welt wäre, wenn, sondern darauf, was sie ist – ohne wenn und aber. Ist die Welt eine „Wünsch-dir-was-Welt“? Auch dazu gibt es wieder Meinungen. Interessant in dem Zusammenhang ist auch die Frage, ob es ohne den Menschen überhaupt eine Welt gäbe. Wir wissen zwar, daß es vor dem Menschen eine gegeben hat, aber wer weiß schon, ob sie nicht mit dem letzten Menschen wieder verschwindet? Vermutungen dazu gibt es natürlich. Meinungen en masse, sozusagen. Aber niemanden, der sie noch bestätigt bräuchte.

Meinungen zur lieben Umwelt

Der Meinungs-Größenwahn hat sich inzwischen in Düsseldorf der Realität ergeben, resp. dem, was man neuerdings für eine solche zu halten geneigt ist. War es bisher die Meinung des guten Menschen, daß die liebe Umwelt – das ist die Welt, aus welcher das Virus kommt – seines besonderen Schutzes bedarf, gilt nunmehr die Meinung, daß das nicht nötig sei. In der Stadt am Rhein wurden die „Umweltspuren“ für alle geöffnet. „Wir wollen in der gegenwärtigen Situation keinen Anreiz für die Nutzung des ÖPNV schaffen„, sagte Oberbürgermeister Geisel von der SPD. Die Rheinbahn schränkt ihr Angebot ein und fährt seit dem heutigen Mittwoch nur noch nach dem Samstagsfahrplan.

Ebenfalls interessant ist die Meinung, die Coronakrise könne in bis zu zwei Jahren nicht überwunden sein. Aber auch von einer an- und abschwellenden Infektionkrise war schon die Rede, von einer Wellenbewegung, bei der 80 Jahre in den Raum gestellt wurden. In Stuttgart (Grün) hingegen ist man der Meinung, daß das Dieselfahrverbot unbedingt aufrecht zu erhalten sei. Meinungen, Meinungen, Meinungen.

Von Frau Katrin Göring-Eckardt (Grüne) war mitten in der Coronakrise zu hören, daß die ganze AfD vom „Flügel“ infiziert sei, weswegen auch die gesamte Partei als rechtsradikal zu bezeichnen sei und von der Stasi … Entschuldigung … vom Verfassungsschutz zu überwachen sei, resp. von dem, was Leute ihrer Meinungsausrichtung für einen Verfassungsschutz halten. Man braucht nicht viel zu wissen, um sich sicher sein zu können, daß ihre eigene Überwachung durch den sog. Verfassungsschutz nichts ist, das nach Frau Göring-Eckardts Meinung angezeigt wäre. Im Grunde reicht es für eine Frau Göring-Eckardt generell aus, nicht viel zu wissen, weil sie ja schließlich eine „gute Meinung“ hat. Von den guten Meinungen einer Frau Merkel gar nicht erst zu reden. Dann gibt es außerdem noch die Meinung, daß sich kein Meinungsinhaber mehr für die Weltklimarettung interessieren wird, solange das liebe Weltklima dem noch viel lieberen Weltklimaschützer mit einem frei in ihm herummarodierenden Virus aufwartet.

Robert Habeck, der liebe Grünen-Chef, ist der Meinung, daß die liebe Umwelt und das liebe Weltklima am besten dadurch zu retten seien, daß die Hoteliers und Gaststättenbetreiber, denen das Virus augenblicklich die wirtschaftliche Infektionsluft abdreht, ihre einkommenslose Situation dazu nutzen, die alten Ölheizungen rauszuschmeißen und durch weltklimafreundliche Anlagen zu ersetzen. Offensichtlich ist er der Meinung, man brauche keine Geld, um für Investitionen zu zahlen, die sich ohnehin nicht rechnen.

„Infektionsluft?“ fragen Sie? Ja, auch diese Meinung gibt es: Es stimmt nicht, daß das Coronavirus zu Boden fällt, sondern es schwirrt durch die Luft wie Influenzaviren. Meiner Meinung nach sollte man das Virus selbst fragen, was genau es tut. Und dabei hoffen, daß es einen nicht anlügt, sollte man meiner Meinung nach auch. Gibt es eigentlich die Lüge, wenn sich jeder seine eigene Realität konstruiert? Oder werden Wahrheit und Lüge unterschiedslos zu Meinung?

Es ist gerade einmal zwei Wochen her, daß die „Süddeutsche Zeitung“ meldete, der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann (Grüne) habe folgende Meinung geäußert: „Land für Aufnahme neuer Geflüchteter gewappnet.“ – Der Mann hatte also gesagt, daß man für die Humanität gewappnet (also: bewaffnet) sein muß, während andere meinten, ein offenes Herz, Aufnahmekapazitäten und ein freundliches Gesicht seien gut genug. „Welcome! Wir sind gewappnet!“, oder wie? Heute, zwei Wochen später, gibt es Meinungen dazu, ob sich die Geflüchteten an der griechischen Grenze in Luft aufgelöst haben oder nicht. Es interessiert bloß wegen Corona kaum noch jemanden. Das ist ein starkes Indiz dafür, daß Meinungen zu einem Thema von Meinungen zu einem anderen Thema überlagert werden könnten, wenn nicht gar völlig verdrängt, obwohl die verdrängte Meinung ihre Existenzberechtigung durchaus noch hat. Wo sind sie denn jetzt, die Geflüchteten von der griechischen Grenze, alle diese jungen Männer, die nach Meinung von Frau Baerbock keine jungen Männer, sondern hauptsächlich schutzlose „Frauen & Kinder“ gewesen sind? Ob man wohl der Meinung sein kann, sie würden jetzt leise, still und heimlich im Schutz der Coronakrise über jene Grenzen gebracht werden, von denen man außerdem der Meinung ist, daß sie geschlossen worden seien?

Dr. Markus Krall meint derweil, daß der Euro als gesetzliches Zahlungsmittel in zwei bis sechs Quartalen das Zeitliche segnen wird. Und weil das alles noch nicht reicht, meinungstechnisch so, meint Frau Julia Klöckner im Landwirtschaftsministerium auch noch etwas. Sie meint, daß die Unterbeschäftigten und die Arbeitslosen aus der Gastronomie ersatzweise auf den Feldern in der Landwirtschaft mithelfen könnten. Ausdrücklich nicht meint sie, daß sie selbst als Landwirtschaftsministerin die erste wäre, die dafür in Frage kommt. Meinereiner ist nämlich durchaus der Meinung, daß ein freundlicher und cleverer Kellner im Landwirtschaftsministerium genau so gut aufgehoben wäre wie eine Weinkönigin, weshalb die Weinkönigin genauso gut für die Feldarbeit eingesetzt werden könnte wie der freundliche und clevere Kellner. Soll noch einer sagen, die Meinungsfreiheit sei zu nichts nütze.

Hat schon jemand bei der Realität nachgefragt, ob zutrifft, daß sie das ist, worauf man sich per Kompromiß und Konsens einigen kann? Sollen wir darüber abstimmen, ob die Coronakrise das ist, was uns als eine solche vorkommt? Ob sie sich wohl ans Abstimmungsergebnis halten wird?

Ob ich freundlicherweise meinen siebengescheiten Mund halten könnte?

Nein. Solange wir die Meinungsfreiheit haben, fühle ich mich verpflichtet, meine Rechte wahrzunehmen. Weil das produktiv ist im Sinne der Demokratie, wie ich zu meinen habe. Das ist der gesellschaftliche Diskurs. Allgemeine Meinung ist, daß ein solcher recht segensreich sei. Und ich werde nicht gern zum Außenseiter. Ich sei bereits einer, meinen Sie? Das meine ich auch. „Gemeinsam“ meinen wir also dasselbe. Demnach können Sie sich nicht für einen Insider halten, sondern, so wie ich mich, für einen Meinungsinhaber. Betrachten Sie deshalb diesen meinen Beitrag als einen Beitrag zur löblichen Meinungsvielfalt und halten Sie ihren eigenen Mund, anstatt mir Ratschläge zu geben, die Ihrer Meinung nach richtig sind. Die Insider sind wahrscheinlich die, die genau wissen, was los ist, und denen Ihre und meine Meinungsfreiheit dabei hilft, Insider zu bleiben.

Ach so, Sie waren gar nicht der, der gesagt hat, daß ich endlich mit meiner Klugscheißerei aufhören soll? Dann war es eben jemand anders. Oder es hat sich jemand gedacht. Jedenfalls meine ich, jemanden einen solchen Gedanken denken gehört zu haben. Aber wer kann schon wissen, ob Sie mit diesem jemand einen Kontakt unterhalten. Über einen solchen Kontakt hätten Sie sich womöglich mit einer falschen Meinung infiziert. Sollten Sie bei der Filmförderung arbeiten, dann wäre es das jetzt für Sie und Ihre falsche Meinung. Aus die Maus. Raus aufs Feld und Julia Klöckner bei der Spargelernte helfen. Nicht reden dabei. Behalten Sie Ihre Gedanken und Ihre Meinungen für sich. Es macht aufs Ganze gesehen keinen Unterschied. Ob Sie zum Wert Ihrer eigenen Meinung eine Meinung haben oder zum Coronavirus, ist doch völlig wumpe. Meine Meinung. Die spielt keine Rolle, meinen Sie? Da könnten Sie recht haben, meine ich. Am besten wäre, Sie hätten das alles gar nicht gelesen. Sind Sie noch da? – Gut, dann weiter im Text. Es folgt: Kein Text.

Wie bitte? Weil von mir kein Text mehr folgt, seien Sie jetzt dran, meinen Sie, und Sie wollten deshalb noch gemeint haben, man sollte endlich mit dem linken Menschenbild und diesen ganzen linken Gesellschaftstheorien aufräumen? Da sind wir einer Meinung. Die Welt ist nicht unser Freund und die liebe Umwelt ist gar nicht lieb. So geht´s schon mal los ganz am Ende des Artikels. Wie schön, ich habe einen Mitstreiter.