Der Corona-Talk bei Anne Will: Laschet für offene Grenzen zu Belgien und den Niederlanden

0
Anne Will diskutierte mit ihren Gästen am Sonntagabend über die Corona-Gefahr, Bild: Collage

Bei Anne Will wurde gestern darüber diskutiert, ob die deutsche Politik in der Corona-Krise die richtigen Entscheidungen gefällt hat. Während Scholz und Laschet beschwichtigen, kritisiert der Virologe Alexander Kekule die Merkel-Regierung aufs Schärfste.

„Wir haben wahnsinnig viel Zeit verschlafen.“, konstatiert Alexander Kekule. Der an der Universität Halle lehrende Virologe hat bereits Mitte Januar zu Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Corona aufgerufen – und wurde damals noch als Panikmacher belächelt. Erst jetzt, wo in Deutschland bereits zwölf Menschen an dem Virus gestorben sind, findet das Establishment auf einmal großes Interesse an seiner Expertise. Doch nun sei es schon fünf nach zwölf, so Kekule. Die Kitas und Schulen hätte man natürlich schließen müssen, bevor die Kinder aus ihrem Winterurlaub in Risikogebieten zurückgekehrt sind. Am Beispiel nur eines infizierten Kindes rechnet er den anwesenden Politikern vor, welche fatalen Konsequenzen ihre Zögerlichkeit hatte: 

Ein im Urlaub angestecktes Kind, das in die Schule zurückgekehrt ist, ohne dass dessen Krankheit erkannt wurde, hat acht Wochen später 3000 Menschen angesteckt. Gehe man davon aus, dass an einer Infizierung mit Corona 0,5 Prozent der Betroffenen sterben, wären dadurch 15 Tote zu beklagen. 200 bis 300 Menschen müssten auf der Intensivstation behandelt werden. 

Und auf den Intensivstationen tun sich neue Probleme auf, wie ein Einspieler der Redaktion verdeutlicht: Um Corona-Kranke behandeln zu können, werden spezielle Betten mit Beatmungsgerät benötigt. Von denen sind aber bereits im Normalfall 80% belegt. Die Bundesregierung werde zusätzliche Bettenkapazitäten beschaffen, versichert Vizekanzler Olaf Scholz auf Nachfrage von Anne Will. Scholz, dem sich die Überforderung als tiefe Augenringe ins Gesicht gegraben hat, gelingt es jedoch nicht, dabei besonders glaubwürdig zu wirken.

Armin Laschet erklärte bei Anne Will, die deutschen Grenzen nicht vollständig schließen zu wollen, Bild: Imago/Collage

„Es ist viel Management, was jetzt in kurzer Zeit passieren muss“, versucht NRW-Ministerpräsident Armin Laschet die gefährlich verspätete Politik zu rechtfertigen. Als CDU-Chef und Kanzlerkandidat in spe lässt Laschet dieser Tage keine Talkshow verstreichen, ohne sich dort als oberster Virenbekämpfer zu inszenieren. Bereits am Nachmittag hat er in Köln neben Jessy Wellmer und BVB-Chef Watzke in der „Sportschau“ diskutiert, um dann rasch in den Flieger nach Berlin zu steigen. Trotz seines offen zur Schau getragenen Engagements spricht sich der Merkel-Getreue für weiterhin offenstehende zu Belgien und den Niederlanden aus. Es bringe doch nichts, die Grenzen dort zu schließen. Eine Erklärung blieb Laschet dem Zuschauer allerdings schuldig. Cerstin Gammelin von der „Süddeutschen Zeitung“ gibt ihm Recht, sie kann nicht einmal nachvollziehen, dass die Grenzen zu den fünf anderen Nachbarländern dicht gemacht wurden. Die Reisefreiheit sei doch schließlich etwas Bewahrenswertes. Es ist immer wieder verblüffend, wie vehement die Ideologie der offenen Grenzen von ihren Anhängern verteidigt wird, selbst im Angesicht des tausendfachen Viren-Todes.

Nach Einschätzung von Alexander Kekule bilden die 4.838 laborbestätigten Fälle von Corona nur einen Bruchteil der tatsächlich Infizierten ab. Jeder laborbestätigter Fall habe in der Regel eine Vorgeschichte von zehn Tagen. Eine solche Erhebung sei also immer ein Blick in die Vergangenheit. Die deutsche Politik müsse jetzt unbedingt dafür sorgen, dass der „point of no return“ nicht überschritten wird. Wäre bei Anne Will gestern Publikum da gewesen, hätte es an dieser Stelle sicher Applaus gegeben. Doch auf der Zuschauertribüne herrschte wegen drohender Ansteckungsgefahr nur gähnende Leere. (PK)