Politische Corona-Notfallmaßnahmen: Viruseindämmung, auch wenn darüber die Volkswirtschaft kollabiert?

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Corona-Angst (Symbolbild:Imago/ZUMAWire)

Die Corona-Krise bringt immer drastischere Konsequenzen für Europa mit sich – nicht mehr nur im besonders betroffenen Italien,sondern allmählich auch hier bei uns. So nachvollziehbar das verzweifelte Bestreben der Politik ist, die Gesundheitssysteme durch eine Dehnung der Zeitachse vor einer Überforderung zu bewahren: Allmählich ist ein Punkt erreicht, an dem der in Kauf genommene volkswirtschaftliche Schaden zum nicht minder schweren Problem wird.

Betrachtet man sich Italien, wo im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung zwar dreißigmal mehr Menschen – den offiziellen Zahlen zufolge – mit dem Virus infiziert sind als im Ursprungsland China, so ist dort mittlerweile ein extremer Grad staatlicher Maßnahmenschärfe erreicht, der zwar die Verbreitung von Corona stoppen soll, dafür die Bevölkerung anderen Gefahren aussetzt. Gestern Abend beschloss die Regierung in Rom, für die Dauer von zunächst 14 Tagen nur noch Apotheken und Lebensmittelgeschäfte zu öffnen; alle anderen Betrieb – auch Gastronomie und Einzelhandel – müssen dichtbleiben.

Man stelle sich solche Szenarien in Deutschland vor; der Eingriff ins öffentliche Leben wäre unverhältnismäßig größer als alles, worüber jetzt hierzulande diskutiert wird – ob Ligaspiele ohne Publikum der gar nicht stattfinden sollen, ob Großveranstaltungen ab 1000 Teilnehmern oder schon darunter abzusagen sind, ob der innerdeutsche Reiseverkehr beschränkt wird.

Auf internationaler Ebene fordern Experten schon weit mehr; der deutsch-amerikanische Harvard-Professor Yascha Mounk erklärte gestern in „Bild„, angesichts der offiziellen WHO-Ausrufung als Pandemie sei nur durch eine „radikale und sofortige Änderung unserer Gewohnheiten“ – und zwar im privatem, öffentlichen und im Berufsleben – eine Bewältigung der Gefahr möglich. Es sind an Panikmache oder Hysterie gemahnende Worte der Verunsicherung, die weder dem tatsächlichen gesundheitlichen Bedrohungspotential des Virus noch den Folgeauswirkungen solcher Postulate angemessen erscheinen. Mancheiner, so scheint es, kann es kaum abwarten, was das ganze Jahr über nicht möglich ist – eine individualistische Gesellschaft durch Bevormundung zu rationalem, zweckökonomischem  Verhalten zu zwingen –  endlich über den Umweg der Krise, über epidemiogische Notstandsmaßnahmen umzusetzen.

Doch es muss erlaubt sein, die Frage nach der Verhältnismäßigkeit zu stellen. Würden bei uns Sanktionen wie in Italien landesweit greifen, die das öffentliche Leben quasi zum Erliegen bringen würden, wären die volkswirtschaftlichen Auswirkungen riesig – und es könnte tatsächlich die Initiatzündung der auch schon lange vor Corona befürchteten nächsten massiven Wirtschaftskrise sein, die Deutschland als ökonomischer Motor Europas weitaus stärker treffen würde als etwa die südeuropäischen Länder, wo man sich mit Mangel und Krise in der jüngeren Geschichte schon öfters arrangieren musste.

Grenznutzen der Gegenmaßnahmen

Irgendwann gelangt man dann an einen Punkt, wo man die ketzerische Frage stellen muss: Ist die Eindämmung eines neuen, bedrohlichen, aber in der Großzahl der betroffenen Ansteckungsfälle mild bis sehr mild verlaufenenen Erregers mit der kompletten Lahmlegung von Wirtschaft und sozialem Leben nicht zu teuer bezahlt? Beschert uns am Ende die Angst vor dem Virus und seine Prävention nicht einen schlimmeren Kollaps als der, den man durch unkontrollierte Ausbreitung von Corona erst zu verhindern sucht? Und vor allem: Wenn die Kanzlerin kaltschnäuzig und unsensibel verkündet, in absehbarer Zeit werden sich „60-70 Prozent der Deutschen mit Sars-CoV-2 infizieren, es also somit nur noch um Verlangsamung geht – wo ist dann der Grenznutzen flächendeckender Quarantäne- und Seuchenbekämpfungsmaßnahmen?

In einigen Monaten – wenn die Schäden europaweit vermutlich in die Billionen gegangen sein dürften (und damit Größenordnungen erreicht, die bislang allenfalls für den „Klimaschutz“ eingepreist wurden) – wissen wir mehr… und wir werden sagen können, welche Maßnahmen sich tatsächlich als rational und sinnvoll erwiesen, welche reinen Aktionismus darstellten und welche gar als  fahrlässige Hyperprävention nach der Devise „Operation gelungen, Patient tot“ zu bewerten sein werden. Letzteres ist hier nicht wörtlich zu nehmen, sondern bezieht sich alleine auf den praktischen Zweck der eingeleiteten Krisenpolitik. (DM)