Corona-Angst gleich Flüchtlingsangst? Dem „Spiegel“ ist keine Argumentation zu idiotisch

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Foto: Von Camila Paez/Shutterstock

Hamburg – Am übelsten wird Bevormundungs- und Haltungsjournalismus dort, wo Laienpsychologen mit Migrationshintergrund die Volksseele sezieren und den Kartoffeldeutschen die Abgründe ihres Wesens erklären. Beim Spiegel gibt es diesbezüglich die volle Packung: Kolumnistin Samira El Ouassil stellt dort einen abenteuerlichen Zusammenhang her zwischen dem deutschen Angstverhalten wegen der heraufziehenden Corona-Pandemie und der angeblich „irrationalen Angst, die Menschen an einer humanitären Flüchtlingspolitik hindert“.

Es ist wieder einer der Debattenbeiträge dieses einstigen Nachrichtenmagazins – einst Lieblingslektüre von Lehrern, heute von Oberlehrern -, in denen absolut nichts mehr stimmt, wo sich die Logik schon in den Einleitungssätzen auf Nimmerwiedersehen verabschiedet. Hier ist alles so schief, so wirr und unsinnig, dass eine nähere Analyse eigentlich müßig ist.

„Irrational“ mag man das Verhalten vieler Zeitgenossen zwar durchaus nennen, die Desinfektions- und Seifensortimente deutscher LEH-Ketten und Drogeriemärkte leerzukaufen, die Sagrotanspender in Kliniken abzupumpen und bei jedem Nieseln und Frösteln die künstliche Beatmung im Covid-19-Endstadium zu fürchten. Bloß: Dies sind keine spezifisch „deutschen“ Ängste. Es sind normale menschliche Verhaltensweisen, die sich ebenso in China, Südkorea, den USA oder vor allem Japan beobachten lassen – dort übrigens auch ohne Medienhysterie, wie sie bei uns verbreitet wird. Vor allem in Fernost geht kaum jemand mehr ohne Schutzmasken aus dem Haus, ist Isolation als Selbszweck eine noch vorrangigere Alltagsdevise als sonst.

Die Urangst vor Krankheiten, Keimen, vor potenzieller Lebensbedrohung – auch wenn sie objektiv-stochastisch unbegründet sein mag – tritt somit gerade auch in Ländern auf, die anders als Deutschland überhaupt keine pathologische Willkommenskultur aufweisen, sondern seit jeher eher auf Abschottung setzen. Schon deswegen ist El Ouassils These unhaltbar. Diese angeborenen Selbstschutzreflexe dann aber auch noch ursächlich auf eine Stufe mit der (angeblichen!) deutschen Verweigerung „humanitärer Flüchtlingspolitik“ zu stellen, ist die Krönung. Diese Hypothese wäre schon dann völlig abstrus, wenn sich Deutschland einer humanitären Flüchtlingspolitik tatsächlich jemals irgendwann verweigert hätte. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Welches Land hat, bitteschön, mehr für sogenannte Flüchtlinge getan als dieses Deutschland, nichts erst in den letzten fünf Jahren, sondern schon davor – und zwar über alle Belastungs- und Verkraftbarkeitslimits hinaus, unter billigender Inkaufnahme eines gesellschaftlichen Kollaps, unter Missachtung der eigenen Rechtsordnung?

Welche „Angst vor humanitärer Flüchtlingspolitik“, bitte?

Man muss schon gewaltig einen an der Waffel haben, angesichts der deutschen Opfer- und Hilfsbereitschaft, angesichts der hiesigen Menschenaufnahme-Geilheit (leider gibt es dafür kein treffenderes Wort) von einer verbreiteten (gar „irrationalen“) Angst zu sprechen, bei uns „Flüchtlinge“ aufzunehmen. Wann ist für diese „Spiegel“-Journalistin denn „humanitäre Flüchtlingspolitik“ verwirklicht? Wenn hier auf einen Deutschen drei Flüchtlinge kommen und die Bevölkerung bei 240 Millionen steht? Wenn ganz Arabien, Vorderasien und Nordafrika nach Mitteleuropa umgesiedelt wurden? Wenn sich alle Deutschen selbst entleibt haben, nachdem sie zuvor ihr Vermögen den „Schutzsuchenden“ überschrieben haben, um diesen ja nichts mehr wegzunehmen und so die Erbschuld einer „jahrhundertelangen Ausbeutung“ zu tilgen???

Offenbar geht es dieser Kolumnistin genau darum. Für sie ist der Verweis auf Staatsversagen ebenso „rechtes Framing“ wie die – vorgestern vom Bundestag mehrheitlich beschlossene – nunmehrige Zurückweisung weiterer Menschenimporte. „Wer Kontrollverlust sagt“, so El Ouassil, „der denkt ‚unkontrollierte Grenzöffnung‘ mit, was faktisch schon 2015 falsch war und nun nicht richtiger wird.“ Wieso war es 2015 falsch? Offiziell zwei Millionen Menschen (inoffiziell eher 3,5 Millionen) kamen seither ohne verfassungs- und asylrechtliche Grundlage ins Land. Wer darin keinen klaren Kontrollverlust erkennt, für den ist natürlich die Rückkehr zum Legalitätsprinzip dann auch „irrational“ – ganz so wie die Angst vorm Corona-Virus.

Was El Ouassil vielleicht sagen wollte: Vermutlich zieht heute so mancher Deutscher in der Tat Parallelen zwischen virulenten Eindringlingen, die seine Lebensgrundlage bedrohen – kulturelle wie physische. Und so ist nicht nur das biologische, das eigene Immunsystem herausgefordert, sondern auch des europäischen Abwehrsystems – ob nun in Form der griechischen oder bulgarischen Außengrenze oder der unfähigen Frontex-Sicherungsmaßnahmen. Irrational ist diese Überlegung gleichwohl nicht: Systeme sind nur lebensfähig, wenn sie erhalten werden und gegen äußere Gefahren gewappnet werden. Auf der Meta-Ebene wird dann Grenzschutz somit in der Tat zu einer Art Virenschutz.

Eigentlich führt die Spiegel-Autorin vermutlich aber etwas ganz anderes im Schilde: Dem islamofaschistischen Erdogan-Regime zum Triumph verhelfen. Entweder ist es Vorsatz oder Blödheit – beides ist für das Relotius-Mutterorgan gleichermaßen blamabel. Denn El Ouassil artikuliert genau das, was sich Erdogan mit seiner moralischen Erpressung von Trotteldeutschland erhofft. „Während Sie das lesen“, schreibt sie, „werden gerade Tränengas und Blendgranaten gegen Kinder eingesetzt, auf Menschen wird geschossen, hier im Friedensnobelpreisträger Europa“. Ganz klar: Ein ebenso irrationales Vorgehen wie Händedesinfektion. (DM)

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