Psychisch krank oder nicht – darüber entscheiden neuerdings Politiker und Journalisten

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(Symbolbild:Imago/Ikon)

Die großen Schulamokläufe der jüngeren Geschichte in Erfurt und Winnenden, der Mitnahme-Suizid von GermanWings-Pilot Andreas Lubitz, das Attentat auf den Ex-Bundespräsidenten-Sohn und Mediziner Fritz von Weizsäcker letztes Jahr, aber auch jede Menge spektakuläre „Einzelfälle“ und Terroranschläge durch Zugewanderte wie beim „Bahnhofsschubser“-ICE-Mord in Frankfurt: Bei all diesen Fällen beeilte sich die Medienöffentlichkeit sogleich auf die psychische Erkrankung hinzuweisen.

Damit war in den meisten Fällen die Schuldfrage sofort, die gesellschaftliche Begleitdebatte meist wenig später wunschgemäß im Keim erstickt – der oder die Täter waren halt „krank“, und wer hätte ihre grausamen, aber letztlich unvermeidlichen Taten vorhersehen können? Ganz anders bei Hanau.

Während sich bei den opferintensiven Angriffen psychopathischer Täter in den Tagen und Wochen meist eine detaillierte Durchleuchtung der psychischen Abgründe und medizinischen Hintergründe in den Medien anschloss, die etwa bei Andreas Lubitz bis hin zur Komplettoffenlegung der Krankengeschichte inclusive psychiatrischer Bulletins reichte, passiert im Fall des Hanau-Attentäter das genaue Gegenteil: Hier wird mit zunehmendem zeitlichen Abstand die psychiatrische Dimension völlig verdrängt und

Screenshot Synopsis: Netzfund

ignoriert, während die angeblich klare politische Motivation immer absoluter behauptet wird. Das Missverhältnis wurde gestern durch Netzmemes wie dieses treffend illustriert:

Der Unterschied ist hier der: Bei Tobias Rathjen in Hanau ist die psychische Störung völlig evident, sie tritt aus seinen kurz vor der Tat verfassten Pamphlet und seinen Videos klar zutage. Anders war es bei Andreas Lubitz, beim Weizsäcker-Killer Gregor S., als bei den genannten Schul-Amokläufern – oder bei so ziemlich jedem islamistischen Terroristen der letzten Jahre: Bei all diesen konnte anscheinend weder das soziale Umfeld noch teilweise der Nahbereich wissen, dass mit diesen Leuten etwas nicht stimmte oder sie wandelnde Zeitbomben waren.

Während dies teilweise auf Verstellung der Täter vor ihrer Tat zurückzuführen war, mag es sich gerade bei vielen Islamisten und Gewalttätern durchaus auch um reine Erfindungen interessierter Kreise handeln; das heißt: sie waren gar nicht gestört, doch dies wurde – um die öffentliche Stimmung zu beschwichtigen – womöglich nur behauptet. Beweise gab es dafür oft keine –  auch wenn den Medien stets über die schuldmindernden psychischen Verhaltensauffälligkeiten als Faktum berichtet wurde.

Wer zum Rechtsterrorist taugt, kann nicht psychisch krank sein

Bei Tobias Rathjen kann sich jeder persönlich davon überzeugen, was hier für ein psychotischer Irrer durch die Lande lief. Hier war es von vornherein klar, dass dies mehr als ein Schläfer war – und dass der Generalbundesanwalt spätestens seit November davon Kenntnis hatte und diesem Mann sein Waffenschein nicht sofort entzogen wurde, ist der eigentliche Skandal.

Keine Frage: Natürlich hatte Rathjen ein rassistisches Menschenbild – aber er hatte noch jede Menge andere wirre Gedankengänge, Wahnvorstellungen und Neurosen, so dass hier eine hochgradig kranke Gesamtpersönlichkeit vorliegt; Rathjen litt wohl an einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie, wie inzwischen sogar Ärzte  anhand seiner Video- und Texthinterlassenschaften klar diagnostizierten. Der Mann hätte längst in der geschlossenen Psychiatrie sitzen müssen.

Doch Politik und Medien wissen nichts Besseres, als landauf-landab die hier klar indizierte medizinisch-psychische Notsituation zu vertuschen, zu ignorieren und stattdessen vom eiskalt-berechnenden Rassisten zu reden. In Deutschland bestimmen nämlich nicht mehr Ärzte, sondern Agitatoren und politische Hetzer darüber, wann jemand psychisch krank ist und wann er als zumindest hinreichend „gesund“ gilt, damit seine Wahnideen (oder die passenden Fundstellen daraus) als ernst zunehmende politische Agenda für „Rechtsterrorismus“ einzustufen sind. (DM)