Tobias R. – das Monster aus der Querfront des Wahnsinns

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v.l. Kranz Niederlegung Bundesminister des Innern Horst Seehofer, Volker Bouffier Ministerpräsident Hessens, Oberbuergermeister Claus Kaminsky Hanau, (Foto: Imago)

So entsetzlich und grauenvoll die Untat von Hanau auch ist: Sie ist nicht die langersehnte Manifestation des rechten Terrors, so sehr die Herolde eines neuen Ausnahmezustands bereits begierig in den Startlöchern sitzen und die Gelegenheit zum Losschlagen kommen sahen. Denn der Killer Tobias Rathjen, ein schwer geisteskranker Mensch, eignet sich nicht wirklich als angebliches Produkt rechter Hetze. Was er in dem von ihm mit „Skript“ überschriebenen 24-seitigen Machwerk zum Ausdruck bringt, übertrifft die Paranoia seines „Bekennervideos“ um Längen – und müsste eigentlich schlagartig bei jedem die Sektlaune verfliegen lassen, der in der gestrigen Tat endlich den ultimativen Nachweis für die Gemeingefährlichkeit „rechter Netzwerke“ erbracht sieht.

Für den Spiegel ist Rathjens „Skript“ natürlich „die Erläuterung der rassistischen rechtsextremistischen Weltsicht von Tobias R.“; seine Erörterungen seien „über weite Strecken kohärent formuliert, so abwegig viele der vorgebrachten Argumente und Gedankenhänge auch sind“, schreibt das Nachrichtenmagazin.

Kohärent formuliert? Konfuser und abstruser könnte ein Manifest überhaupt nicht sein. Der norwegische Utoya-Massenmörder Anders Behring Breivik mit seinem 1500-Seiten-Manifest „2083: A European Declaration of Independence“, Der Christchurch-Attentäter Brenton Tarrant mit seinem 74-Seiten-Pamphlet „The Great Replacement – Towards a New Society“, selbst der Halle-Attentäters Stephan Balliet mit seinem dünnen Bekennerschreiben – sie alle rechtfertigten ihre Taten aus einer zutiefst rassistischen, menschenverachtenden, aber immerhin konsistenten Weltsicht heraus. Ihre rundum verabscheungswürdiger Extremismus folgten einer kranken inneren Logik, was ihre Identifizierung als eindeutige Rechtsradikale und Rassisten ja erst erlaubte.

Bei dem „rechtsextremen“ Hanau-Attentäter kann von innerer Konsistenz keine Rede sein. In seinen Gedanken ist von unterirdischen Einrichtungen, Folterkammern und Laboren die Rede, wo die USA kleine Kinder quälen. Vom Teufel, von Dämonen. Und immer wieder auch von Fussball: Der Täter ist fest davon überzeugt, mit telepathischen Fähigkeiten Einfluss auf das Sport- und Weltgeschehen nehmen zu können. Dieses Phänomen, als „Gedankenausbreitung“ bekannt, ist aus der klinischen Psychiatrie als Symptom massiver Psychosen wohlbekannt. So sinniert Rathjen darüber, dass seine eigenen Gedankenkräfte oder die anderer mächtiger Sender – er nennt sie „Fernsteuerung“ etwa Fussball-Mannschaftsaufstellungen beeinflusst haben könnten: „Bei der Umsetzung der DFB-Strategie stellt sich für mich die Frage, haben sie dies ausschließlich über die sogenannte ‚Fernsteuerung‘ hinbekommen oder hat tatsächlich irgendein DFB-Verantwortlicher jemals mein Gesicht gesehen oder ein gesprochenes Wort von mir gehört? Die Personalien Oliver Bierhoff und Jürgen Klinsmann, sowie die amerikanischen Fitnesstrainer sind für mich der sichtbare Teil der Umsetzung meiner Strategieempfehlung.“

Verstörende Einblicke in eine zutiefst kranke Persönlichkeit

Auch die US-Politik ist für Rathjen fremdbestimmt: „Das (sic!) Donald Trump wissentlich meine Empfehlungen umsetzt, bezweifele ich ebenfalls, da ich mir hier sicher bin, dass dies über die sogenannte Fernsteuerung funktioniert. Es gibt somit tatsächlich eine sogenannte „Schattenregierung“! Wie intensiv die Überwachung in Deutschland ist, kann ich selbstverständlich nur vermuten. Aber das Bild, das sich für mich abzeichnet ist, dass es sich doch um eine nicht vorstellbare Größenordnung und Intensität handeln muss. Ein Hauptanliegen von mir ist somit, dass eine zukünftige Zentralüberwachung der Bevölkerung niemals implementiert wird bzw. die bereits vorhandene bloßgestellt und eliminiert wird… Fazit: Das alles kann kein Zufall sein. Der Irak und Afghanistan Krieg (vor allem in der Art und Weise wie sie geführt wurden) – Die Personalien beim DFB, die Trainerstationen von Jürgen Klopp – Der Lehrstuhl ‚Internationales Management‘ an der Universität Bayreuth – Die aufgezählten Hollywood-Filme – Das nun ein Milliardär in den USA meine Politikempfehlung umsetzt (selbst einige Slogans hatte ich entwickelt, wie ‚America First, Buy American und Hire American‘) Wie bereits erwähnt, könnte ich noch etliche weitere Beispiele anführen, die in die gleiche Kategorie fallen. Ich kam somit in das Privileg in den letzten 18 Jahren anhand dieser Meilensteine mitzudenken und meine Gehirnkapazität anhand dieser strategischen Signale zu trainieren.“

Der solches schrieb, bevor er in zwei Shisha-Bars neun Menschen erschoss, soll also jetzt Inkarnation des von der politischen Linken geradezu herbeigesehnten, endlich aus der Deckung getretene „Rechtsterrorismus“ sein? Was der Killer hier absondert, ist nicht links, nicht rechts – sondern ein Potpourri ebenso linksextremer (Trump-Hass und Antiamerikanismus, sozialistische Weltbefreiungsformeln) wie rechtsextremer Topoi (der Hass auf „schädliche“ Völker und Volksgruppen). Es sind Bekenntnisse von der Querfront des Wahnsinns, und je länger man sich durch die 24 Seiten von Rathjens „Skript“-Gedankenwelt durcharbeitet, umso mehr wird deutlich, dass hier kein politischer Terrorist die Stimme erhebt, sondern offensichtlich ein aus der geschlossenen Irrenanstalt Deutschland Ausgebrochener, der die falschen – oder gar keine – Medikamente genommen hat.

All das, was zur Relativierung islamistischen Terrors stets vorgebracht wird – Paranoia, angeblich psychische Störung, Wahnvorstellungen (allerdings dann stets OHNE irgendeinen der Öffentlichkeit gegebenen Nachweis für diese Behauptungen!) – wird hier, wo die psychische Devianz für jedermann offensichtlich zutage tritt, ausgeblendet und dem Täter eine motivische Stringenz unterstellt, die geradezu grotesk erscheint. Denn seine psychische Verhaltensauffälligkeit und Geisteskrankheit sind ebenso evident, wenn nicht noch augenfälliger als bei anderen Amokläufern der letzten Jahre, von Robert Steinhäuser bis Tim Kretschmer. Auch dass Rathjen die eigene Mutter umbrachte, zeigt das klinische Ausmaß seiner Störung; je mehr über diese Bluttat bekannt wird, umso deutlicher wird, dass diese einen medizinischen, keinen politischen Hintergrund hat.

Man pickt sich raus, was zum rechten Täterprofil passt

Für Politik und Medienöffentlichkeit steht dagegen das politische Motiv fest. Generalbundesanwalt Peter Frank bestätigt etwa die „zutiefst rassistische Gesinnung“ des Täters. Diese ist hier jedoch nur eine Facette der Täterpsyche; dass gerade das rassistische Element dieses Wahns hier wesensbestimmend sein sollte, wird nicht weiter erläutert. Angesichts der durchweg spinnerten Ausführungen Rathjens könnte man ebensogut auch die religiösen, die esoterischen oder gar die Science-Fiction-Elemente dieses in Worte gegossenen Irrsinns hervorheben: An einer Stelle schreibt er etwa: „Wir müssen wir eine Zeitschleife fliegen und den Planten, den wir unsere Heimat nennen zerstören, bevor vor vielen Milliarden Jahren das erste Leben entstand“. Oder: „‚Siegerspezies‘ definiert sich alleine dadurch, ob wir das Rätsel gelöst haben und nicht dadurch, dass wir im Durchschnitt (sic!) alle 120 Jahre alt werden, die Krankheit Krebs besieht haben, Häuser bauen können, die 2 Kilometer hoch sind.“

An der Einschätzung des Generalbundesanwalts ist vor allen interessant, dass der Täter dessen Behörde bereits bekannt war: Rathjen selbst hatte dort vor drei Monaten Strafanzeige gegen eine „unbekannte geheimdienstliche Organisation“ gestellt und in seiner Begründung von der Fähigkeit mancher Menschen geschrieben, sich in fremde Gedanken „einzuklinken“ und „Fernsteuerung“ vorzunehmen, auf diese Weise würde „tausende deutsche Bürger von einem Geheimdienst überwacht“. Derselbe Generalbundesanwalt, der diesen Ausführungen damals keine weitere Beachtung schenkte, übersieht plötzlich die pathologischen Wahngedanken und betont die klar rechtsextreme Einstellung?

Die Nachrichtenrezeption der letzten Monate ähnelt sich auf frappierende Weise. Zuerst gibt es einen Anschlag mit Toten, Spekulationen schießen ins Kraut. Dann findet man den mutmaßlichen Täter tot oder lebendig, flugs taucht das Bekennerschreiben eines psychisch gestörten Einzeltäters auf, nichts Genaues weiß man nicht, und es setzt geht Bangen und Hoffen ein – je nach politischer Sichtweise: Bitte, bitte lass es keinen aus der linken / rechten / islamistischen Szene sein! Dann stürzen sich die journalistischen Wühlmäuse ins Geschehen, durchleuchten die Psyche des Täters, sein familiäres, berufliches und vor allen Dingen politisches Umfeld – und kaum sind die ersten Gerüchte in die Welt gesetzt worden, hagelt es  Spekulationen, wird munter drauflos instrumentalisiert, um im jeweiligen Sinne politisches Kapital daraus zu schlagen.

So auch jetzt. Die Instrumentalisierung der Tat durch jene, die sonst immer von „Instrumentalisierung von rechts“ warnen, kennt kein Halten mehr. Im Mittelpunkt steht hier natürlich, wie schon nach dem Lübcke-Mord oder Halle, um jeden Preis der Zwangsbrückenschlag hinüber zur AfD: Koste es was es wolle, ihr muss die eigentliche Verantwortung in die Schuhe geschoben werden. Von Medienseite mache „Bild“ gleich heute früh den Auftakt und wies darauf hin, der Täter sei „Björn Höcke auf Facebook gefolgt“ – wohl wissend, dass eines von hunderten gesetzten Likes noch keine geistige Nähe belegt und dass bestimmt auch jede Menge Krimineller, Paranoiker und perverser Bürger, vielleicht sogar der eine oder andere potentielle Kinderschänder oder Massenmörder, der „Bild“ in den Sozialen Netzen folgen dürfte.

Die „Tagesschau“ brachte heute wiederholt die große Chronologie NSU-Morde, Lübke Mord, Halle und jetzt natürlich Hanau – als ein großer Handlungsbogen der rechten Dauerbedrohung, versteht sich, ohne jede Einordnung, dass die NSU bald 10-20 Jahre zurückliegt und dass zwischen den Einzelereignissen kein kausaler Zusammenhang besteht.

Instrumentalisierung gegen die AfD steht über allem

Schon gar nicht zur AfD; doch über die begrifflichen Klammern „Rechtsterrorismus“ und „rechte Hetze“ wird hier das gewünschte Scharnier eingezogen. Deshalb drischt jeder auf sie ein, holen sie alle schon ihre lange vorbereiteten Reden aus den Schubladen. Norbert Röttgen machte die AfD für Hanau mitverantwortlich und erklärte gegenüber „Bild“: „Wir müssen das Gift bekämpfen, das von der AfD und anderen in unsere Gesellschaft getragen wird!“. Für die Linken trötete Gregor Gysi auf Facebook: „Die AfD mit ihrem Nationalismus und Rassismus liefert eine Grundlage für solche extremistischen Täter!“ Auch Grünen-Politiker Konstantin von Notz beeilte sich zu betonen, „das Hetzen gegen Migranten, das Bedienen antisemitischer Narrative und die Verächtlichmachung von Staat und Medien, wie es auch von der AfD seit Jahren betrieben wird, tödliche Konsequenzen hat.“ Wollte man über Tätersozialisation und „Kontaktschuld“ reden, so wie sie sonst beim familiären Umfeld von AfD-Politikern stets angewandt wird, so wären gerade die „Grünen“ gut beraten, sich hier bedeckt zu halten: Der Vater von Tobias Rathjen soll, wie RTL berichtet, bei den Hanauer „Grünen“ aktiv gewesen sein.

Es ist kein Zufall, dass das entsetzliche Verbrechen sofort für tagespolitische Zwecke ausgebeutet wird – und die Legende vom angeblich durch AfD und Hass im Netz radikalisierten Täter munter gesponnen wird: Aktuell steht gerade der Entwurf einer gesetzlichen Neuregelung der Bundesregierung zur schärferen Verfolgung sogenannter „Hasskriminalität“ im Netz – eine der massivsten politischen Maßnahmen zur Einschränkung der Meinungs- und Redefreiheit im Netz, die sogar die Auswirkungen des Netzwerkdurchsuchungsgesetzes übertrifft, indem künftig den Netzbetreibern hoheitliche Aufgaben übertragen werden: Die Daten all jener, die angebliche „Hassverbrechen“ begehen, sollen von den Social-Media-Providern direkt ans Bundeskriminalamt geliefert werden dürfen.

Um den linken Überwachungsstaat noch reibungsloser zu implementieren, kommen Horrorereignisse wie Hanau der Politikm gerade recht. SPD-Außenminister Heiko Maas forderte heute folgerichtig, „jetzt noch entschiedener für unsere liberale Demokratie einzutreten“ – mit allen Mitteln. Und die FDP fordert gar eine „Generalrevision“ der bisherigen Maßnahmen gegen Rechtsextremisten; ihr Innenexperte Konstantin Kuhle sagte, man habe „die rassistische Radikalisierung im Land und die daraus entstehende Gewalt nicht im Griff.“

Auch Kanzlerin verlieh Hanau so gleich die gewünschte politische Einnordnung, indem sie sich – anders als nach dem Breitscheidtplatz-Terroranschlag 2016 – diesmal sofort zu Wort meldete und vom „Gift des Rassismus“ sprach. Man weiß also, wohin die Reise geht.

Was sie allesamt verkennen: Auch wenn die Mordserie von Tobias Rathjen hier mit Sicherheit und erkennbar nicht der große rassistische Gegenschlag eines rechten Untergrund war, als der er hingestellt werden soll, sondern mehr die Züge einer persönlichen und psychologischen Tragödie trägt – irgendwann wird tatsächlich ein solcher Akt stattfinden. Und wirlich NIEMAND braucht sich dann auch darüber zu wundern. Die spalterische, ignorante und hochbrisante Politik, die sich Deutschland seit vielen Jahren, verschärft seit 2015 leistet, wird früher oder später in einer Katastrophe münden, möglicherweise in bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Die Ohnmacht bestimmter gesellschaftlicher Gruppen gebiert früher oder später Gewalt, Verzweiflungsakte und vermutlich auch Terror; so sehr abzulehnen und so verwerflich dies auch ist – es ist irgendwann die eine unausweichliche Folge sozialer und ethnischer Differenzen, Verteilungskämpfe und kultureller Konflikte. Man kann sich nur wundern und muss fast dankbar sein, dass der Blutzoll bislang derart glimpflich ausgefallen ist. (DM)