„Telekolleg Hetze“ mit Professor Funke: Wer dem Volk Gehör schenkt, ist schon „völkisch“

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Prof. Hajo Funke beim "Warnen vor Rechts" (Foto:Imago/photothek)

Das neue „Bild“-Format „Hier spricht das Volk“ gerät erwartungsgemäß gleich nach seinem Debüt ins Visier linker Gesinnungsstalinisten und Freiheitsfeinde, die mit aufgespannten Maulkörben bereitstehen. Besonders abstoßend trieb es Politkwissenschaftler Hajo Funke, der auf „Twitter“ gegen die angeblich „völkische“ Sendung zu Felde zog.

Von „Digital Detox“ kann beim Springer-Verlag keine Rede sein, im Gegenteil: Der in Sachen digitale Bezahlinhalte führende deutsche Verlag arbeitet für sein Schlachtross „Bild“ seit geraumer Zeit an einem Live-TV-Format, das über das Online-Angebot hinaus tagesaktuelle Fernsehbeiträge liefern soll – so wie es in anderen europäischen Ländern für führende Zeitungen bereits üblich ist (man denke etwa an den Nachrichtenkanal von „Österreich“-Herausgeber Wolfgang Fellner, „oe24“).

Ein Kernstück dieses geplanten Angebots soll die Talkshow „Hier spricht das Volk“ werden, in dem „Bild“ in Person seines Chefredakteurs Julian Reichelt Durchschnittsdeutschen die Plattform bieten will, ungeschönt und ungeschnörkelt über die Probleme zu sprechen, die sie wirklich bewegen. Dabei sollen, anders als in Straßeninterviews oder Talkshow-Fenstern, nicht irgendwelche unter Zeitdruck oder – durch die journalistisch-suggestive Erwartungshaltung eingeschränkt – meist unauthentische Meinungsschnipsel ausgestrahlt werden, sondern die ungefilterte, ehrliche „Denke“ der Deutschen.

Von „Hallo Meinung!“ abgekupfertes, aber dennoch löbliches Format

Dieses Konzept, öffentliche statt veröffentlichte Meinung in den Mittelpunkt zu rücken, ist dabei allerdings nicht neu; genau dieses „Volksstimme“-Konzept verfolgt seit einiger Zeit auch der Publizist und Unternehmer Peter Weber mit seiner Bürgerplattform „Hallo Meinung“, die inzwischen gewaltige Reichweiten generiert und der „Gegenöffentlichkeit von unten“ den sozialen Medien massive Geltung verschafft. Strenggenommen kupfert „Bild“ hier schamlos ab – oder will an Webers Erfolg, der mit „Hallo Meinung“ eindeutig einen Nerv getroffen hat, partizipieren.

Gestern nun lief jedenfalls die Premiere von Reichelts „Hier spricht das Volk“, mit dem „Bild“ sich, so das Portal „Meedia„, für sein geplantes Live-TV-Angebot online warmzulaufen versucht – nach diversen Sondersendungen und Testläufen. Die im Maritimen Museum Hamburg aufgezeichnete Pilotfolge ließ 15 nach Alters- und sozialen Kriterien repräsentativ ausgewählte, „stinknormale“ Bürgerinnen und Bürger zu Wort kommen, wobei der „Bild“-Chefredakteur die Anwesenden bei Fragen mit Handzeichen abstimmen ließ; bei Fragen wie „Kann Jens Spahn ein besserer Kanzler als Angela Merkel sein?“ wurde sogleich die prozentuale Meinungsverteilung der Abstimmenden eingeblendet.

Die Reaktion auf den durchaus lobenswerten Ansatz, in Zeiten zunehmend bedrohter Meinungsfreiheit einen geschützten öffentliche Raum zu bieten, wo Bürger ohne Angst vor Repressalien und Zensur deutlich werden dürfen, ließ nicht lange auf sich warten. „Bild“ rief mit seinem Projekt natürlich sofort die Feinde der Gedanken- und Meinungsfreiheit auf den Plan, die sich in schönster Selbstentlarvung vor allem auf Julian Reichelts Twitter-Account ausreiherten, wo dieser die Premiere der neuen Talkshow angekündigt hatte: „Drecks Faschistenblatt“, „Echt nett von Bild dass ihr Pegida bei schlechtem Wetter noch einen Veranstaltungsort bietet“ oder  „Sind diese Kasper, die sich hier vorführen lassen, eigentlich bezahlt? Übelster Populismus von ganz rechts außen“ waren noch die freundlicheren Kommentare.

In einem Land, wo Busfahrer ihren Job verlieren, wenn sie ihre Fahrgäste darauf aufmerksam machen, dass sie deutscher Nationalität sind; wo auf Facebook Menschen blockiert und ausgegrenzt werden, weil sie „gefährlich“ sind; wo Soldaten, Polizisten, Arbeitnehmer in Konzernen oder Schüler ihre Kollegen und Kameraden anonym bei „verdächtigen“ Einstellungen verpetzen sollen; wo Menschen Strafbefehle erhalten, wenn sie Sawsan Chebli als Quotenmigrantin bezeichnen; wo Menschen für ihre politische Einstellung Hausverbote erhalten und ihre Wohnung, Bankkonten oder Versicherungen verlieren – da ist es natürlich ein Generalverbrechen, jenen zuzuhören, die noch offen aussprechen, was sie denken.

„Im Interesse des Volkes“ oder völkisch – alles dasselbe

Mehr noch: Inzwischen wird semantisch zwischen „Volk“ und „völkisch“ praktisch nicht mehr unterschieden. Das Grundgesetz ist so gesehen ein völkisches Machwerk, das dringend entvolkt werden sollte – so wie neuerdings ja im Innenhof des Reichstags die Worte „Der Bevölkerung“ prangen (die in jüngerer Vergangenheit übrigens schon des öfteren als Ersatzmotiv für die Außeninschrift „Dem deutschen Volke“ vorgeschlagen worden waren).

Etwas weniger primitiv als die mentalen Twitter-Braunhemdträger, doch vom totalitären Gesinnungsreflex her völlig auf Augenhöhe, meldete sich dann gestern auch Gegenwind von akademischer Seite gegen das neue „Bild“-Format – vorgebracht von niemand geringerem als Hajo Funke, „Rechtsextremismusforscher“ am Otto-Suhr-Institut der Freien Universitaet Berlin, der als Feuerwehrmann fürs Grobe immer dann bei Brandthemen herbeigerufen wird, wenn intellektuelle Not am Mann ist und sich die „Parität“ zugunsten der Populisten zu verschieben droht. Und zwar ganz gleich, ob bei „Maischberger“ – oder aktuell wieder auf Twitter. Auch Funke setzte „Volk“ perfide-verkürzend mit „völkisch“ gleich und ätzte über Reichelts neue Talkshow:

Screenshot:Twitter

Man beachte vor allem den Passus „Wer möchte schon Hetze gegen Menschen lesen“. Mit dieser „Einordnung, wie „Spiegel“-Redakteure das nennen, versucht Funke all jene Zuschauer zu immunisieren, die sich möglicherweise sogar unvoreingenommenen und aufrichtig dafür interessierten könnten, was ihre Landsleute im Jahr 2020 so umtreibt, was sie sie wirklich denken und fühlen – und welche Alltagssorgen sie umtreiben.

Die Verachtung für die beschränkte Weltsicht des Pöbels ist linken Potentaten der exklusiven Diskurshoheit seit jeher ein Dorn im Auge; Funke artikuliert diese Verachtung lediglich beredt. Doch hier kommt noch etwas anderes dazu: Die inzwischen furchterregende Realitätverweigerung der Eliten, die jedermann offensichtliche Fehlentwicklungen im Land leugnen. Die Diskrepanz zwischen Gepredigtem und Erlebtem als rechtspopulistische Verschwörungen niederknüppeln. Deshalb darf auch die Breitseite gegen die AfD nicht fehlen.

Spalten und abdrängen mit Funke

Für die linken Propagandisten aus eigenem Recht ist die AfD nicht erst da gefährlich, wo sie am rechten Saum zum Sammelbecken eines angeblich „braunen“ Dunstkreises wird – sondern bereits in der Mitte, a priori – also schon dort, wo sie zu Recht für sich in Anspruch nimmt, den wirklichen Zuständen im Land ein Sprachrohr zu sein. Wenn Funke laut Hashtag die Aussage stützt, die „AfD gehört nicht zu Deutschland“, schließt er sich der aberwitzigen These an, ein Sechstel der Bevölkerung – im Osten ein Viertel – sei nicht mehr Teil dieses Landes. Solche ausgrenzenden, spalterischen Invektiven äußern heute offen studierte Politikwissenschaftler.

Wie es in diesem Land aussähe, wenn sich jene durchsetzen, die alleine darüber bestimmen wollen, was zu Deutschland „gehören“ darf und was nicht – man mag es sich nicht ausdenken. (DM)