„Diskursverschiebung“ wegen Broder: Spiegel-Frau mosert über Steingarts „Morning Briefing“

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Nur zur Einordnung: Broder rechts, Hund links (Foto:Imago/LummaFoto)

Beim „Spiegel“ mag die Ent-Relotifizierung eventuell zu einer Verbesserung der hausinternen Dokumentationsleistung geführt haben, allzu verlockende Märchengeschichten von der erwünschten Wirklichkeit wieder scheiden zu können. Zu einer kritischen Reflexion des journalistischen Selbstverständnisses hat sie offenbar nicht geführt: Dafür lieferte gestern die Polit-Redakteurin Ann-Katrin Müller vom Hauptstadtstudio des Magazins einen eindrucksvollen Beweis.

Die Dame findet es anscheinend skandalös, dass der renommierte Journalist Gabor Steingart in einem Sonderpodcast seines legendären „Morning Briefing“ dem Publizisten Henryk Broder eine Plattform bot – und dann auch noch auf die von diesem mitgegründeten Plattform „Achse des Guten“ verlinkte:

Screenshot:Twitter

Unklar ist, ob Müller den fraglichen Sonder-Podcast überhaupt gehört hat; vermutlich sah sie bereits bei der Ankündigung von Broders „pointenreichem Parforceritt durch die Gegenwartsprobleme“ rot. Jedenfalls scheint sie besonders darüber pikiert gewesen zu sein, dass Gabor den Link zur Achse „ohne Einordnung“ gesetzt hatte.

„Einordnung“, das ist Neudeutsch für real-time-Zensur; für die pseudo-objektive Kommentierung durch selbstberufene Sachwalter von „Meta-Infos“, also Hintergrundinformationen, die dem unbedarften Leser in scheinbarer Neutralität angebliche Fakten zur besseren Orientierung an die Hand geben und damit nichts anderes tun, als eine erwünschte Voreingenommenheit zu triggern. Man kennt die Masche von den sogenannten „Faktencheckern“ im Netz, etwa „Correctiv“ & Co., deren unerbetene Zusätze jede missfällige Meinungsäußerung ins Zwielicht rückt oder von vornherein in seiner Glaubwürdigkeit herabsetzt.

Verstoß gegen die Nomenklatur des Zulässigen

Genau das hätte sich „Spiegel“-Frau Müller also auch für die Erwähnung der „Achse“ gewünscht, diesen renommierten, liberal-wertkonservativ und regierungskritischen Polit-Blog, auf dem namhafte deutsche Publizisten und Autoren zu Wort kommen – und dabei oft eine Richtung vertreten, die aus Sicht des journalistischen Mehrheitsmilieus zwingend toxisch-rechtsaußen verortet sein muss. Grund genug, jeden, der damit zu tun hat, am besten gar nicht an der Diskussion teilhaben zu lassen – und wenn doch, dann nur mit doppeltem Sicherheitshinweis und Pre-Labeling. Mit „Einordnung“ eben. Und unterbleibt diese, ist es schon „Diskursverschiebung“.

Der Tweet Müllers, eifrig geteilt und geliked auch von den eigenen Kollegen, zeigt vor allem insofern von einer besonders außergewöhnlichen geistigen Verirrung, als es sich sowohl bei Steingart als auch bei Broder um einstige „Spiegel“-Leute handelt, sogar um veritable Edelfedern: Steingart war sogar von 2001 bis 2007 Chef von Müllers heutigem Arbeitsplatz, der Berliner Vertretung – und Broder schrieb 15 Jahre, bis 2010, als seinerzeit mit meistgelesener Kolumnist für das Hamburger Blatt.

Beide waren beim „Spiegel“ zu Zeiten tätig, als dort noch seriöse und investigative Journalisten am Werk waren; wache Beobachter des Zeitgeschehens, die – aller gelegentlichen Tendenziosität und durchaus linksprogressiven Privatansichten zum Trotz – zu allererst Aufklärung und Wahrheit verpflichtet fühlten. Das war lange bevor eine neue Generation linksgrüner Haltungsstreber das Blatt kaperte, die sich in den Dienst einer manipulativen Volkserziehung und einseitigen Indoktrination stellten und bis heute naserümpfend die „Grenzen des Diskurses“ definieren wollen; mit den bekannten bahnbrechenden „Erfolgen“ für die Auflagenentwicklung seither.

Wie für Müller hingegen ein „unverschobener“ Diskurs aussieht, zeigt dann ein Blick in die streng durchmoderierten Kommentarspalten der Facebook-Seite des „Spiegel“: Was immer dort zu kritisch ist, wird sofort wegzensiert, die betreffenden User werden direkt blockiert. Das Bekenntnis zu Toleranz und Meinungsfreiheit ist bei den heute wirkenden „Spiegel“-Protagonisten grenzenlos; immer vorausgesetzt, es entspricht der eigenen Weltsicht und bricht nicht aus dem politischen geduldeten Spektrum aus.

Schwergewichte aus dem einstmals eigenen Haus angepinkelt

Dass sich eine heutige Vertreterin dieser längst entzauberten printmedialen Legende von einst erdreistet, einem Schwergewicht der schreibenden Zunft wie Gabor Steingart dafür ans Bein zu pinkeln, dass er zum guten kollegialen Ton gehörende Usancen würdigt und eine Querverlinkung auf die Seiten seiner Podcast-Gäste setzt, ist auch noch aus einem anderen Grund anmaßend: Steingarts „Morning Briefing“ hat nämlich im deutschen Bildungsbürgertum zu fast dem Stellenwert aufgeschlossen, den früher einmal die morgendliche FAZ- oder Süddeutsche-Pflichtlektüre hatte – als diese Blätter noch für intellektuelle Trüffel statt für Mainstream-Dosenchampignons standen.

Sowenig wie die Rezipienten des „Morning Briefing“ dieses „geistige Rollatorentum“ (so ein Twitter-Kommentator) nötig haben, so wenig wie sie „Einordnungen“ oder andere Formen der journalistischen Betreuung und Bevormundung brauchen – so wenig bedarf ein Gabor Steingart Nachhilfestunden über Diskursverortung vom journalistischen Katzentisch. (DM)

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