Alemannische Fasnacht auf der Kippe: Mit deutscher Gründlichkeit gegen deutsches Brauchtum

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Fasnachtsumzug in Oberkirch mit den typischen "Larven" (Foto:Imago)

Nicht nur im Ortenaukreis fürchten die alteingesessenen traditionsreichen Fasnachtszünfte um ihre Existenz: Immer mehr Vorschriften und behördliche Auflagen machen es ihnen fast unmöglich, ihre eigene Kultur auszuleben. Wo das Bekenntnis zu Heimat und Identität schon suspekt ist, wird Bürokratie nützliches Mittel zum Zweck.

Brauchtum und Traditionspflege genießen in Deutschland heutzutage nur dann öffentliche Anerkennung, wenn sie importiert sind, wenn es sich nicht um als völkisch-rassistisch-ausgrenzende einheimische Kulturmerkmale und Riten handelt. Wenn etwa türkische Hochzeiten mit Gewehrsalven oder verkehrsgefährdenden Korsos auf Autobahnen gefeiert werden, wenn Beschneidungsfeste öffentliche medizinische Eingriffe mit Volksfestcharakter erfordern, wenn sich Schiiten beim Aschura-Fest blutig peitschen oder zum Bayram ganze Straßenzüge zu orientalischen Suks umfunktioniert werden, dann drücken deutsche Behörden alle Augen zu; dann genießen die schützenswerten Soziotope buchstäbliche Narrenfreiheit.

Für wahre Narren aber, sofern sie Teil der mitteleuropäischen Folklore sind und es um ein jahrhundertalt gepflegtes Brauchtum geht, erfahren dafür die ganze Härte des deutsche Ordnungsstaates – und zwar mit umso kleinlicherer und reinlicherer Durchsetzungsgewalt. Darunter hat derzeit vor allem die alemannische Fastnacht zu leiden: Vor allem in der Ortenau leiden die Narren derzeit unter einer Bürokratie, die ihnen – wie der lokale „Stadtanzeiger“ schreibt – „das Lächeln im Gesicht gefrieren“ lässt. Die dortigen Narren verlieren langsam jede Lust an der alemannischen Faschingszeit – denn immer mehr gesetzliche Bestimmungen verleiden den Akteuren die Pflege ihrer Fasnachtstraditionen. „Zum normalen Tagesgeschäft kommt die Umsetzung ständig neuer Gesetze und Verordnungen – wie etwa der DSGVO, Hygieneverordnung, Lärmschutz, Versammlungsstättenverordnung, Brandschutzauflagen, Richtlinien für Umzüge, Wagenbau, erweitertes polizeiliches Führungszeugnis bei der Jugendbetreuung, Jugendschutzgesetz oder ganz aktuell die Eintragung ins Transparenzregister“, erklärt Gunther Seckinger, Narrenvogt der Vogtei Ortenau des Verbands Oberrheinischer Narrenzünfte (VON). Diese Vorgaben einzuhalten, sei „die eine Sache – sie erst einmal zu kennen, eine andere.“

Kulturbonus für Türkische Hochzeitskorsos, Regulierungswut bei heimischen Narren

Das Problem besteht nicht nur in der Ortenau, wie die dortigen Festivitätsleiter beklagen. Überall in den Hochburgen der stark lokaltypisch organisierten, oft von Ort zu Ort unterschiedlich tradierten  alemannischen Fasnacht leiden die Vereine und Zünfte unter den zu beachtenden behördlichen Beschränkungen und Vorgaben. Die Ortenauer Vereine stellen ihren Zünften alle Informationen, Formulare und Richtlinien in einem eigenen Handbuch online zur Verfügung, das mittlerweile 1.347 Seiten umfasst „Dies dokumentiert den den immensen Bürokratismus im Führen eines ehrenamtlichen Vereins eindrücklich“, so Seckinger verbittert. Der „Stadtanzeiger“ schreibt: „Mancheiner fühlt sich an die Schildbürger erinnert, wenn es etwa um die Frage einer Feinstaubplakette für den Umzugswagen der Offenburger Hexen in Bad Cannstatt geht“.

„Überzogene Vorgaben seitens der Behörden“ sieht auch Roland Wehrle, Präsident der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) Für jede Veranstaltung sollen sechs Notärzte und ebenso viele Sanitäter in Bereitschaft gehalten werden. „Das sprengt die Kosten und erzeugt unnötige Arbeitszeiten.“ Hinzu kämen Kosten für Absperrungen, Straßenreinigung, Sicherheitskonzepte und die immensen Kosten für zusätzliche Sicherheit. Seckinger warnt: „Viele kleine Dorfumzüge mit kleineren Mottowagen sind durch die Wagenbaurichtlinien bedroht. Die Gruppen wollen keinen Wagen für den Umzug mehr bauen, da es strenge Auflagen gibt und eine TÜV-Abnahme erforderlich ist.“ Wenn es mit dem Regulierungswahn so weitergehe, wird es „in zehn Jahren keine Umzüge mehr geben – und ein Stück Brauchtum ist gestorben“, fasst der „Stadtanzeiger“ die Sorge der Narren zusammen.

Eine Lösung könnte freilich darin bestehen, sich um deutsche Gesetze und Bestimmungen ebenso „pedantisch“ zu scheren wie die kulturbereichernden Neubürger bei der Pflege ihrer mitimportierten Gebräuche – und sich einfach nicht daran zu halten. Doch daraus wird nichts: Die Erfahrung lehrt, dass der deutsche Amtsschimmel nur bei deutschen Gesetzesübertretungen laut wiehert. Wenn Deutsche im eigenen Land die Fünf gerade sein lassen und ihren Gewohnheiten frönen, greift der Rechtsstaat hart durch – jedenfalls mit einer ganz anderen Härte, als er es bei den weitgehend konsequenzenfrei bleibenden türkischen Baller-Hochzeiten, Straßenrennen oder verbotenen Massengrillfesten in öffentlichen Parks tut. Hierzulande ist eben nur „fremd“ Trumpf. (DM)