„Deutsche kauft Kerzen“ soll Nazi-Nähe der AfD beweisen: Idioten-Ikebana mit der CSU

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Müssen Linke den AfD-Kindern die Kerzen auspusten? (Foto: Von David Tadevosian/Shutterstock

Die Christlich-Soziale Union (CSU) postete gestern nachmittag auf ihrer Facebook-Seiten einen Beitrag, der spontan für Satire gehalten wurde, weswegen sich Beobachter und Kommentatoren zunächst mit Reaktionen zurückhielten. Inzwischen aber steht fest: Die CSU meinte es tatsächlich ernst, als sie der AfD einmal wieder geistige NSDAP-Nähe anlastete, weil die AfD in einem Beitrag geschrieben hatte: „Deutsche kauft Kerzen“.

Der betreffende AfD-Beitrag vom 25. Januar hatte sich sarkastisch mit den Folgen der von den Bundesregierung betriebenen Stillegung von Kohlekraftwerken befasst und die Unsicherheiten bei der künftigen Stromversorgung thematisiert. Ironisch hatte es darin geheißen, die Deutschen sollten vorsorglich schon einmal Kerzen kaufen.

Die dabei verwendete Floskeln „Deutsche kauft…“ jedoch – diese beiden Worte – sei, so steht es tatsächlich in dem CSU-Post, eine „Formulierung“, die man „von den Boykottaufrufen der Nazis gegen jüdische Geschäfte im 3. Reich“ kenne. Deshalb entblödete sich der der stellvertretende CSU-Generalsekretär Florian Hahn nicht, von einem „bewussten Spielen der Afd mit Tabubrüchen“ zu fabulieren:

Screenshot:Facebook
Mit diesem medialen Rohrkrepierer (bei dem man sich in Hahns Interesse gewünscht hätte, er wäre als Jux gemeint gewesen) hat sich CSU weit außerhalb jeder ernstzunehmenden Debatte katapultiert. Legte man die Messlatte für „Nazi-Vergleiche“ und angeblich kompromittierte Versatzstücke aus dem Satzbaukasten den politischen Phraseologie nämlich derart niedrig, wie dies die Christsozialen anscheinend verlangen, dann müsste die deutsche Sprache sofort abgeschafft werden: Nazis haben dekliniert und konjugiert, sie haben dieselben Buchstaben und Worte verwendet wie wir heute – also zur Hölle mit Deutsch, dieser Sprache der Täter!
Wie, bitte, sollte man einen Appell ans eigene Volk beginnen, wie die Landsleute direkt adressieren, wenn nicht durch die Anrede „Deutsche,…“? Und: Wäre „Deutsche, wählt keine AfD“ dann auch ein Tabubruch? Was Hahn und sein offenbar von allen guten Geistern verlassenes Social-Media-Team hier fabriziert haben, erinnert auf groteske Weise an die Passage in „Das Leben des Brian“, in der der Hohepriester das verbotene Wort „Jehova“ so vehement für tabu erklärt, bis er am Ende selbst hysterisch gesteinigt wird, als er das Verbot einmal zu oft wiederholt und dabei selbst „Jehova“ ausspricht.
Einmal zu oft „Jehova“ gesagt
Man hat ja schon viel Unfug im Kontext tatsächlich kompromittierter zynischer Parolen des Dritten Reichs gehört – aber noch nie einen solchen Müll, wie ihn hier die CSU propagiert. Es sei nur erinnert an die Pro7-Moderatorin Juliane Ziegler, die 2008 fristlos gefeuert wurde, als sie sich in sichtlicher Nervosität verplapperte und gegenüber einem Studioanrufer die (von den Nazis in Auschwitz als Eingangsworte missbrauchte) Parole „Arbeit macht frei“ aussprach – als gedankenlose Konversationshülse auf die Aussage des Anrufer, er habe einen harten Arbeitstag vor sich.
Oder die Esso-Kampagne von 2009, als in den deutschen Tankstellen des Konzerns für Tchibo-Kaffeesorten mit dem abgewandelten Slogan „Jedem den Seinen“ geworben wurde und ein Vorläufer der heutigen Shitstorms den Abbruch der Aktion erzwang. Vorletztes Jahr war es dann Peek & Cloppenburg, das den Spruch in einem Werbeprospekt verwendete – was wiederum zu Empörung über das „geschmacklose“ Motto führte. Dass es sich bei der deutschen Übersetzung des antiken Sinnspruchs „suum cuique“ um eine bereits auf Plato zurückgehende Weisheit handelt, die vor und auch nach ihrer menschenverachtenden Verwendung als Portalinschrift des KZ Buchenwald wahr ist, dämmerte dann auch schon manchen Kritikern, die P&C sicher nicht in der braunen Schmuddelecke sahen.
Bei diesen Fehlverwendungen handelte es sich allerdings um die Wiederholung der identischen NS-Slogans; was Hahn und seine CSU-Hysteriker hier der AfD ankreiden, sind lediglich zwei einzelne Worte, die weder inhaltlich noch klanglich mit dem Aufruf „Deutsche, kauft nicht bei Juden“ deckungsgleich sind. Auch beim Wort „Heil“ etwa wäre zu allererst entscheidend, was davor- oder dahintersteht: „Sieg-“ oder „-Hitler“ sind No Go, „-Butt“, -„Praktiker“ oder „-ige Nacht“ sind dagegen unverfänglich.
Mit diesem gespielten Empörungsausbruch hat die CSU trefflich illustriert, auf welchem Niveau die Auseinandersetzung mit der AfD mittlerweile abläuft – und was von den Unterstellungen ihrer angeblichen Nazi-Nähe zu halten ist. Für dieses selbstentlarvende Bullshit-Bingo können sich die Blauen bei den Weißblauen insofern herzlich bedanken! (DM)