Weiße deutsche Mehrheiten als Problem: Die positivrassistische Handball-Debatte

0
Deutsche Handball-"Rassisten", weil es so wenige schwarze Mitspieler gibt? (Foto:Imago)

Der WDR sucht nach der Umweltsau-Affäre dringend neue gesellschaftliche Themen – und feindet nach den Senioren nun das nächste Soziotop an, dessen Lebenswirklichkeit von den Wunschvorstellungen der hauseigenen Journalisten geradezu boshaft abweicht: Jetzt werden Sportarten ins Fadenkreuz genommen, die auffallend „arm“ an migrationsstämmigen Akteuren, somit also zu „deutschlastig“ sind. Konkret geht es um den deutschen Handball.

„Handball in Deutschland: Weiß´und deutsch wird zum Problem“ lautet der Titel einer Reportage, den das WDR-Format „Sport Inside“ Anfang der Woche ausstrahlte. Darin wird erneut aufgegriffen, was exakt vor einem Jahr bereits die „taz“ dem deutschen Handball sinngemäß vorgeworfen hatte: Nämlich ein unguter Hort dumpfdeutschen Volkstums zu sein, wo sich „weiße Recken“ tummeln und es im Amateur- und Profibereich „kaum Sportler mit Migrationshintergrund“ gäbe: Die Namen der Handballer klängen zu deutsch, ihre Hautfarbe sei zu hell, und dass in der Nationalmannschaft „nur ein Spieler mit Einwanderungsbiographie“ sei, dafür dort jedoch solche Vornamen wie Uwe, Finn und Andreas vertreten seien, sei „alarmierend“, hieß es in dem – unter der entlarvenden Schlagzeile „Spiel der Autochtonen“ erschienenen – „taz“-Artikel. „Kaum ein Sport in Deutschland“ täte sich sich so schwer, Jugendliche mit Migrationshintergrund für sich zu gewinnen wie der Handball: Selbst Sportarten wie Reiten und Tennis „schafften“ dies besser, während man der Handballverband „das Problem lange ignoriert“ habe. Der jetzige WDR-Beitrag übernahm viele der damaligen „taz“-Ansichten fast wörtlich.

Ein „Problem“ erkennt hier allerdings bloß, wer um jeden Preis eins sehen will: Kein Volk der Erde außer den Deutschen ist so geistesgestört, die natürliche Dominanz der angestammten Kultur auf dem eigenen Staatsgebiet zum Übel zu erklären. Dass in den meisten Staaten der Erde die Angehörigen des eigenen Staatsvolks, die im Land gesprochenen Sprachen und einheimisch verbreitete Vor- und Familiennamen in der Mehrheit sind, und zwar ebenso sicht- wie hörbar, ist eine Trivialität. In Deutschland ist dieser eigentliche Normalfall in vielen Gesellschaftsbereichen schon nicht mehr gegeben – man denke nur an Schulklassen, bei denen indigene Kinder in der absoluten Minderheit sind, oder komplette Stadtviertel, die fast ausschließlich von Zuwanderern bewohnt werden. Diese Ausnahmen, die Zeichen von Ghettobildung und Segregation sind und damit eine Fehlentwicklung repräsentieren, sollen zur neuen Norm gemacht werden und auch dort zum Regelfall werden, wo noch die angestammte Bevölkerung die Mehrheit stellt. Folglich sind es genau dieselben, die einen aktiven Umbau der Bevölkerung in allen Segmenten propagieren, die auch die proaktive Umvolkung von Sportvereinen verlangen, um die gesellschaftspolitische Realität ihren Zielvorstellungen anzunähern.

Gründe für „mangelnde Diversität“ sind banaler Natur

Paritätische Verteilung unterschiedlicher Gruppen und Merkmalsträger ist allerdings in keinem einzigen gesellschaftlichen Bereich gegeben, schon gar nicht im Sport. Die Akteure einzelner Sportarten weisen regional, geschlechtsspezifisch, sozial jeweils völlig andere Zusammensetzungen auf; schon der Geschichte und Tradition nach ziehen sie jede für sich ganz unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen an. Das ist eine Banalität. Der deutsche Achter wird rein von weißen Deutschen gerudert; die olympischen Teams in Fechten oder Schießen sind rein autochton, auch in der sehr beliebten bayerischen Sportart Fingerhakeln finden sich kaum afrikanisch- oder asiatischstämmige Migranten. Und dass in Skatvereinen auf absehbare Zeit ein ähnlich hoher Migrantenanteil besteht wie im Herrenfußball, ist eher unwahrscheinlich.

Selbst das Portal „Watson“ (das sich Anfang 2019 der „taz“-Philippika gegen die unschöne Homogenität im Handball anschloss), erkannte als Hauptgrund für die hohe Zahl Deutschstämmiger im deutschen Handball an, dass dieser nun einmal „zumeist in kleineren Städten ohne großen Migrationsanteil“ gespielt wird. Es handele sich eben um „keinen typischen Straßensport“, sondern um einen eher vereinstreu organisierten Hallensport. Außerdem, auch das wird eingeräumt, gäbe es bei vielen großen Migrantengruppen wie den Türken, Griechen oder Italienern keine Handball-Tradition. Trotzdem zitierte die Webseite zustimmend den Philosophen Wolfram Eilenberger, der in seiner „Zeit Online“-Kolumne „Handball: Die Alternative für Deutschland“ den Handball bösartig als „rein deutsche Provinzbespaßung“ geschmäht hatte. „Watson“ mokierte sich über die dadurch ausgelöste Empörung: „Es wäre nicht ein deutsches Erfolgserlebnis, wenn nicht ein Miesepeter reingrätschen würde“.

Die „Miesepeter“ allerdings, denen der WDR nun erneut seine Stimme leiht, brachten damit nicht nur ihre durchaus mehrheitsfähige Verachtung für eine nun einmal von Deutschen geliebte und gepflegte Sportart und und Sporttradition zu Ausdruck. Sondern sie stempelten zugleich die deutschen Handballer zu hinterwäldlerischen Trampeln. Diese sahen sich tief getroffen, da sie „in eine Richtung gerückt wurden, die sie gar nicht auf dem Schirm hatten,“ so Professor Klaus Cachay, selbst Ex-Handballer und Sportsoziologe an der Universität Bielefeld. „Es gibt bei ihnen keine Bösartigkeit. Aber sie haben dem empirischen Tatbestand schnell zugestimmt.“ Ein mangelnder Migrationsanteil als „Tatbestand“ – das lässt tief blicken. Nicht umsonst verwendet Cachay hier einen deliktischen Rechtsbegriff: Die mangelnde „Durchmischung“ deutscher Handballmannschaften soll unbedingt als Missstand gesehen werden.

Das Scheinargument vom Nachwuchsmangel

Vordergründig verwendet die Kritik an der „Deutschlastigkeit“ im Handball pragmatische Argumente – etwa die angeblich ausgeprägten Nachwuchssorgen des Handballverbandes. Immer mehr Wettkampfmannschaften würden im Handball abgemeldet, Geld und Nachwuchs fehlten. Mit Nachwuchsproblemen allerdings haben in Deutschland viele Sportarten und vor allem Vereine zu kämpfen, nicht nur der Handball. Und dass sich die Agenda für mehr Buntheit hinter dem Ziel einer Auffrischung stagnierender Strukturen durch Migranten verbirgt, dieser Topos ist nicht neu: Nach Arbeitsmarkt und Demographie sollen Migranten jetzt eben auch noch den Breitensport vorm Aussterben retten. Der Handballverband müsse daher dem Weg des konservativen DFB folgen, der „nach Jahren des Mittelmaßes“ (also der rein deutschen Nachwuchsförderung) „das Potenzial in ausländischen Jugendlichen“ erkannt habe und sich jetzt gezielt um sie bemüht.

In dieser gewagten Einschätzung kommt das Credo von 2015 durch: Alles Gute kommt von außen, lasst uns mit diesen mittelmäßigen deutschen Spießern nicht allein! Und tatsächlich ist das Argument fehlenden Nachwuchses nur vorgeschoben. Denn wenn es nur hierum ginge, dann wäre die Ansprache aller Kinder und Jugendlichen gefragt – nicht nur jener mit Migrationshintergrund gefragt, und schon gar nicht vor allem jener, die sich öffentlichkeits- und medienwirksam, in den Augen von WDR- und taz-Redakteuren, möglichst fremd, rassig, exotisch präsentieren, um Vielfalt und Buntheit zu demonstrieren. Wieso wohl wird das Trennende – also Aussehen und Abstammung – mit seinerseits durchaus rassistischem Soupcon, überbetont, wo doch das sporttypisch Einende im Vordergrund stehen sollte?

Watson selbst gab die Antwort, die sich vom Tenor her auch im WDR-Beitrag wiederfindet: Die „Integration aus Opportunität“ sei „immer noch besser als gar nichts.“ Damit ist das wahre Ziel ausgesprochen: Eigentlich geht es den linken Multiikulti-Fetischsten nicht darum, das „Neue“ in eine vermeintlich diverse, bereicherte deutsche Gesamtidentität einzubeziehen, sondern das Bisherige zu verdrängen und durch sichtbar „Fremdes“ auszutauschen. Treffender wäre eher, von Integration als Mittel zum Zweck zu reden.

Ein Skandal wäre es gewesen, wenn irgendwo nachweislich Migranten oder Sportler nichtdeutscher Abstammung im deutschen Handball als Spieler ausgeschlossen, abgelehnt oder vergrault worden wären. Das aber war nirgends der Fall. Die ethnische Zusammensetzung im heutigen deutschen Handball ist nicht Folge „rassenhygienischer“ Vorgaben oder deutschtümelnder Gesinnung, was die WDR-Berichterstattung wie auch schon damals die „taz“ insinuiert – sondern sie ist Folge von einheimischen Vorlieben und sportlichen Leistungsmaßstäben. So wie in vielen Bundesligamannschaften Spieler mit Migrationshintergrund die Regel sind, weil vielleicht Latinos das flamboyantere Temperament oder Afrikaner die größere Ausdauer haben, so sind im Handball eben eher technisch versierte und aufeinander eingespielte Biodeutsche die Regel. So what? Roger Letsch schrieb in der „Jüdischen Rundschau“ in seiner damaligen Stellungnahme zum „taz“-Artikel:: „Natürlich könnte die ‚taz‘ auch fragen, warum es in Deutschland so wenige Kadidjas, Fatimas oder Saidas im Hochleistungssegment beim Frauenschwimmen gibt. Auch könnte man erforschen, warum Eltern mit Migrationshintergrund ihre Söhne in Deutschland zwar beim Fußball anmelden, nicht jedoch beim Handball oder beim Eiskunstlauf – von den Töchtern ganz zu schweigen. Auch hätte die ‚taz‘ fragen können, warum es zum Beispiel in Ägypten Handball auf Weltniveau gibt, dort aber auch nur autochthone Spieler in der Auswahl sind. Dort heißen die Spieler natürlich nicht Andreas, Silvio oder Uwe, sondern Mohamed, Karim oder Islam. Für den ägyptischen Handball ist das offensichtlich kein Problem – warum sollte es das für den deutschen Handball sein?“.

Pathologisches Verhältnis zur Identität

Der Unterschied zu Ägypten besteht im pathologischen Verhältnis der Deutschen zu Identität, Heimat und Nation. Denn die Rasse-Apostel, die hierzulande in etwas Heiteres wie den Vereinsport ihren ethnopolitischen Spaltpilz tragen, stehen in exakt der Tradition jener Deutscher, die vor 80 Jahren umgekehrt die Arisierung oder „Entjudung“ deutscher Sportvereine (und aller anderer Organisationen) forderten. Aus der früheren, rassistischen Sorge vor Überfremdung ist heute die positiv-rassistische Angst vor Unterfremdung geworden. Früher wurde die „Reinheit des Blutes“, das „Ariertum“ beschworen und zum Leitmotiv für gesellschaftsrelevanten Organisationen und Institutionen erklärt. Heute muss es stattdessen die größtmögliche Diversität sein; der Wahn dahinter ist derselbe. Auch hier schlägt das Pendel in die exakt gegenteilige Richtung – mit derselben, wahnhaften Verve.

Wenn der WDR attestiert, im Handball sei keine Integration verwirklicht oder wenn Cachay darüber sinniert, der „sehr deutsche Handball“ sei „ein Indikator für eine Gesellschaft, die gerade einige integrationspolitische Probleme hat“, so zielt beides in die völlig verkehrte Richtung. Integrationsdefizite gibt es tatsächlich – doch eben nicht aufgrund mangelnder Bemühungen seitens von Politk und Zivilgesellschaft, sondern wegen obstruktiver Integrationsverweigerung vieler Migranten. Integration ist ein Akt der Konvergenz: Die eine Seite muss sich annähern und dazugehören wollen, und die andere Seite muss dafür offen sein. Offen sind die Deutschen, weit über Gebühr und bis zur Selbstverbiegung.

Doch wenn die zu Integrierenden sich selbst der Integration verschließen, ist sie zum Scheitern verdammt; dann kommt es zu Parallelgesellschaften, von denen Deutschland inzwischen strotzt. Und daran vermögen dann auch auch noch viele gute Absichten von Sportphilosophen, Multi-Kulti-Redakteuren und ethnischen Terraformern nichts zu verhexen; auch keine Quotenregelungen, Affirmative Action, PR-Maßnahmen oder staatliche Förderprogramme. Selbst wenn eines Tages zum mutmaßlichen Frohlocken von WDR oder „taz“ per Gesetz bestimmt würde, dass Handballmannschaften zur Hälfte mit Mischlingen oder Dunkelhäutigen zu besetzen sind. (DM)

Keine Zensur: Folgt uns auf Telegram