„Klimahysterie“ als Unwort des Jahres gewählt: Die Selbstoffenbarung der Sprachpolizei

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Unworte als Wortschablonen der Gedankenkontrolle (Sondierungsgespräche haben begonnen (Symbolbild: shutterstock.com)
Die Kür des Ausdrucks „Klimahysterie“ zum „Unwort des Jahres“ 2019 durch die Jury der sogenannten „Sprachkritischen Aktion“ aus Sprachwissenschaftlern folgt einer von Jahr zu Jahr zunehmend ideologischeren Agenda: Antikonformistische Überzeugungen werden kriminalisiert, vom politische Mainstream abweichende (oder lediglich dessen Gemütszustand kritisierende) Aussagen sollen hingegen zu Pfui-Begriffen abgewertet und lächerlich gemacht werden.
Ganz in diesem Sinne rechtfertigt die Jury denn auch ihren diesjährigen Beschluss: Mit dem gewählten Wort würden „Klimaschutzbemühungen und die Klimaschutzbewegung diffamiert und wichtige Debatten zum Klimaschutz diskreditiert“. Der Ausdruck sei 2019 „von vielen in Politik, Wirtschaft und Medien verwendet worden“. Weiter heißt es da laut „dts Nachrichtenagentur“: „Er (=der Ausdruck Klimahysterie) pathologisiert pauschal das zunehmende Engagement für den Klimaschutz als eine Art kollektiver Psychose. Vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Klimawandel ist das Wort zudem irreführend und stützt in unverantwortlicher Weise wissenschaftsfeindliche Tendenzen“. Soweit die Jury.
 
„Unwissenschaftlich“ ist hierbei der Schlüssel: Dieser treffende Neologismus für „ketzerisch“ soll jeden erdenklichen Verstoß gegen die reine Lehre verteufeln – und allen Gegenpositionen zur Klimapolitik die sachliche Legitimation streitig machen. Vor allem jedoch zeigt diese hirnrissige Begründung, dass sich die Philologen wohl nicht recht zwischen „Klimahysterie“ und dem ebenfalls eingesandten Wort „“Klimaleugnung“ entscheiden konnten: Ihre Argumentation unterstellt all denen, die die „Klimahysterie“ monieren, sie würden auch den Klimawandel leugnen.
 
Genau dies jedoch überhaupt nicht gesagt: Angesichts der an Erweckungsmessen und und pseudoreligiöse Massenekstase erinnernden Szenen bei diversen „Friday for Future“-Kundgebungen im letzten Jahr, der reihenweise Ausrufung von „Klimanotständen“ durch Kommunen/Länder/EU-Parlament, aber auch einer regelrechten Kanonade von Katastrophenschlagzeilen über den bevorstehenden Weltuntergang schüttelten sogar erklärte Fans einschneidender Klimaschutzmaßnahmen den Kopf und erkannten die offensichtliche Panikmache.
 
Diese als Hysterie zu benennen ist sprachlich akkurat, naheliegend, zulässig, notwendig – und ganz sicher keine Frage von erlaubtem oder verpöntem Sprachgebrauch. Objektive Zustandsbeschreibungen und Kritik an irrationalen Auswüchsen der Klimapolitik als Unsitte, Unding oder jetzt gar „Unwort“ zu diffamieren, beweist die komplette Hirnrissigkeit der Jury-Argumentation.

Verbalonanie linker Sprachwächter

Wobei der Begriff „Klimaleugnung“ (sofern er stattdessen ausgesucht worden wäre) sogar noch unsinniger wäre: „Klimahysterie“ existiert als Phänomen wenigstens – im Gegensatz zur Leugnung des Klimas. „Hat von euch schon mal jemand einen Klimaleugner gesehen, also einen, der das Klima leugnet?“, spottet hierzu der Journalist Ulli Kulke. Gerade ein Zusammenschluss von Sprachwissenschaftlern, die von Berufs wegen Worte auf die Goldwaage legen, müßten eigentlich soviel semantischen Mindestverstand mitbringen, diese begriffliche Stilblüte zu identifizieren.
 
Dass Vorschläge für das „Unwort“ inzwischen fast ausschließlich von linken Sprachwächtern eingesandt werden, die kongenial mit der Jury ticken, und dass diese Vorschläge so gut wie immer Ausdrücke aus dem Sprachgebrauch der angeblichen politischen „Schmuddelecke“ beinhalten, ist nichts Neues. Andere eingesandte Vorschläge lauteten diesmal etwa „Umweltsau“ (16 mal vorgeschlagen), „Alte weiße Männer“ (13 mal), „Verschmutzungsrechte“ (elf mal), „Klimaleugner“ (elf mal), „Lkw-Vorfall“ (zehn mal) und „Flugscham“ (zehn mal).
 
Vergangenes Jahr war die vom CSU-Politiker Alexander Dobrindt gebrauchte Formuilierung „Anti-Abschiebe-Industrie“ zum „Unwort des Jahres 2018“ gekürt worden. Auch damals fragte sich nicht nur „Bild“, ob man „eigentlich noch öffentlich sagen kann, was man möchte… Erkenntnis seit gestern: Ja, darf man. Es sei denn, es passt der Sprachpolizei nicht.“ Diese Einschätzung ist dieses Jahr sogar noch zutreffender als damals.

Es geht um Sprachverbote, nicht Sprachpflege

Die „sprachkritische“ Jury für das „Unwort des Jahres“ besteht aus vier Sprachwissenschaftlern, einem Journalisten und einem jährlich wechselnden Mitglied. Diese Truppe widmet sich de facto allerdings weniger der Sprachwissenschaft, sondern Sprachverboten. In ihrem politischen Sendungsbewusstsein, ihrem Furor für Sprachhygiene stellt sie sich dabei in den Dienst der jeweils herrschenden, zulässigen Weltanschauungen.
 
Sie kämpft, wenn auch an einer anderen Front, dieselbe Schlacht wie all die Framer der Medien, wie die Nazikeulenschwinger, die jede konträre Position als rechtsextrem oder populistisch stigmatisieren, wie die Social-Media-Durchmusterer im Namen des NetzDG und die angeblichen „Faktenchecker“: Toxische Meinungen, Anschauungen und eben auch Worte sollen gebrandmarkt werden, die, die sie gebrauchen, sollen aus der Debatte gedrängt werden.
 
„Klimaskepsis“ ist dabei nur eine von mehreren Chiffren für grundsätzlich oppositionelle Positionen, die in diesem Staat gesellschaftlichen Ächtungen (und ihre Wortführer entsprechenden Repressionen) ausgesetzt sind – in einem Ausmaß wie seit der Endphase von Weimar nicht mehr. Die Weichen sind gestellt: Dass „rechts“ eigentlich ein ebenso zulässiger, notwendiger Bestandteil des politischen Spektrums ist, wurde den Mehrheitsdeutschen ebenso erfolgreich aus den Köpfen getrieben wie die Banalität, dass man über die Interpretation hochkomplexer Klimamodelle zur aktuellen Erderwärmung unterschiedliche Meinungen vertreten darf. Jenseits des linksgrünen Konsens-Korsetts und außerhalb der Groko-Präliminarien beginnt übergangsfrei der radikale Abgrund.
 
AfD-Chef Jörg Meuthen und Autor Michael Klonovsky erhalten in einem Berliner Restaurant Hausverbot, weil der Geschäftsführer „kein Platz für Rechts“ gewähren mag. Auch Hans-Jörg Mendig, Geschäftsführer der hessischen Filmförderung, verlor wegen eines Mittagessens (ebenfalls mit Meuthen) seinen Job. Fritz Vahrenholt, der in einem vielbeachteten Sachbuch die These der menschgemachten Erderwärmung relativiert hatte, wird wegen seiner „Klimapositionen“ als Vorsitzender der Deutschen Wildtier-Stiftung entlassen. Dem Berliner Kolumnist Gunnar Schupelius wird das Auto abgefackelt (übrigens ebenfalls wegen „klimaleugnerischer“ Veröffentlichungen). Oppositionspolitiker im Parlament werden boykottiert, andere Abgeordnete drehen ihnen den Rücken zu. In Talkshows werden die meisten schon nicht mehr eingeladen. Ihre Büros werden landauf, landab verwüstet, beschmiert und angezündet. Schüler, deren Eltern in der AfD aktiv sind, werden bloßgestellt, gemobbt, diskriminiert. Dasselbe übrigens droht in manchen Klassen Jugendlichen, die sich dem FFF-Mitläufertum „fürs Klima“ widersetzen.

Mutbürger mit Gewaltaffinität gegen die „Richtigen“

All diese fatalen Entwicklungen werden von Vertretern einer Mehrheitsgesellschaft vorangetrieben, die sich selbst als Wahrer der Toleranz, als im gerechten „Widerstand“ wirkende Mutbürger fühlen. Die von ihnen praktizierten Ausgrenzungen und Erniedrigungen gegenüber Andersdenkenden wären sogar aus ihrer eigenen Sicht verdammenswert – sofern sie sich gegen „Demokraten“ und Befolger der Spielregeln richteten, gegen jene innerhalb des abgesteckten, erlaubten Diskursrahmens: Sobald sie selbst nämlich Gewalt oder Ungerechtigkeiten erfahren, stilisieren sie sich prompt zu Opfern von Hetze und Gewalt und beschwören die „Anfänge, derer es zu wehren gilt“. Ein Kratzer am Hals eines Altparteienpolitikers wiegt da tausendmal schwerer als ein krankenhausreif geprügelter AfD-Stadtrat; und der Vorwurf der „Klimahysterie“ wird zum Schimpfwort, während Berufsverbote und Entlassungen von „untragbaren“ Kritikern der Klimapolitik als akzeptabel gelten.
 
Gegen Un-Menschen mit un-erträglichen Ansichten, geäußert in Un-Worten, sind hingegen auch Un-Taten gestattet. Eben um diesen Bias, diese Einseitigkeit aufrechterhalten und die Ausgrenzung Andersdenkender auch weiterhin gewährleisten zu können, ist die Kriminalisierung des politischen Gegners, seiner Überzeugungen und seiner Sprache unbedingt notwendig: Denn nur wenn Argumente „indiskutabel“ werden, wenn aus Begriffen „Unworte“ werden und wenn alle Andersdenkenden Faschisten oder Rassisten sind, dann ist auch ihre Bekämpfung mit allen Mitteln erlaubt. Das, und nichts anderes, ist er eigentliche und einzige Zweck der alljährlichen „Unwort“-Bestimmung. (DM)