Gruppenvergewaltigung in Zypern: Opfer wird verurteilt

Marilla Slominski

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screenshot YouTube

In Zypern bahnt sich ein handfester Justizskandal an. Das Opfer – eine 19-jährige Britin, die im vergangenen Juli anzeigte, von mindestens 12 jungen Männern aus Israel vergewaltigt worden zu sein. Kurz darauf zog sie ihre Aussage zurück, die mutmaßlichen Täter verließen das Land. Der Pass der jungen Frau wurde eingezogen. Sie darf seit fast einem halben Jahr die Insel nicht verlassen. Ende Dezember wurde sie von einem Gericht schuldig gesprochen, gelogen zu haben. Auch eine geplante Pipeline zwischen Israel und Zypern soll eine Rolle spielen. 

„Die Britin ist eine Hure“, sangen im vergangenen Jahr die 12 jungen Männer laut MailOnline bei ihrer Rückkehr in Tel Aviv auf dem Flughafen Ben Gurion lauthals. Sie geben sich bis heute unschuldig – der Geschlechtsverkehr in einem Hotel im zyprischen Urlaubsort Ayia Napa sei komplett freiwillig gewesen, behaupten die „Teenager“, die zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Vergewaltigung im Alter zwischen 15 und 18 Jahre alt waren. Ihre Handys wurden beschlagnahmt, auf ihnen fanden sich Aufnahmen der mutmaßlichen Vergewaltigung, dreien der nicht näher identifizierten Jugendlichen seien DNA-Spuren zugeordnet worden, berichtete damals The New York Times.

Der Fall erregte weltweit Aufsehen und kam auch für diplomatische Kreise zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunktstanden: Zypern und Israel standen kurz vor dem Abschluss eines milliardenschweren Gaspipeline-Projekts. Und so drehte sich knapp zwei Wochen nach dem sexuellen Übergriff das Blatt auf wundersame Weise zugunsten der angeblichen israelischen Gruppenvergewaltiger.

Alles Lüge, hieß es nun erleichtert bis empört. Die junge Frau habe ihre Anzeige zurückgenommen und zugeben, die Vergewaltigung erfunden zu haben.

Auch dem Bau der 1872 Kilometer langen Erdgaspipeline Eastmed stand keine unschöne „Gruppenvergewaltigung durch 12 Israelis“ samt diplomatischen Verwicklungen mehr im Wege – vor wenigen Tagen unterzeichneten die Energieminister von Zypern, Israel und Griechenland in Athen das Abkommen für das Projekt, das rund sechs Milliarden Euro kosten soll.

Für die junge Frau, die im Juli 2019 geglaubt hatte, mit dem „Lügen-Geständnis“, das Ticket nach Hause unterschrieben zu haben, kam es hingegen knüppeldick. Gegen sie wurde Anklage erhoben, sie fand sich in einer Zelle mit neun anderen Frauen im Gefängnis in Nikosia wieder, eine Freilassung auf Kaution wurde damals abgelehnt. Das Gericht behielt ihren Pass ein, und obwohl sie mittlerweile auf freiem Fuß ist, durfte sie Zypern bis heute nicht verlassen. Inzwischen sei bei der jungen Frau nach Panikattacken eine posttraumatische Störung diagnostiziert worden, berichtet The Sun.

Am 30. Dezember wurde sie vom Bezirksgericht Famagusta schuldig gesprochen, gelogen zu haben. Seitdem kommen immer mehr Ungereimtheiten zugunsten der britischen „Lügnerin“ ans Tageslicht. Die junge Frau behauptet nicht nur, sie sei genötigt worden, ihre Aussage zurückzunehmen. Auch der Richter zeigte sich unverhältnismäßig hart gegenüber der Angeklagten, die wegen „Störung der öffentlichen Ordnung“ vor ihm stand. Mehrfach habe Richter Michalis Papathanasiou die Beherrschung verloren und den Teenager sowie die Anwälte mit wütenden Ausbrüchen „terrorisiert“, so The Sun.

„Israelische Teenager“ bei ihrer Verhaftung im vergangenen Jahr (screenshot YouTube)

Für eine stattgefundene Vergewaltigung spricht neben den Zeugenaussagen von Freunden, die die junge Frau nach dem mutmaßlichen sexuellen Übergriff am 17. Juli 2019 völlig aufgelöst gefunden und in ein Krankenhaus gebracht hatten, nun auch das Ergebnis eines zugezogenen Linguisten. Nachdem Dr. Andrea Nini das widerrufenen Geständnis in Augenschein genommen hat, kommt er zu dem Schluss, ein englischer Muttersprachler würde einige Aussagen im Protokoll nie so formulieren. Seiner Meinung nach sind viele Formulierungen eindeutig „griechisches Englisch.“

Bei dem Geständnis, das die britische Studentin unterschrieben hat und das besagt, dass es keine Vergewaltigung gegeben habe und alles was in dem Hotelzimmer passierte, mit ihrer Zustimmung geschehen sei, sei es „höchst unwahrscheinlich“, dass es von ihr verfasst wurde, so der angesehene Linguist Dr. Andrea Nini von der Manchester University, der auf Forensik spezialisiert ist. Es sei viel wahrscheinlicher, dass ihr die Worte von einem zypriotischen Polizisten diktiert worden seien, erklärte der Experte laut MailOnline.

Die Studentin müsse ein „kriminelles Genie“ sein, um die Struktur der Sätze so zu fälschen und ihn glauben zu lassen, sie stammten von einem „Nicht-Muttersprachler“, erklärt Nini, der als Fachberater bei der britischen National Crime Agency registriert ist. Er ist sicher, es gebe „sehr überzeugende sprachliche Beweise“, dass der Widerruf von einer nicht-englischen Person diktiert wurde.

Auch ein Pathologe in Großbritannien bestätigte gestern anhand der ihm vorgelegten Fotos des Opfers: Viele der 35 (!) Verletzungen seien typisch für eine Vergewaltigung.

Damit untermauern die Experten die Erklärung der 19-jährigen Studentin. Der zuständige Polizeibeamte habe ihr gedroht, sie angeschrien und sie genötigt, elf Tage später nach einem achtstündigen Verhör ohne Anwalt ihre Anschuldigungen gegen die 12 jungen Männer zurückzunehmen, so die 19-Jährige.

Der Name des Opfers sei von zypriotischen Polizisten an israelische Medien weitergegeben worden, der Tatort durch Presseleute verunreinigt, Spuren nicht gesichert worden, so weitere Vorwürfe gegen die zyprischen Behörden, berichtet The Sun.

Die junge Frau bittet nun den britischen Premier Boris Johnson und den Außenminister um Hilfe: „Ich bin 19 Jahre alt und alles was ich will, ist, dass mein Name reingewaschen wird und ich wieder nach Hause zu meiner Familie kann. Mir läuft die Zeit davon. Bitte, bitte, helfen Sie mir“.

Ihre Anwälte sind von ihrer Unschuld überzeugt. Man respektiere den Richterspruch, werde aber Einspruch erheben und vor den Obersten Gerichtshof Zyperns ziehen, um die Unschuld der jungen Britin zu beweisen: „Unsere Mandantin hat niemals gelogen“, erklärte ihre Anwältin nach Prozessende der wartenden Presse.

Dem mutmaßlichen Vergewaltigungsopfer droht neben einer Geldstrafe von bis zu 2000 Euro auch eine einjährige Gefängnisstrafe. Familie und Freunde haben ein Spendenkonto eingerichtet, auf dem inzwischen mehr als 140.000 Euro für ein Berufungsverfahren eingegangen sind. Mit dem Geld wollen der Anwälte der jungen Frau, wenn nötig, bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen.

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