2019: „Die Welle“ ist Realität

#Unteilbar = Die Welle; Foto: jouwatch Collage
#Unteilbar = Die Welle; Foto: jouwatch Collage

Jeder Schüler in Deutschland kennt heutzutage das Buch „Die Welle„. Im Original veröffentlichte Morton Rhue 1981 die Geschichte „The Wave“, die 1984 von Hans-Georg Noack übersetzt wurde. Obwohl viele das Buch gelesen oder den Film gesehen haben, haben sie nur wenig daraus gelernt, wie z.B die #Unteilbar Veranstaltung am 24. August in Dresden und jede #FridaysForFuture Veranstaltung zeigt. 

Ausgangspunkt des Romans ist ein Film über den Holocaust, den der Geschichtslehrer Ben Ross in seiner Klasse im Rahmen des Unterrichtsblocks Zweiter Weltkrieg vorführt. Der Film stößt in der Klasse, neben Betroffenheit, einerseits auf Unverständnis darüber, wie sich ein derartiges Regime etablieren konnte bzw. wie viele Deutsche angeblich vom Holocaust nichts gewusst hätten und andererseits auf die Überzeugung der Schüler, dass sich eine derartige Manipulation der Massen nicht wiederholen könne.

„Irgend etwas störte Ben Ross. Er wusste nicht genau, was es war, aber die Fragen der Schüler nach dem Geschichtskurs hatten etwas damit zu tun. Warum hatte er den Jungen und Mädchen keine präzisen Antworten auf ihre Fragen geben können? War das Verhalten der Mehrheit während der Naziherrschaft wirklich so unerklärlich? […] Jetzt nachdem er einige Stunden gelesen hatte, wusste Ben, dass er die richtige Antwort nirgendwo in den Büchern finden konnte. Er fragte sich, ob es sich hier um etwas handelte, was die Historiker zwar wussten, aber nicht mit Worten erklären konnten. Konnte man es überhaupt nur an Ort und Stelle richtig verstehen? Oder vielleicht dadurch, daß man eine ähnliche Situation schuf.“

So entschließt sich der Lehrer, ein Experiment durchzuführen: Die Welle.

„Vielleicht sollte er eine Stunde oder zwei auf ein Experiment verwenden und den Schülern ein Gefühl dafür geben, was es bedeutet haben mochte, in Nazi-Deutschland zu leben? Wenn es ihm gelang, eine treffende Situation zu erfinden, konnte er damit die Schüler wirklich weit stärker beeindrucken als mit allem, was Bücher erklären konnten.“

Das Experiment soll zeigen, wie Menschen durch einfache Methoden manipuliert werden können. „Die Welle“, eine autoritäre Gemeinschaft, für die der Geschichtslehrer seine Klasse zu überzeugen beginnt, stützt sich auf drei in aufeinanderfolgenden Unterrichtsstunden aufgestellte Prinzipien:

Die erste Stufe Macht durch Disziplin! besteht nur aus der Einübung von Disziplin und einer straffen, auf die sich autoritär verhaltende Person des Lehrers fixierten Unterrichtsform, wie sie bis in die 1950er und frühen 1960er Jahre in Schulen alltäglich war.

In der zweiten Unterrichtseinheit Macht durch Gemeinschaft! wird die Klasse auf ein unbedingtes, überindividuelles Gemeinschaftsgefühl eingeschworen und erhält vom Lehrer das gemeinsame, identitätsstiftende Symbol der Welle samt dem dazugehörigen Gruß.

„Es ist das Gefühl, Teil eines Ganzen zu sein, das wichtiger ist als man selbst“, erklärte Mr. Ross. „Man gehört zu einer Bewegung, einer Gruppe, einer Überzeugung. Man ist einer Sache ganz ergeben …“

In der dritten Stufe Macht durch Handeln! verpflichtet er die Schüler auf geschlossenes Handeln der Gruppe, Egalität innerhalb der Gruppe und die Pflicht, neue Mitglieder anzuwerben. Dennoch wird mit der Verteilung von Mitgliedskarten für einfache Mitglieder und Führungspersonen, welche die Pflicht zur Meldung abweichenden Verhaltens haben, eine hierarchische Struktur und ein Überwachungssystem geschaffen.

Eigendynamische Verselbstständigung

Im Verlauf des Romans werden diese Grundsätze von den Beteiligten immer mehr verinnerlicht. Ross bemerkt, dass seine Schüler zwar Informationen – vor allem geschichtliche – wie automatisch wiedergeben können, aber aufhören eigenständig zu denken und kritisch zu hinterfragen. Innerhalb der elitären Gruppe entsteht einerseits der Anschein, alle seien gleichberechtigt, und vorherige Außenseiter wie der Schüler Robert können sich integrieren und besonders profilieren. Andererseits droht das Experiment Beziehungen zwischen guten Freunden zu zerstören, weil nicht jeder von der Welle überzeugt ist. Allmählich zeigt das Experiment totalitäre Züge, da eine Mitgliedschaft in der Welle, die sich längst über die Geschichtsklasse hinweg ausgebreitet hat, an der Schule immer mehr zum unhinterfragten Zwang wird. Erst nachdem ein jüdischer Schüler Gewalt erfährt, weil er sich der Welle nicht angeschlossen hat, begreift Ross die Gefährlichkeit seines Tuns und sieht ein, dass er das Experiment abbrechen muss. Der Geschichtslehrer nutzt eine einberufene Vollversammlung, um der Bewegung ihre Wirklichkeit gewordene und ursprünglich für unmöglich gehaltene faschistoide Art aufzuzeigen – anstatt der erwarteten Ansprache des (nicht existenten) „Führers“ der Welle zeigt er ein Bild Adolf Hitlers und klagt die Schüler an: „Ja, ja, ihr wärt alle gute Nazis gewesen.

Der Roman „Die Welle“ verfügt trotz der eingeführten autoritären und totalitären Strukturen über keine inhaltlichen Grundsätze, Ziele oder eine Ideologie, wie sie totalitären Systemen und Gruppierungen wie dem Nationalsozialismus, Faschismus, Stalinismus oder religiösen Sekten zu eigen sind. Heute im Jahr 2019 ist „Die Welle“ Realität, sie heißt nur anders, zum Beispiel #FridaysForFuture oder #Unteilbar. (BH)

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26 Kommentare

  1. Eigentlich war das Buch/der Film als Warnung gedacht. Dass ein paar linke Teufeln ihn als Bauanleitung missbraucht haben, haette sich der Schoepfer wohl nicht traeumen lassen.

  2. Obwohl meines Erachtens der tatsächliche Ablauf des originalen Experimentes aus dem Jahre 1967 unter Beweisnot steht, gibt es doch etliche Hinweise auf irrationales Verhalten des Individuums in einer Gruppe oder als Teil der Masse (Masse als soziologischer Begriff). In der Wikipedia-Definition finden sich noch die Verweise auf das Milgram-Experiment, das Stanford-Prison-Experiment, das Konformitätsexperiment von Asch und die Befriffserklärung von Gruppenzwang. Das schon erwähnte Buch von Elias Canetti ‚Masse und Macht‘ ist hier der Klassiker und ich empfehle auch noch das etwas subtilere Theaterstück „Die Nashörner“ des rumänisch-französischen Dramatikers Eugene Ionesco.

    Nur der erfahrene, gereifte und geläuterte Mensch erreicht die Integrität, sich diesem Druck zu widersetzen. Gegen Ideologiewahn hilft eine konservative Grundeinstellung. Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen, war der zynische Leitspruch von Helmut Schmidt. Gebe es genug solcher Leute, hätten wir die bekannten Probleme in Deutschland nicht und die Menschheit wäre schon viel weiter entwickelt.

  3. Genial der Vergleich mit „Die Welle“! Volltreffer! Unbedingt weiterverbreiten, damit das möglichst viele lesen!

    Wie die ihr „Gebet“ aufsagen, ist das Gruseligste, was hier in Deutschland die letzten Jahre zu sehen war!

  4. Exzellenter Artikel. Ich empfehle auch das Buch Das Milgram-Experiment im Hinterkopf behaltend, daß ein gewisser Yascha Monk von einem Experiment gesprochen hat, im öffentlichen Fernsehen. Jetzt kriege ich mit, wie das damals passieren konnte.

  5. Genau diese Gegenüberstellung wäre jetzt im Geschichtsunterricht angesagt. Das wäre Pädagogik wie aus dem (idealisierten) Lehrbuch. Aber glaubt jemand, dass die Alt- und Mittelalt-68er über ihren Schatten springen? NIE! Die behaupten, die AfDler seien die „Nazis“. So einfach kann die Welt sein. Für Linke.

  6. Vor 3 Jahren habe ich ehrenamtlich bei der Aufführung des Stückes gegen den Totalitarismus die Kulissen für ein Jugendtheater gebaut. Dann las ich während des Aufbaus dies in der örtlichen Presse:

    https://www.aachener-nachrichten.de/lokales/aachen/die-welle-auf-geht-s-in-die-geistige-sklaverei_aid-31018507

    Ich hatte als AfD´ler meine Zusage für die Durchführung der Arbeiten gegeben. Ich habe mich an meine Zusage gehalten….mit knirschenden Zähnen

    Alte Afd´ler lehrten mich, dass nur Linke ihre Arbeit niederlegen, wenn ihnen etwas nicht passt.
    Als Rechter steht man zu seinem gegebenen Versprechen.

  7. „Wer nicht hüpft vom Boden, hat keine Beine und fällt nicht auf die Hoden.“
    Es ist unglaublich wie viele Menschen sich manipulieren lassen können. Je mehr aufgeklärter wir werden, desto mehr Idioten zeigen sich am Ende auf den Straßen. Absurd und paradox. Die Realität hat uns alle schon längst von den Filmen her eingeholt.

    • Der €uro in der Kasse klingt, die Greta in die Höhe springt. Und wer nicht mithüpft, ist voll CO2-Naaatziii.

  8. Wir mussten den Kram auch lesen und wurden endlos mit Hitler beschallt. Ich fand das immer unglaublich sinnlos und hohl. Jetzt weiß ich auch endlich, warum: Weil zwar darüber geredet, aber NICHTS ERKLÄRT wurde.

    Die zugrundeliegenden Mechanismen hat man nicht ein einziges Mal angesprochen. Null!

    Dass die Antifa mit faschistischen Einschüchterungsmethoden gegen Andersdenkende vorgeht, ist die normale Folge von Nicht-Unterricht am Esel-Gymnasium.

  9. Der Film sollte für alle Schüler Pflicht werden.
    Aber in der Fassung von 1981. Die Neuverfilmung ist nämlich schon ziemlich weichgespült.

  10. So einfach ist die Platitüde #niewieder zu beantworten. Man hätte in der Schule auch Masse und Macht von Elias Canetti lesen können.
    Das Einzige, was vor dem EinschmelzungsMob schützt ist das gereifte Individuum!

    • Meine Generation hatte die besten Bedingungen, so einen (!) Individualismus zu entwickeln, aber bei der breiten Masse hat es nicht zu mehr als zu einem Individualhedonismus billiger Sorte und Opportunismus gereicht.
      Ich war als religiöser Mensch und als Realist immer skeptisch was die Substanz des real existierenden Menschen angeht. Die Dehiszenz zwischen der Potenz (Ebenbild Gottes) und der Existenz der Meisten (ala Kahane für Kaffee Menschen verraten) ist ernüchternd und kränkend.
      Aber nach meiner Erfahrung stehen die Deutschen in dieser Sache recht typisch da, alle Völker, die ich kenne, sind so.

    • Das ist die „Dialektik der Aufklärung“. Gerade unter den anscheinend optimalen Voraussetzungen zurAusbildung einer differenzierten Individualität entwickelt sich der geschichts – und bildungslose Massenmensch, (der „letzte Mensch“ im Sinne Nietzsches) der knetbares Material ist in den Händen einer professionellen Manipulationsindustrie.

    • Ich muß sagen, daß mir eben dieser dialektische Determinismus nicht einleuchtet!
      Was mir einleuchtet ist, daß die Generation meiner Eltern mit den
      Erfahrungen des Krieges als Jugendliche im Hintergrund mit einer ganz anderen Strenge lernten als meine Generation. Aber wir reden vom Durchschnitt,- Einzelne sind immer anders, ernster, gewissenhafter, eigener!

  11. Ein mehr als treffender Vergleich, an den ich ebenfalls schon desöfteren gedacht habe! … und ganz ehrlich? Wir betonen ja sehr gerne, bei jeder Gelegenheit und nur allzu oft „Wir haben aus unserer Historie gelernt!“ und „Nie wieder (Was auch immer!)!“ – würde heute ein links-rot-grüner wortgewandter und charismatischer Führer in der deutschen Polit- Landschaft erscheinen, würden wir (Und da lege ich meine Hand ins Feuer!) die Historie mit allen Konsequenzen unkritisch und kollektiv wiederholen!

    • Das Erschreckende ist doch, daß die Leute das auch ohne einen Hitler oder Goebbels mit dummen Frauchen wie KGE; Roth, Merkel etc.pp. wiederholen!
      Die brauchen noch nicht mal einen Führer!

  12. Ich habe den Film in den 80ern gesehen und in den letzten Jahren oftmals kurz daran gedacht und an meine Einschätzung, dass die Wirkung von Literatur viel geringer ist als man hofft. Aus der Geschichte wird kaum etwas gelernt und aus Geschichten ebensowenig. An die Geschichten an sich kann man sich lange erinnern, an die Lehren daraus meist nicht.

    • Ich habe diesen pädagogischen Optimismus hinsichtlich der Wirkung von Literatur bzw. von Kunst überhaupt auch nie teilen können. Es waren übrigens gerade immer die Kommunisten (in der DDR), welche in fast naiver Weise an die unmittelbare erzieherische Wirkung von Literatur glaubten: das entsprach ihrem simplen und falschen Menschenbild.

  13. Ich wartete schon 2015 auf die Auflösung des Experiments durch den Geschichtslehrer. Es scheint nun gar nicht mehr aufzuhören.

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