Arbeit trotz Rente: Kein Vergnügen, sondern bittere Notwendigkeit

Alte Menschen beim Flaschenschleppen: Nur mit Zuverdienst überlebensfähig? (Foto:Imago/photothek)

Berlin – Die FDP fordert „flexible Regelungen für den Rentenbeginn“ – und stellt es so dar, als gäbe es für Rentner nichts Aufregenderes, als freiwillig – „just for fun“ sozusagen – im hohen Alter noch zu arbeiten. Den meisten, die sich im Alter noch etwas dazuverdienen müssen, tun dies jedoch aus existenzieller Not.

Empathielos, ahnunglos – oder beides auf einmal? Es mag ja sein, dass der Vorstoß von Johannes Vogel, dem rentenpolitischen Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, gut gemeint war, und in der Tat ist das Problem nicht neu: das staatlich festgelegte Renteneintrittsalter ist ein Hindernis bei der Gestaltung der individuellen Erwerbsbiographie. Manche wollen oder könnten länger arbeiten, dürfen dies bisher aber nicht. Wenn man aber Vogels Argumentation liest, die er gestern im „Handelsblatt“ zum Besten gab, hält man verwundert inne und fragt sich: Wo lebt der Mann?

Die Zahl der Menschen, die auch im Ruhestand noch arbeiten wollen, hat sich seit der Jahrtausendwende fast verdreifacht„, schreibt Vogel. „Arbeiten wollen“? Korrekt wäre wohl eher: Arbeiten müssen. Denn neben einer Minderheit derer, die sich rein optional im Alter gerne noch etwas dazuverdienen, ist die überwiegende Mehrheit der heutigen Rentner aus schierer Not gezwungen, weiterzurackern: Ihre Rente reicht ganz einfach hinten und vorne nicht aus; und wer nicht gemeinsam mit Flüchtlingen oder Sozialhilfeempfängern in den Schlangen vor der nächsten „Tafel“ warten will, versucht, durch Zusatzeinkünfte sein Einkommen aufzubessern. Der Sozialverband VdK widersprach Vogel in seiner oberflächlichen Zustandsbeschreibung heftig: Der Anstieg der Erwerbstätigkeit im Ruhestand zeige nicht, dass hier alte Menschen unbedingt jobben gehen wollen, sondern belege vielmehr, „dass viele Rentnerinnen und Rentner mit ihrem Alterseinkommen nicht über die Runden kommen und mit Hilfe von Minijobs versuchen, sich finanziell über Wasser zu halten„, erklärte VdK-Präsidentin Verena Bentele. Sie sagte dem „Handelsblatt“: „Regale auffüllen und Zeitungen austragen: Das sind Tätigkeiten, die man nicht ausübt, weil man Erfüllung in der Arbeit sucht.“

Rentnerarbeit: Keineswegs aus Langeweile oder Spaß

Dass es ein Manko ist, wenn in Deutschland „noch immer die Politik festlegt, wann jemand das Rentenalter erreicht„, so Vogel, steht außer Frage. Auch macht seine Forderung Sinn: „Starre Altersgrenzen beim Renteneintritt sollten endlich der Vergangenheit angehören.“ Doch hier geht es nicht ums Privatvergnügen, die Flexibilisierung sollte keine Frage der beruflichen Selbstverwirklichung im Alter sein. Sondern es sollte den „working poor retireds“, den verarmten Rentnern, so einfach wie möglich gemacht werden, sich ein Zubrot zu verdienen. Immer fordert auch Vogel die vollständige Abschaffung der Hinzuverdienstgrenzen für Rentner, „damit Bürokratie für die Menschen entfällt und ein gleitender Übergang und Teilrentenmodelle vollständig nach den eigenen Wünschen möglich sind„.

Die Zahl arbeitender Rentnern hat in Deutschland mittlerweile ein Rekordniveau erreicht, wie „dts“ meldet: Mehr als 1,4 Millionen Arbeitnehmer im Ruhestand haben sich nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums im vergangenen Jahr mit einer Erwerbsarbeit Geld dazuverdient. Vor knapp 20 Jahren waren es nur rund 530.000. Die Äußerungen Vogels fielen im Kontext der FDP-Forderung nach flexibleren Regelungen für den Rentenbeginn. (DM)

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15 Kommentare

  1. Ich schmeiss mich weg, auch ich habe diese wunderbare Nachricht im Radio vernommen. Sogleich wurde mir heute morgen Ware geliefert, der Opa der mir diese übergab zitterte mit den Händen. Es war wohl die Freude über den sozialen Kontakt.

  2. Danke für die Richtigstellung in der Überschrift. Bei ET gestern wurde der Sachverhalt als reine Lust an der Freude der Rentner dargestellt.

  3. Natürlich müssen die Rentner arbeiten. Wer soll denn demnächst die Wünsche der Gäste sonst bezahlen ?
    Die Zahl derer steigt täglich und Merkel lässt einfliegen , was die Flieger hergeben.
    Ich schätze es sind inzwischen 4 Millionen vom glänzenden Edelmetal locker hier.Jeder mit Miete und Kindergeld, Taschengeld usw. kostet locker 2000€ im Monat.
    Die kommende Rezession schmilzt die Steuergelder wie Butter in der Sonne.
    Woher also nehmen ?
    Leute zieht euch warm an !

  4. In Österreich haben sie die Mindest Rente nach 40 Jahren für Singles von995€ auf 1200€ und für Paare von 1260€ auf 1500€ erhöht.Nach 30 Jahren steht Dir 1025€ zu.Zusätzlich haben sie die Krankenkassenbeiträge gesenkt und bei uns soll es eine Respekt Rente geben .

  5. Da die Politiker in einer Blase leben die fern der harten Wirklichkeit des Landes existiert ist deren Urteilskraft dermaßen getrübt, dass man politische Statements aus Berliner Kreisen schon im Bereich der Fantasy-Fiction ansiedeln kann. Von denen weis doch wirklich kein Einziger was im Lande wirklich läuft. Es gibt vielleicht 5-10% Rentner deren Beruf auch deren Berufung war. Der Rest ist einfach nur arm weil Politiker entschieden haben, dass ehrliche Arbeit sich nicht mehr rentieren darf und man als Sozialhilfeschmarotzer nahezu genauso viel bekommt. Insgesamt behandelt Deutschland seine Renter außerordentlich schlecht und mit sehr wenig Respekt. Pfui an alle Politiker !!

  6. Ich sehe auch des öfteren „freudig erregte Rentner“ die Papierkörbe durchwühlen, die wollen sich dann wahrscheinlich mit den Papierkörben „unterhalten“, weil sie nichts besseres zu tun haben.

  7. Politiker die unser Sozialsystem für alle Schmarotzer der Welt öffnen,
    können einfach nicht ganz dicht sein.
    Über Umwege sorgen Wir dafür, das man in Griechenland noch vor 60 in Rente gehen kann.
    Und dann fordert man noch Reparationszahlungen aus vorangegangenen Generationen.
    Mir deucht daher :
    Wir werden von Idioten regiert !
    BASTA

  8. Den Ar*** sich auf gepolsterten Abgeordneten-
    Stühlen plattsitzen, dicke Diäten und Pensionen,
    einstreichen, sich einen Schei** um die Lebensleistung
    von Arbeitnehmern nach 40-45 Beitragsjahren interessieren,
    und dann von diesen angesichts der durchschnittlichen
    Lebenserwartung eine freiwillige Rentenkürzung erwarten.
    Frecher gehts nimmer!

  9. Das Hauptproblem ist, dass Leute über Renten, Krankenkassen usw. entscheiden, die selbst nicht im geringsten davon betroffen sind.

  10. Politiker Pensionen einfach an die der Renten angleichen und schon wird ganz schnell wieder eine Politik für diejenigen gemacht, die in das System eingezahlt haben. Komischerweise äußern sich immer nur Politiker mit Unvermögen dazu. Ist aber kein Wunder, wenn man bedenkt, dass nach 4 Jahren im Parlament die Mindestpension bereits deutlich der Durchschnittsrente übersteigt.

  11. Sehe schon mal LKW-Fahrer im Rentenalter, man kann in ihrem Gesicht sehen wie sie vor Freude die Ladefläche rauf und runter springen.

  12. Also gestern meldete der Partei-Staats-Hetzsender NDR-info,
    Rentner würden gerne arbeiten, weil für sie der Tag dann schneller vorübergeht, weil sie dann wieder unter Leute kommen und weil sie gerne anderen helfen.

    Das ist genau die Argumentation – allerdings bezogen auf Taugenichtse jeden Alters – mit der das bedingungslose Grundeinkommen durchgesetzt werden soll. Auch hier wird behauptet, alle Menschen (besonders die, die hier nicht so lange leben) gieren nach Arbeit, auch wenn sie ohne Arbeit gleichermaßen entlohnt werden….usw….usf.

    • Für die angenehmen Arbeiten finden sich immer genug Leute, aber wer repariert die kaputte Klospülung oder wechselt in Altenheimen die Erwachsenenwindeln?

  13. Im Gegenteil, wer arbeiten will oder muss, sollte dies tun können. Und zwar ohne Abzüge.Auch nicht die Rente gekürzt bekommen, denn seine Arbeitszeit ist begrenzt.Schon aus gesundheitlichen Gründen. Er sorgt dann eigentlich für die zeit vor, wo er nicht mehr arbeiten kann.
    Mal abgesehen davon, das es einen nicht zu unterschätzenden sozialen Faktor dabei gibt.

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