Umweltschutz ist Heimatschutz – Konservative und grüne Philosophie von Roger Scruton

Schöne Aussichten: Eine Landschaft ohne Windkraft-Terror (Foto: Von John Power/Shutterstock)

Umweltschutz scheint ein linkes Thema zu sein. Zumindest in Deutschland wird er in der politischen Diskussion fast ausschließlich mit der in sozialen Fragen linksliberalen Parteilinie der Grünen verbunden. Doch die Linken haben den Umweltschutz nicht gepachtet und die Frage der Vereinbarkeit von Konservatismus und Umweltschutz stellt sich dringender denn je. Politische Randerscheinungen wie die konservative ÖPD und die Tatsache, dass es schon lange vor den Hippies die Lebensreformbewegung des späteren 19. Jahrhunderts mit Persönlichkeiten wie Karl Wilhelm Diefenbach in Deutschland gab, weichen das Schubladendenken auf. In Großbritannien haben sich schon lange kleine, lokale Gruppen, die beileibe nicht antikapitalistisch waren, für Umweltschutz stark gemacht. Hier sind z.B. die „national trusts“, unpolitische private Nichtregierungsorgansationen, die kulturelles Erbe und Naturdenkmäler erhalten, sowie das “Womens’ Institute”, eine Art engagierter Hausfrauenverein, zu nennen. Rufen wir uns in Erinnerung, dass „konservativ“ nichts andere als „erhaltend“ heißt, und das ergibt auch in Bezug auf den Erhalt der natürlichen Umgebung des Menschen Sinn. Die generelle konservative Idee, dass das Bestehende Wert hat und nicht ohne Weiteres ersetzt werden sollte, trifft auch auf den Umweltschutz zu. Dennoch ist dieses Verständnis weder in der öffentlichen Debatte noch in den meisten Köpfen vorhanden.

Deshalb tun wir gut daran, darauf zu hören, was Sir Roger Scruton zu sagen hat. Er ist ein in der angloamerikanischen Intelligenzija recht bekannter britischer Philosoph und Schriftsteller der Gegenwart und Gastprofessor an den Universitäten von Oxford, St. Andrews und Buckingham. Scruton hat etwas für deutsche Philosophie und Kunst übrig. Er ist nicht nur ein Verehrer Richard Wagners, sondern auch Georg Friedrich Wilhelm Hegels. Entsprechend Hegels Dialektik sieht Scruton den Menschen als ursprünglich harmonisch in seine Umwelt eingebettet, bis er die natürlichen Grenzen aufgrund seiner Gier sprengt. Schließlich aber kehrt der Mensch zum Bewusstsein der Sinnhaftigkeit der Begrenzung zurück und erkennt seine Umwelt als seine Heimat. Unter diesem Lebensraum versteht Scruton nicht nur die Ökosphäre, sondern auch die Bausubtanz und Infrastruktur, da sie die Lebensqualität wesentlich beeinflussen.

Grundsätzlich lassen sich zwei Möglichkeiten gegenüberstellen, wie eine Gesellschaft an den Umweltschutz herangeht: Einerseits kann eine bürokratische Lösung von oben kommen („top-down“) oder andererseits können sich die betroffenen Bürger selbst für den Erhalt ihres Lebensraumes einsetzen („bottom-up“). Viele bürokratische Lösungen beinhalten internationale Verträge, wie z.B. das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz. Diese werden jedoch oft nur formal unterzeichnet und können vor Ort nicht durchgesetzt werden. Unterzeichnende Staaten haben oft keine Anreize, sie zu befolgen. Außerdem sind Politiker und Bürokraten nicht in gleicher Weise verantwortlich für die Folgen ihres Tuns, so dass die Bürokratie zu verantwortungslosem Fehlhandeln führen kann. Beispielsweise ist niemand für die in der Sowjetunion angerichteten Umweltschäden zur Rechenschaft gezogen worden. Scruton hat erkannt, dass effektive Lösungen nicht oktroyiert werden können. Er sagt: “Die wahren Lösungen erscheinen (…), wenn wir die richtigen Motive in den Menschen aktivieren.” Zu diesen Motiven, aus denen heraus die Menschen dann selbstständig handeln, kommen wir noch weiter unten.

Probleme ergeben sich aus der Frage der Regelung des Eigentums an natürlichen Ressourcen, die zunächst allen zur Verfügung stehen, wie z.B. Holz, Fisch oder Erdöl. Die „Tragödie des Gemeineigentums (tragedy of the commons)“ besteht darin, dass solche Ressourcen von einzelnen Akteuren auf kurze Sicht ausgebeutet werden. Eine nachhaltige Nutzung von natürlichen Ressourcen hängt entscheidend davon ab, dass die Preise auf dem Markt tatsächlich alle Kosten einschließen, die mit der Bereitstellung eines Produktes verbunden sind. Jedoch werden Kosten oftmals externalisiert, d.h. sie sind nicht im Preis enthalten und werden auf die Umwelt bzw. späteren Generationen von Menschen verlagert, die sich dann mit den Schäden auseinandersetzen müssen. Wir hätten keine Umweltprobleme, wenn es nicht möglich wäre, Kosten zu externalisieren, denn dann müsste der Verursacher für den Schaden aufkommen. Dann könnten Supermärkte auch keinen Dumping-Wettbewerb gegen lokale Geschäfte betreiben. Dieser Gedanke ist entscheidend, damit die libertäre Markttheorie in der Praxis endlicher Ressourcen und ungleich verteilter Information angewandt werden kann. Gesetzliche Regulierungen der unternehmerischen Tätigkeit hält Scruton grundsätzlich für richtig. Er denkt unabhängig und hält sich nicht stur an ideologische Scheuklappen.

Scruton ruft uns nun dazu auf, uns ein einem Ort niederzulassen und ihn als Heimat zu verteidigen. Wir sollen erkennen, dass wir erstens selbst für unseren Lebensraum verantwortlich sind und dass wir zweitens auch die Möglichkeiten haben, ihn für eine langfristige Nutzung zu erhalten. Scruton präsentiert gern ein Beispiel für erfolgreiches Bürgerengagement: Staatliche Industrien hatten britische Gewässer mit Abwässern belastet, was das Sterben der Fische zur Folge hatte. Ein privater Anglerverband hatte Rechtsmittel eingelegt und erwirkt, dass die Verschmutzung abgestellt wurde. Dazu ist natürlich ein rechtlicher Rahmen vonnöten, der es Bürgern ermöglicht, Einspruch gegen staatliches Handeln einzulegen. In Großbritannien stehen für solche Verfahren Fördermittel zur Verfügung. Auch gegen die kurzfristige Ausbeutung von natürlichen Ressourcen durch private Konzerne können sich betroffene Bürger organisieren und rechtlich vorgehen. Dazu sind entsprechende Gesetze erforderlich, die Unternehmen regulieren, was zugegebenermaßen keine typisch konservative Idee ist. So sollten Gesetze z.B. Supermärkte zwingen, Verpackungen zurückzunehmen und geregelt zu entsorgen, damit sie nicht die Umwelt verschmutzen. Scruton sieht, dass durch den politischen Prozess Gesetze indirekt durch das Volk und im Sinne der Bürger gemacht werden. Hier lässt sich allerdings die Kritik anbringen, dass in der gegenwärtig herrschenden Korporatokratie, der Herrschaft großer transnationeler Konzerne, Unternehmen Macht auf den Gesetzgeber ausüben, so dass viele Gesetze nicht im Sinne des Volkes, sondern im Sinne des Unternehmensgewinns sind. Die Frage, wie das Volk seine Macht zurückgewinnen kann, geht allerdings über die Frage des Umweltschutzes hinaus.

Was also tun?

Was ist zu tun, um konservativen Umweltschutz voranzubringen? Erstens müssen den Bürgern rechtliche Mittel zur Verfügung gestellt werden bzw. sie sind auf solche Mittel hinzuweisen. Zweitens gilt es die Ökophilie zu entwickeln, d.h. Heimatliebe oder das “Heimatsgefühl”, wie Scruton aus der deutschen Romantik zitiert. Ein Bewusstsein ist zu schaffen, dass die Bürger selbst Einfluss auf ihre Lebensumstände nehmen können. Der überstaatliche Regulierungsansatz steht dem entgegen und führt dazu, dass sich der Bürger nicht als lokal verwurzelt, sondern als hilflos ausgeliefert wahrnimmt. Die bequeme Verantwortlichkeitsabgabe, im Wissen, dass sich andere um diese Probleme kümmern sollen. Da fällt es leicht, die Augen zu verschließen und selbst keine Verantwortung zu übernehmen. Die Besteuerung ist der moderne Ablasshandel für das schlechte Gewissen dieser Leute.

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Dennoch erkennt Scruton an, dass es globale Umweltprobleme gibt, in Bezug auf Ressourcen wie Luft und die Meere, die nicht privat verteidigt werden können. Auch beim Thema Erderwärmung glaubt Scruton nicht an die Wirkung internationaler Verträge, sondern es gelte die Abhängigkeit von verschmutzenden Energieträgern zu überwinden. Öffentliche Gelder sollten verwendet werden, um die Nutzung sauberer Energieträger zu entwickeln. Scruton reiht sich weder in die Reihen der Verfechter noch der Gegner der Theorie vom menschengemachten Klimawandel ein, sondern benennt das Problem, dass die Wissenschaft politisiert und damit in den Augen vieler unglaubwürdig geworden sei. Eine unparteiische Betrachtung des Klimawandels ist eine Gratwanderung für Scruton, da viele Konservative eindeutig dagegen Stellung beziehen.

Bemerkenswert ist Scrutons Sicht auf die liberale Idee des Gesellschaftsvertrags, wonach die beteiligten Menschen sich einigen, wie mit einer Ressource zu verfahren sei. Scruton erkennt, dass dieser Vertrag die Lebenden gegenüber den Toten und den Ungeborenen privilegiert. Sowohl die Verantwortung für die Zukunft als auch der Respekt gegenüber der Leistung früherer Generationen wird außer Acht gelassen. Ein nachhaltiger Ansatz ist konservativ: Er erkennt den Wert des Vergangenen und der Leistung früherer Generationen an und bezieht die Interessen derer ein, die nach uns kommen.

Man kann Scruton als einen Verfechter des Subsidiaritätsprinzips sehen: Auf lokaler Ebene sollte geregelt, werden, was dort effektiv geregelt werden kann; im nächsten Schritt auf nationaler Ebene und schließlich für manche Angelegenheiten mit internationalen Verträgen. Damit stellt er sich gegen die EU-Bürokratie, die in unverantwortlicher und ineffektiver Weise versucht, in die kleinsten Dinge hineinzuregieren.

Roger Scruton ist ein unabhängiger Denker auf der Grundlage des Konservatismus, Libertarismus und Patriotismus. Er wirkt frei von Dünkel, wenn er seine umsichtigen Betrachtungen darlegt und uns rät, wie wir einen nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen, der Schöpfung allgemein und unserer gewachsenen kulturellen Umgebung pflegen können. Wir haben unsere Heimat vor uns und um uns. Machen wir das Beste daraus und erweisen wir uns ihrer als würdig.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf younggerman.com

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3 Kommentare

  1. Hervorragender Artikel ! Ich hätte an alle Philosophen oder Soziologen die große Bitte über eine Gesellschaft mit einem Null-Wachstum sowohl von der Bevölkerungsgröße als auch dem Wirtschaftswachstum nachzudenken. Nur so sehe ich einen Weg die Natur in ihrer bisherigen Form zu retten. Alles andere wären nur Tropfen auf einem heißen Stein.

  2. Der Unterschied zu den Linken und Grünen besteht darin, sie wollen das durch Verbote und Bevormundung erreichen.

    • Für die Grünen ist „Umweltschutz“ nur ein Vorwand, um ihren fatalen One-World-Kommunismus voranzutreiben. In Wirklichkeit sind die grünen Vielflieger und Menschenschlepper die größten Umweltzerstörer.

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