SPD: Kevin und der Demokratiewagen

Max Erdinger

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Denken, ohne nachzudenken: Kevin Kühnert (Foto: Imago)

Die SPD krankt bekanntlich im Esoteriker-Vereinsheim vor sich hin. Vom deprimierenden Siechtum die Augenlider ganz schwer, linsen die altroten Sektenmitglieder auf die mißglückte Statue ihres ehemaligen Vorsitzenden Willy Brandt, der ihnen einst vorausgegangen war, und den sie todsicher bald einholen werden. Wenn es erst einmal so weit ist, dann ist Juso-Chef Kevin allein zu Haus. Der arme Junge.

Kevin Kühnert, seines Zeichens ungelernter Juso-Chef, steht voll auf die Umverteilung. Umverteilung ist, wenn man etwas von hier wegnimmt, um es dort hinzulegen. Dieser Tage ist Kevin fleißig gewesen und hat Verantwortung umverteilt. Begünstigte war dieses Mal die CDU. Sie hat von Kevin Mitverantwortung zugeteilt bekommen an einer von Kevin fälschlicherweise so interpretierten Geschichtsklitterung der AfD bei den Landtagswahlkämpfen in den östlichen Bundesländern. Der brandenburgische Landesverband der AfD hatte den Säulenheiligen der Internationalsozialisten, den verstorbenen Willy Brandt, für seine Zwecke „reanimiert“. Wie die Brandenburger das geschafft haben, obwohl sie es besser hätten bleiben lassen sollen? – Das ging so: Die AFD kidnappte Willy Brandts legendäres Zitat, durch welches der frischgebackene Bundeskanzler nach der Wahl der ersten sozialliberalen Nachkriegskoalition im Jahre 1969 zu zweifelhaftem Ruhm gekommen war. Brandt hatte die damals noch unter Nazischock stehende „Gesellschaft“ mit der kessen Forderung aufgeschreckt, sie solle „mehr Demokratie wagen“.

Wie schlimm so ein Nazischock ist, wurde bereits damals deutlich, weil niemand aufgestanden ist, um Brandt zu korrigieren. „Mehr Demokratie“ gibt es nämlich nicht. Es gibt nur Demokratie oder es gibt keine. Das ist aber damals niemandem aufgefallen. Wahrscheinlich haben damals alle – immer noch oder schon wieder – die Demokratie für ein gefährliches Wagnis gehalten, und den forschen Willy für einen tolldreisten Tausendsassa. Unter „mehr Demokratiewagen“ dürften sich die Argloseren unter den Schockierten eine Erhöhung der Produktion im Volkswagenwerk vorgestellt haben, so daß sie den frischgebackenen Sozenkanzler anno dunnemals womöglich nicht richtig verstanden hatten.

Jedenfalls ist es nicht klug von der brandenburgischen AfD, eine unkluge Forderung nur deswegen zu adaptieren, weil sie dadurch – zutreffend erkannt –  die Internationalsozialisten bei der SPD auf die höchsten Palmen treiben kann. Davon wird Willy Brandts legendäre Forderung nämlich auch nicht sinnvoll. Man klaut ja auch dem Esel das Futter nicht, nur, damit er sich ärgert. Es sei denn, man würde zum Abendessen gern Eselsfutter auf dem Tisch haben. Gebe der Herr, daß bei der brandenburgischen AfD niemand der Ansicht sein möge, in der Forderung „mehr Demokratie wagen“ stecke irgendein sinnvoller Inhalt. Erstens gibt es „mehr oder weniger Demokratie“ nicht, und da, wo es Demokratie gibt, ist „Wagnis“ nicht dasjenige Substantiv, das geeignet wäre, sie positiv zu konnotieren. Positiv konnotiert werden sollte sie aber doch wohl, die herbeigesehnte Demokratie, auch in Brandenburg.

Hier kommt Kevin

Hoch oben in der Palmenkrone sitzend, hat nun Juso-Chef Kevin Kühnert einen Gastbeitrag für das Handelsblatt verfaßt, in welchem er Verantwortung für das Kidnapping des SPD-Säulenheiligen durch die übermächtige Politkonkurrenz in blau umverteilt.   „180-Grad-Verdrehungen deutscher Geschichte sind auch deshalb möglich, weil bis weit in die Union hinein ähnliche Mythen gepflegt werden und zu oft unwidersprochen bleiben„, schüttelte er sich einen von der Palme, mitten hinein ins Handelsblatt. Was aber meinte er mit den Mythen, den von ihm bemühten?

Genosse Kevin nannte ein Beispiel:  Den Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen. Der gräßliche Geschichtsklitterer Maaßen hatte bekanntlich die „Neue Züricher Zeitung“ als das Westfernsehen von heute bezeichnet – und damit insinuiert, daß die buntesdeutschen Vielfaltsmedien mehr an die „Aktuelle Kamera“ der DDR und an Karl-Eduard von Schnitzlers „Schwarzen Kanal“ erinnern. Herr von Schnitzler hatte in der Deutschen Demokratischen Republik von den „Demokraten“  den volkstümlichen Namen „Sudel-Ede“ erhalten. Man müßte sich nicht wundern, wenn aus der SPD heraus demnächst von einem Chor aus altersschwachen, zittrigen Stimmchen die Forderung erhoben werden würde, daß wir „höhere Palmen wagen“ sollen. Die werden wohl nötig sein, denn Maaßen hatte noch einen draufgesetzt, als er mit Blick auf denkbar gewordene Linkskoalitionen bemerkte:  „Wir haben ein für alle Mal genug von diesen sozialistischen Menschenexperimenten auf deutschem Boden.

Juso-Chef Kühnert empörte sich wahrscheionlich deswegen, weil Empörung so ziemlich das einzige ist, was er und seinesgleichen noch aus dem Effeff beherrschen: „Demokratische Parteien und freie Presse? Für Maaßen und die AfD riecht das stattdessen alles nach DDR und belohnt wird er mit Einladungen von zahlreichen CDU-Kandidaten.“ – dammich, sowas aber auch. Als ob es darauf ankäme, wie etwas für jemanden riecht, und nicht darauf, wie es riecht. Wenn es nur darauf ankäme, wie diese degenerierte Republik inzwischen für Maaßen und die AfD riecht, könnte Kevin auf der Palme schließlich beruhigt seinen Mund halten. Es geht ihn nichts an, wie etwas für jemanden riecht. Man muß schon Genosse mit einem gehörigen Quäntchen Stalinistenblut in den Adern sein, um jemandem vorzuwerfen, daß etwas für ihn eine eindeutig zu benennende Gestanksnote hat. Tatsächlich ist es so: Die SPD befindet sich im politischen Siechenhaus, weil wahnsinnig viele Wähler genau das riechen, was auch Hans-Georg Maaßen riecht. Nur wahrhaben er das nicht, der Palmenkevin. Das wäre ja auch das letzte: Sich eingestehen zu müssen, daß man Juso-Vorsitzender in einer Dödel-Partei ist. Solches verhüte die Verantwortungsumverteilung.

Aber der Junggenosse kann Umverteilung noch besser. Durch die Kaperung von Brandts Parole „Mehr Demokratie wagen!“ appelliere die Partei nicht nur an ein „legitimes Gefühl“, womit er natürlich einräumt, daß er glaubt, es gebe auch illegtime Gefühle. Zwar sei richtig, so Kevin auf der Palme, daß in der Bundesrepublik des Jahres 2019 „wahrlich nicht alles rosig läuft“, aber die AfD wolle die Geschichte umdeuten, indem sie die Bundesrepublik zum diktatorischen Unrechtsstaat erklärt, in einen Staat also, in dem man seine Meinung nicht offen sagen kann und wo Demokratie nur eine leere Worthülse ist.

Dazu Folgendes: Wenn in Deutschland etwas rosig läuft, dann ist es Kevin, der an einer Kamera vorbeischnürt. Der junge Mann scheint sich schon lange auf seiner Palme aufzuhalten, so wenig, wie er von den inzwischen herrschenden Zuständen auf dem Boden der Tatsachen mitbekommen zu haben scheint.  Jedenfalls: Diese AfD und dieser Maaßen, was die betrieben, das sei alles „infam, gefährlich, und in dieser Aufmachung auch zutiefst geschichtsklitternd„. Es dürfen Wetten darüber abgeschlossen werden, ob der rote Kevin weiß, wie sich das Wort „Geschichte“ überhaupt schreibt. Was Geschichtsklitterung ist, weiß er offensichtlich schon einmal nicht. (Quelle: dts)

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19 Kommentare

  1. Solange die Altparteien insistieren, dass „ihre“ Demokratie die einzig wahre wäre, solange kann man sicherlich auch davon sprechen, mehr Demokratie zu wagen. Denn es scheint ja mehrere Stiufen von Freiheitsgraden zu geben, die diese verschiedenen „Demokratien“ unterscheiden.

    Was den Wahlkampfslogan der AfD angeht, so halte ich diesen sogar für sehr klug. Waren es nicht SPD-Genossen wie seinerzeit noch Oskar Lafontaine und andere SPD-Promis, die gegen die Wiedervereinigung waren?

    Durch ihre geschichtsvergessene Replik:

    „Wir wollten die Freiheit!
    Wir haben dafür gekämpft!
    Sorge dafür, dass sie bleibt!“

    hat sich die SPD bei den Ossis völlig unglaubwürdig gemacht, vom aktuellen rotrotgrünen Saustall in Brandenburg und Berlin einmal abgesehen.

    Die AfD kann jetzt aus diesem SPD-Dreizeiler einen Vierzeiler machen:

    DESHALB wähle AfD!

  2. Würde man einen IQ – oder Eignungstest in den Parlamenten durchführen, wären auf Anhieb massenhaft Stühle frei.

  3. „Ich finde es nicht richtig, dass man immer die Sorgen und Nöte der Bevölkerung ernst nehmen muss“. Aussage einer SPD Politikerin im ZDF. Mehr muss man nicht wissen.

  4. Da sitzt er…. Der KEVIN…. In bedeutsamer „Denkerpose“….

    Na ja, vom „Call-Center-Agent“ (was verkaufte er? „Klassenlotterie“? „Wein“? „Telekom“? …
    Und nervte andere Menschen, die seinen „Anruf“ als so ziemlich laestig empfanden ?)
    zum „Polititkacker“…

    Was hat dieser Typ eigentlich beruflich erlernt?
    OOOOPS…. Nichts?
    Wie geht DAS denn?

    Und will nun in die „Grosse Politik“?
    Anderen Menschen, die eine Schulausbildung, eine BERUFS-Ausbildung, ja sogar ein abgeschlossenes STUDIUM inne haben, erzaehlen, was man zu denken und wie man zu handeln hat???

    Oh…

    „Nein! DOCH ! OHHHHH! “

    (frei nach Louis de Funes)

    https://media3.giphy.com/media/YOkrK8agZLEk2cXeLi/giphy.gif

  5. Es müsste heißen „Demokratie wagen!‘. Das wäre was neues und für unsere Politiker durchaus was neues und riskantes.

    • Diese laufende missbräuchliche Anmaßung, die heutigen Führungskasper der SPD wären die Erben der großen Alten, kann gar nicht deutlich genug herausgestellt werden.
      Die Alten (Brandt, Schmidt, Wehner) hätten diese Flachpfeifen vermutlich aus der Partei gejagt.

  6. Dieser Kevin hätte in der Ära Willy Brandt
    es noch nicht einmal zum Ortvorsitzenden
    gebracht. Heute reicht für eine bundespolitische
    Karriere bereits das politische Gewicht eines
    Schülersprechers einer NRW-Gesamtschule.

  7. Zitat aus dem Artikel: >>„Mehr Demokratie“ gibt es nämlich nicht. Es gibt nur Demokratie oder es gibt keine.<<
    Das ist falsch.
    Wir hatten in den 1990er und den Nullerjahren mehr Demokratie als jetzt.
    Inzwischen gibt es wachsende Demokratiedefizite, die sich unter anderem im ständigen AfD-Bashing der Altparteien äußert.
    Die sagen ganz frech, jede Stimme für die AfD ist verschwendet, da mit denen niemand zusammenarbeiten wird.
    Soweit, so undemokratisch.
    Von daher ist die Forderung "mehr Demokratie wagen" durchaus berechtigt.

    • Nein. Es gibt Demokratie oder es gibt keine. Wir hatten auch in den Nullerjahren nicht „mehr Demokratie“, sondern weniger Bevormundung.

    • Daher muß die AfD so stark gemacht werden, daß sie die versumpften und zerstörerischen Kräfte der Altparteien nicht braucht mit denen ohnehin kein Staat zu machen ist. Am besten wäre eine völlig erneuerte Parteienlandschaft was leider unrealistisch ist.

  8. Die Grünen sind noch schlimmer als die SPD, weil sie Krypto-Marxisten sind. Daher scheint es auch keiner zu merken und viele Wähler laufen von roten Sozialisten zu grünen Sozialisten über.

  9. Dass diese Nachtjacke sich einen von der Palme schüttelt glaube ich jederzeit.
    Ich will das/den nicht sehen!

  10. Kevin Kühnert ist das Ergebnis der Merkelschen Bildungsrepublik
    und dem Umstand dass Geschichte immer von den Siegern
    geschrieben wurde und wird.
    Ein Reset ohne Parteien wagen wäre ein wichtiger Impuls in die
    richtige Richtung.

  11. Kevin ist kein Name, Kevin ist eine Diagnose…
    Und dieser Kevin ist nicht nur der Juso-Vorsitzende einer Dödelpartei, sondern es ist auch die Alte Tante eine Dödelpartei geworden, weil sie Typen wie diesen Kevin als Juso-Vorsitzenden akzeptiert. Das befruchtet sich gegenseitig.
    Obwohl, Kevin und befruchten… Gott behüte!

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