Paradox: Zivilreligiöse Atheisten

Max Erdinger

Burning down the evangelische Gemeindehaus - Symbolfoto: Von Video Render/Shutterstock

Meinereiner hat sich heute sehr über einen Atheisten geärgert. Nicht, weil er Atheist ist, sondern weil er missionieren wollte. Sein Atheismus ist ihm ein zivilreligiöser Glaube, welchem er inbrünstig anhängt, ohne daß er´s bemerken würde. Möglicherweise ist ein derartiger Mangel an Reflexionsvermögen auch einer weitverbreiteten Diskriminierung geschuldet. Viele Menschen in unserer menschlichen Gesellschaft sind Verstandesbenachteiligte. Das ist so traurig, daß ich hier als „tröstenden Notnagel in größter Verzweiflung“ einen Text an die Atheisten hinterlasse, auf den sie zurückgreifen können, wenn sie fürchten, im nächsten Moment gar überzuschnappen.

Alle Atheisten mal herhören, Augen geradeaus!

1. Euer Verstand kann Fragen stellen, die er sich selbst nicht beantworten kann. Die sog. Sinnfragen z.B.: Warum bin ich hier? Wieso bin im Verhältnis zum Universum so furchtbar klein auf einem in wenigen Jahrmilliarden vergehenden Planeten und seinem Klima? Was soll das alles? Warum bin ich zur Welt gekommen, wenn ich doch sowieso wieder sterben muß? Hätt´ ich ja gleich totbleiben können. Ist Totsein überhaupt Sein oder Nichtsein – und wenn Nichtsein, warum wäre der Tod dann etwas anderes als „ungeboren sein“? Ist nichts, oder ist nichts nicht? Wenn nichts nicht ist, – warum würde man darüber reden wollen? – usw.usf.

2. Sämtliche das 20. Jahrhundert prägenden Ideologien waren ausgesprochen atheistischer Natur. Fast möchte man von einem Wissenschafts- und Fortschrittsglauben reden, der sich da verselbständigt hat. Die Leichenberge, die allein die Ideologen des 20. Jahrhunderts hinterlassen haben, sind in einem einzigen Jahrhundert um ein Vielfaches höher, als eine 2000 Jahre alte Christenheit auf ihrem religiösen Kerbholz einzukerben hätte.

3. „Der Glaube“ ist out. Religionsphilosophie ist in. Nicht, was Religion verkündet, ist Gegenstand der Betrachtung, sondern ihre grundsätzliche Bedeutung als Religion. Ein sehr sympathischer Zug an der katholischen Glaubenslehre ist das Wissen um das Scheitern des Verstandes, welches Vergebung verdient hat, etwa dann, wenn der Geist wieder einmal schwächer als das Fleisch willig gewesen ist. Der Herr hat uns eben so erschaffen. Wird schon wissen, was er sich dabei gedacht hat, soweit „denken“ in die Kategorie „göttlich“ fällt. Scheitern darfst du, du sollst lediglich nicht. Unverzeihlich wäre allein der Versuch, sich vom Idealbild des Christenmenschen zu entfernen. Scheitern ist kein Problem. Dafür gibt es die Vergebung, ein paar Gebete – und alles in allem entspricht das doch sehr der Natur des entspannten Christenmenschen im Angesichte seiner eigenen Vergänglichkeit.

Außerdem gibt es auch noch das Jüngste Gericht – und so gesehen, braucht man es mit der irdischen Gerechtigkeit nicht zu übertreiben. Die finale Grenzkontrolle vor dem Himmelreich steht auf jeden Fall.

Nicht so entspannt geht es hingegen bei atheistischen Ideologen zu. Hier folgt Strafe instantly auf dem irdischen Fuß. Justice Now. Um jeden Preis. Und es gibt immer jemanden, der genau weiß, wie die derzeitige Justice-Mode daherzukommen hat.

4. Atheistische Selbstwahrnehmung ist bemerkenswert oft von einer Attitüde begleitet, die ihren Ausdruck in verächtlichen Formulierungen für die Gläubigen findet. Da wird eine Kirche schnell einmal zu einem „Glückstempel“. So kommt er daher, der zivilreligiöse Glaube an die Überlegenheit des jeweils eigenen Verstandes. Seinen Verstand möchte ich mir von einem Atheisten einmal als seinen „Glückstempel“ porträtieren lassen. Ich würde mich kugeln vor lachen.

5. Aus den Punkten 1 – 4 ergibt sich also Folgendes: Atheistische Überlegenheitsgefühle im zivilreligiösen Glauben an die unendliche Überlegenheit der grauen Zellen verführen zu solchen Albernheiten wie dem Fahrradhelmchen. Mit einem Fahrradhelmchen läßt sich rein verstandesmäßig dem Schicksal ein Schnippchen schlagen. Da kann man mal sehen. Als ob das an allen tödlich lauernden Gefahren des Lebens etwas Wesentliches ändern würde. Du stirbst vielleicht nicht, wenn du auf den Kopf gefallen bist, aber dem besoffenen LKW-Fahrer 200 Meter hinter dir ist das völlig wurscht. Und der verirrten Kugel eines triebjagenden Waldmeisters ebenfalls. Der übermüdete Alki fährt dir eben mitten über den Brustkorb. Hinterher siehst du am Kopf noch ganz gut aus. Was für eine Verstandesleistung. Radfahren lernen wäre es gewesen. Oder autofahren. Aber nur mit Gurt. Damit man die finale Fischvergiftung noch mitbekommt bei unterhaltsamen Bauchkrämpfen.

6. Conclusio: Der zivilreligiös-interne Sprung in der Schüssel des Atheisten ist um kein Stück kleiner, als der, über den er sich bei externreligiösen Gläubigen lustig machen zu müssen glaubt.

Der Glaube an „kein Glaube“ ist selbst ein Glauben. Alles in allem zieht meinereiner die Gelassenheit im katholischen Glauben jener albernen Hektik um den „Diktator Verstand“ vor, die immer dann entsteht, wenn möglichst prompt die irdische Gerechtigkeit walten soll, die freilich allzu oft eine Selbstgerechtigkeit ist. Und Wahnsinn ist es, was der Mensch sich alles ausdenken kann – um dann auch noch Rechtfertigungen dafür zu finden. Ein atheistischer Massenmörder des 20. Jahrhunderts z.B. war dazu in der Lage, sich auszudenken, daß es richtig sein könnte, Untergebenen in einer Lobrede zu bescheinigen, sie seien anständig geblieben, als sie Tausende erschossen haben. Bei soviel Verstand muß der Gläubige einfach vor dem Atheisten kapitulieren. – NICHT.

Haben wir das jetzt verstanden? – Gut, dann … äh … „rührt euch!“ – Ja, ja, schon gut, nichts zu danken …

Loading...

6 Kommentare

  1. Ich bin Atheist und habe noch nie versucht Andere zu missionieren. Ein Bekannter von mir ist Baptisten-Pastor und wir diskutieren zwar oft, aber nur wenn er mich missionieren will.
    Gegen etwas wehre ich mich aber vehement, dass der Atheismus fuer Kriege und Tote verantwortlich gemacht wird!
    So einen Schwachsinn habe ich noch nie gehoert.
    Bei fast allen kriegerischen Ereignissen, zumindest nach dem 2. WK waren Religionen beteiligt, vorneweg der Islam und was das Christentum in der Vergangenheit angerichtet hat muss ich sicherlich nicht aufzaehlen, aber den immer noch weitverbreiteten Judenhass, nicht nur unter Moslems, muss ich doch erwaehnen und der kommt sicher nicht von Atheisten!!

  2. In diesem Jahrhundert sind es wohl eher die Nicht-Atheisten, die Massenmorde begehen. Der Islamismus ist das beste Beispiel. Und wo bei den Christen angesichts ihrer ziemlich brutalen Geschichte eine moralische Überlegenheit herkommen soll, ist mir ein Rätsel.😈

  3. Meiner Ansicht nach liegt hinter dem Missionieren die Unfähigkeit, mit seiner Haltung allein zu sein. Viele Menschen fühlen sich unbehaglich, wenn sie mit ihren Einschätzungen alleine dastehen und sie versuchen, Zustimmung von anderen zu erlangen. Man kann dann regelrecht beobachten, wie das Gefühl der Unbehaglichkeit zunimmt, wenn man diese Zustimmung verweigert, weil die Leute erkennen, dass sie noch immer mit ihrer Einschätzung allein sind.

  4. Meinereiner speichert sonst gelungene Kolumnen und Kommentare von Herrn Erdinger als PDF ab aber was er sich hier abgequält hat läßt mich ratlos zurück. Ich kenne keinen Atheisten der auf Gläubige herab schaut oder ihnen mangelnd Intellegenz wegen ihres Glaubens unterstellt. Nun könnte ich ihre „Argumentation“ Punkt für Punkt zerpflücken aber das würde hier zu weit führen stattdessen empfehle ich das Buch „Der Gotteswahn“ von Richard Dawkins. Es stimmt, ich glaube an keinen Gott oder Götter obwohl mir die Griechischen sehr sympatisch sind. Oder auch die Heidnischen besonders liebe ich die Riten der Heiden Sommersonnenwende, Wintersonnenwende, erdzugewandt usw. Ich muss nicht an die unbefleckte Empfängnis glauben kann mich aber mit der Bergpredigt identifizieren genau wie die 10 Gebote, die für jeden Menschen dieser Erde Gebot und Gesetz sein sollten.
    Ich kann mit meinem „Sprung in der Schüssel“ gut leben, vielleicht viel besser als Menschen die dauernd Angst haben vor ihrem Gott und dem jüngsten Gericht mit seiner Hölle.
    Nachtrag, ich mache mich nie über Gläubige lustig weil es mir egal ist außer beim Islam aber der ist eher eine Idiologie als eine Religion. Zwei Dinge am Glauben stören mich 1. dass man mir einreden will es gäbe eine Hölle mit ewiger Pein und 2. das ewige Leben im Paradies. Ich weiß gar nicht welches schrecklicher ist! Wäre ewiges Leben nicht genauso schrecklich wie ewige Pein?

  5. Beim Lesen – auch – solcher Texte erfreue ich mich doch immer wieder ganz entspannt meiner agnostischen Grundeinstellung. Alles kann – nichts muss.

    Ansonsten kann man es natürlich auch mit Monty Python halten:

  6. Ein weiterer Punkt der für den Glauben spricht, ist die Frage:warum seit nunmehr 14 Jahren eine Kanzlerdarstellerin mitsamt ihrer Entourage herumstümpern darf, ohne etwas auch nur im Ansatz Anständiges auf den Weg zu bringen,nicht schon längst zum Teufel gejagt wurde.Daran scheitert mein Verstand.Mit dem Glauben wird es vielleicht erträglicher.

Kommentare sind deaktiviert.