1965 hielten viele Ägypter in Kairo eine “Islamisierung” für absurd und ausgeschlossen

Gastbeitrag von “Thiele”, Ostberliner  – schon zu alt, um sich zu sehr Sorgen zu machen.

Einige ehemalige DDR-Bürger werden sich vielleicht noch dunkel daran erinnern, dass Ägypten in den 60er und 70er Jahren noch ein sozialistisches Bruderland war oder zumindest so von der SED behandelt wurde. 1965 weilte ich mit einigen deutschen Kollegen in Kairo. Wenn Sie dort einen Stromverteilerkasten sehen, könnte es sein, dass ich daran einmal gearbeitet habe.

Gamal Abdel Nasser, der breite Kämpfer vom Nil, (was für ein Staatsmann!) war damals Präsident des Staates und ich kann mich entsinnen, wie beliebt er zu dieser Zeit noch war. Das war noch vor dem Sechstagekrieg und der ägyptischen Niederlage, die er innenpolitisch nicht unbeschadet überstehen würde.

Nasser steht für mich symbolisch für den Zeitgeist der 60er in Kairo. Er war moderner als seine politischen Gegner, empfand große Sympathie für die Deutschen, weil diese sich gegen Großbritannien aufgelehnt hatten und er war säkular. Er hielt nichts von Kopftüchern und dem Islam, biederte sich nur in der Öffentlichkeit hin und wieder mit Lippenbekenntnissen an. Er war ein Kulturmoslem. Das entsprach dem Lebensgefühl der meisten Stadtbewohner in Kairo, das damals begann unglaublichen Zuzug vom Land zu erleben. Die Stadt wuchs unaufhörlich, was man in Zeitraffer beobachten konnte. Jeden Tag saßen wir beim süßen Kaffee und Gebäck und konnten in unseren Mittagspausen beobachten wie unzählige Massen an jungen Männern und Frauen mit angestaubter Kleidung auf der Suche nach Arbeit durch die Straßen zogen. Landflucht in die Großstadt, die ein üppiges und zivilisiertes Bürgertum hervorgebracht hatte.

Soldaten der ägyptischen Armee waren zu dieser Zeit gern gesehene Gäste jedem Lokal oder Diskothek, die wir ebenfalls besuchten. Bauchtanz, orientalische Erotik, Alkohol in rauen Mengen und viel Sex gehörten dazu. Kairo war eine weltoffene und moderne Stadt – vom Islam hat in meinen Monaten dort kaum jemand ernsthaft gesprochen. Der Sozialismus oder eher ein (nationaler) Sozialismus waren beliebt! Die Ägypter orientierten sich am für sie Westen, denn sie zählten die DDR und die sozialistischen Staaten zum kulturellen Westen.

Noch im Herbst 1965 verließ Ich das Land und kehrte erst 2014, kurz vor unserer Flüchtlingskrise und kurz nach dem Sturz der alten Diktatur zurück.

Weder die Cafés noch die Diskotheken von früher sind mehr dort, wo Ich sie in Erinnerung hatte. Kairo ist unglaublich gewachsen, die Stadt hat sich wie ein Wurzelwerk im Grund in alle Richtungen ausgebreitet. Aber man muss Scheuklappen auf den Augen haben, wenn man heute nicht erkennt, dass der Sozialismus oder Westen keine große Rolle mehr im Leben der Leute spielen. Verschleierte Frauen sind die Regel, nicht die Ausnahme. Mädchen mit luftigen Kleidern und offenem Haar gibt es immer noch, aber viel seltener. Und der Bart, ja ein richtig islamischer Vollbart ist in Mode gekommen. Vorbei die Zeiten, wo sich Männer höchstens einen modischen Schnauzer haben stehen lassen! Traditionelle Kluften der Muslime von Saudi-Arabien haben die ägyptischen Trachten, die man bei einigen Frauen und Männern früher sehen konnte, längst verdrängt. Ich nenne das die Saudi-Arabisierung Ägyptens!

Mit meinen ägyptischen Arbeitskollegen von früher habe ich keinen Kontakt mehr. Aber sie hätten mich wohl damals als atheistische Sozialisten für verrückt erklärt, wenn Ich ihnen erzählt hätte, dass der Islam in wenigen Jahrzehnten eine Rückkehr aus der Gruft der Geschichte schaffen und ihr Leben bestimmen würde. Ja, Ich wäre wohl damals ein Verschwörungstheoretiker gewesen.

In DDR war es ein Ding der Unmöglichkeit, am Sozialismus zu zweifeln – dieser würde sich zwangsläufig als das bessere System durchsetzen. Ein Scheitern war ausgeschlossen und nur darüber zu denken hätte einem Unglücklichen die Aufmerksamkeit der Staatssicherheit garantiert. Heute ist klar, dass nur an der Überlebensfähigkeit liberalen Demokratie zu zweifeln einen wenigstens zum Wutbürger macht, auch wenn er diese Demokratie eigentlich nur beschützen will.

1965 erschien eine Islamisierung der ägyptischen Gesellschaft in Kairo absurd und ausgeschlossen. Ein halbes Jahrhundert später regierten die Muslimbrüder, wenn auch nur für eine kurze Zeit. Kulturell dominiert der Islam trotzdem, obwohl ein General wieder das Sagen hat.

Ich denke Sie wissen, worauf ich hier hinaus will.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf younggerman.com

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1 Kommentar

  1. 1965 sah nicht nur Kairo noch sehr westlich aus, sondern auch Teheran und sogar Kabul – kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Und man wird in der Tat nach 50 Jahren sagen: Im Deutschland 1990 gab es nur wenige Kopftücher zu sehen und der Lebensstil war liberal . Werden sich die Leute in 50 Jahren auch nicht mehr vorstellen können…

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