„Hass ist nicht gleich Hass“: Geheuchelte Sprachkritik

Daniel Matissek

Marco Wanderwitz (Foto: Imago)

Der politischen Rechten und den mit ihr sympathisierenden vermaledeiten Populisten wird nonstop eine „enthemmte Sprache“ vorgeworfen, die zu Verrohung und Gewalt führe. Tatsächlich sind die Wortführer dieser Kritik keinen Deut besser.

Wer dieser Tage in Deutschland Politikern quer durch die etablierten Parteien zuhört, muss zu dem Schluss gelangen, Demokratie und Freiheit seien durch ein Trommelfeuer von „Hass“ und „Hetze“ in den Sozialen Medien bedroht, die – natürlich – ausnahmslos von rechts ausgingen. Seit bei „Anne Will“ am Sonntagabend der Generalvorwurf einer „enthemmten Sprache“ erhoben wurde und jeder, der sich ihrer bedient, sogleich haupt- oder mitverantwortlich für Mord und Aufruhr gemacht wurde, gibt es für die Entrüsteten und Selbstgerechten der Republik kein Halten mehr. Walter Lübcke wurde demnach nicht unter noch immer ungeklärten Umständen von einem noch immer nicht überführten Täter ermordet, sondern von rechten Sprachterroristen.

Ohne Frage gab es im Netz jede Menge Spott, Hass und Häme über den erschossenen Kasseler Regierungspräsidenten. Und natürlich ist unangemessener, hetzerischer Sprachgebrauch im Internet ein Dauerproblem. Aber: Es ist kein allein rechtes Problem. Unzählige Seiten linksradikaler, linksautonomer und anarchistischer Gruppierungen fluten das Netz mit nicht minder menschenverachtenden Inhalten, darunter noch ungleich drastischeren und unverhohleneren Mordaufrufen und Bloßstellungen, ohne dass dies eine auch annähernd vergleichbare öffentliche Empörung auf den Plan riefe. Gegen etliche AfD-Bundestagsabgeordnete gab es wiederholt Morddrohungen, etwa gegen Stephan Brandner, der sein Antlitz im Fadenkreuz mit einem expliziten Tötungsaufruf wiederfand. Und als der Bremer Spitzenkandidat Frank Magnitz nach einem hinterhältigen Angriff halbtot im Krankenhaus lag, feierten Linke landauf, landab mit hämischem Zynismus das Bild des Blutüberströmten auf dem Krankenbett. Ähnliches erlebte zuvor der rheinland-pfälzische AfD-Vorsitzende Uwe Junge, nachdem er von linken „Aktivisten“ krankenhausreif geprügelt worden war: Die Täter erhielten tausendfach Gratulationen und Likes. Begeisterte Reaktionen und zustimmende Kommentare finden sich auch regelmäßig unter triumphierend geposteter Fotos abgefackelter Autos, AfD-Parteibüros und Wahlkampfstände. Wo bleibt in all diesen Fällen der Aufschrei der Empörung?

„Enthemmte Sprache“ (Claudia Roth nannte es, leicht variiert, „entgrenzte Sprache“), die zu angeblich „enthemmten Handeln“ führen soll ist allerdings – ebenso wie verfassungsfeindlicher Extremismus – eine Erscheinung, die sich zu beiden Seiten der politischen Mitte finden lässt. Wo aber immer nur auf einer Seite in den Krümeln gesucht wird, während man auf der anderen Seite blind bleibt, da wird irgendwann nur noch mit zweierlei Maß gemessen. Das läßt sich an der einseitig-willkürlichen Praxisnwendung des „Netzdurchsuchungsgesetzes“ ebenso belegen wie bei den dauernden Rufen nach noch schärferer Netzzensur: Inkriminiert wird stets nur die politisch Rechte – respektive jeder, den man mit ihr in einen Topf wirft. Doch was die wachsamen Sprachhüter dem politischen Gegner pausenlos vorwerfen, nutzen sie selbst als Mittel der Debatte: „Hate the Haters“ scheint die Devise zu lauten.

Vor allem im Kampf gegen die AfD ist seit Jahren so etwa jedes verbale Foul erlaubt. Die SPD machte sich im November 2016 über Beatrix von Storchs Nachnamen lustig und ließ sich zu einem geschmacklosen Tier-Vergleich hinreißen. Und im letzten Bundestagswahlkampf wurde Jörg Meuthens „Fratze“ auf Twitter verspottet. Was immer zur Entmenschlichung des politischen Gegners beitragen kann, kann nicht verkehrt sein – ein seit „Stürmer“-Zeiten bewährtes politisches Stilmittel. Als im letzten Herbst der sächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Marco Wanderwitz über Alexander Gauland twitterte: „Ein kranker Mann, zerfressen von Hass und Dummheit“, da war das natürlich auch kein Beispiel für enthemmte Sprache, sondern der Duktus eines wahren Demokraten.

Und auf diesem Niveau geht es auch aktuell weiter. Inzwischen wird bereits jeder, der Walter Lübckes auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle 2015 geäußerte Empfehlung, Kritiker des Regierungskurses könnten „jederzeit auswandern“, irgendwo/irgendwann in den letzten Monaten vor dem Mord zitiert hatte, in die Nähe der geistigen Mittäterschaft gerückt. Ex-Unions-Generalsekretär Peter Tauber etwa griff gestern Erika Steinbach aus diesem Grund mit den unsäglich Worten an: „Du trägst Mitschuld an seinem Tod“ –  wohlgemerkt, wo die Ermittlungen noch völlig am Anfang stehen und außer einem dubiosen Indiz noch nichts auf einen wirklichen rechtsextremen Tathintergrund hindeutet. Zuvor hatte schon Unionschefin Annegret Kramp-Karrenbauer versucht, gleich die gesamte AfD zu einer Mörderbande zu stempeln, die Lübcke auf dem Gewissen hat: „Wer sich vorstellen kann, mit der AfD zusammenzuarbeiten, der soll die Augen schließen und sich vorstellen, wie Walter Lübcke die Waffe an die Schläfe gehalten und abgedrückt wurde“.

Auch die SPD lässt sich sich nicht lumpen. Die Interims-Parteimitvorsitzende Malu Dreyer erklärte salbungsvoll: „Der Feind steht rechts“, und zitierte damit ganz unbescheiden den Zentrum-Reichskanzler Joseph Wirth, der diese Worte nach dem Mord an Walther Rathenau 1922 im Reichstag gesprochen hatte – allerdings zu einer Zeit, als Fememorde und Straßenterror die noch junge Weimarer Republik an den Rand bürgerkriegsähnlicher Zustände gebracht hatten. Doch verglichen mit Weimar sind 12.000 militante Rechtsextreme im Jahr 2019, so widerwärtig ihr Treiben auch ist, eine absolute Randerscheinung; zum Glück. Und Walter Lübcke ist auch nicht Walther Rathenau. Es sind historisch anmaßende Vergleiche wie dieser, die die aktuelle Debatte heute vollends ins Lächerliche ausarten lassen, ebenso wie die unverantwortliche Inflation des Nazi- und Rassistenbegriffs… und wie die geheuchelte Empörung über einen von „Hass“ und „Hetze“ geprägte Sprache, derer man sich ungeniert selbst bedient.

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9 Kommentare

  1. Hass ist nicht, wenn die Berliner Jusos auf ihrem Europa-Wahlplakat mit Baseballschlägern in der Hand abgebildet sind mit dem Slogan: „Nationalismus Eiskalt Abservieren !“

    Hass ist auch nicht, wenn der Ralf Stegner das twittert:
    „Fakt bleibt, man muss Positionen und Personal der Rechtspopulisten attackieren,weil sie gestrig, intolerant, rechtsaußen und gefährlich sind!“ (Also eigentlich wie er selbst)

    Hass kann nicht sein, wenn die oberdümmste Claudia „Deutschland verecke“ skandiert.
    Oder der Habeck behauptet es gäbe kein deutsches Volk, sondern nur Bürger.

    Hass ist auch nicht, wenn Gastwirte, deren Familien und Eigentum bedroht, beschädigt werden, wenn sie der AfD Räumlichkeiten für Versammlungen zur Verfügung stellen.

    Hass ist selbstverständlich nicht, wenn Autoreifen von AfD-Politikern gelockert werden, oder AfD-Politiker zusammengeschlagen werden und das dann medial entweder nur wohlwollend zur Kenntnis genommen wird, oder sogar noch verharmlost wird.

    Hass ist auch nicht, wenn unsere neuen Merkeldeutschen unsere Frauen und Mädchen als Schlampen bezeichnen und sie deshalb massenweise vergewaltigen und töten.

    Echter Hass ist, wenn die vorgegebene Meinung der „Guten Menschen“ in unserer Republik nicht übernommen wird, oder gar man eine gegenteilige eigene Meinung hat. Das ist purer Hass
    Und was Gut oder Hass ist, das bestimmen natürlich die Guten Menschen selbst. Also die Stegners, Taubers, Merkels, Roths usw.

    Also das ganze verkommene hasserfüllte Pack in den Altparteien.

  2. Enthemmte Sprache? Es gibt keine Grenze mehr, wenn es um den Haß auf die Afd und deren Politiker geht. MDB Marco Wanderwitz (CDU) 2018 auf Twitter

    „Ein kranker Mann, zerfressen von Haß und Dummheit. Die Afd und Gauland sind giftiger Abschaum.“

    Johannes Kahrs (SPD) antwortet: „Stimmt-unstrittig“

    Wer hier der Abschaum ist, ist wohl klar.

  3. 12000 millitante Rechtsextremisten? Im Juli 2017 gab es hier den Artikel:

    „Verfassungsschutzbericht: Welche Täter hätten wir denn gern?“

    Zitat:
    „Der Verfassungsschutz scheint nämlich vor dem Problem gestanden zu haben, nicht genügend gewaltbereite Rechtsextremisten auftreiben zu können, weswegen er kurzerhand die Definition für Rechtsextremismus erweitert hat. [….]
    Die Affinität, also die Vorliebe für Waffen, zählt zur „rechtsextremistischen Gefahr“. Schon passt der Lack und die Bundesregierung ist happy.“

    Und wenn man dann noch weiß wie rechte Straftaten zustande kommen wird das alles nur noch unglaubwürdig. Da es für islamischen Rechtsextremismus (Al Quds-Demo) keine Statistik gibt wird er dem deutschen Rechtsextremismus zugerechnet. Auch wenn bei einer Straftat keine Täter ermittelt werden konnten.

    Im Inforadio des RBB sagte Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), dass es in seinem Bundesland hinsichtlich der Erhebung rechtsextremer Straftaten Änderungen gegeben habe. „Bei der Polizei wird jeder Übergriff, bei dem nicht erwiesen ist, dass er keine rechtsextreme Motivation hat, in die Statistik hinein gezählt“, so der SPD-Politiker.

    Alles klar?

  4. Es sind schon vollkommen verdrehte Zeiten. Wer sich mal die Freude macht, alte Bundestagsdebatten aus den 1970er Jahren anzuschauen, wird erstaunt sein, wie die sich damals oft gefetzt haben. Ich erinnere nur an das Dreamteam Wehner/Strauß, die mit Intelligenz, Witz und Esprit glänzten. Die hatten da einfach noch eine Streit- und Debattenkultur, sodass Beleidungen oder persönliche Angriffe kaum vorkamen. Mit heutigen Maßstäben wäre sogar die damalige SPD rechtsradikal gewesen. Von der CSU ganz zu schweigen. Und Franz-Josef Strauß wäre der größte Hassprediger aller Zeiten. Diese Streit- und Debattenkultur ist heute gänzlich abhanden gekommen.

  5. Alles was dem Machterhalt gefährlich werden könnte, wird als Hass und Hetze diffamiert. Letztendlich wird es zu einer nie gekannten Welle der „Liebkoserei“ unter den Angehörigen der Nation kommen, welche jetzt gerade dermaßen verarscht wird, damit wird es zu einer Klärung der Verhältnisse kommen, welche aber auch nicht allzulange anhalten wird…

  6. Der unangemessene, hetzerische Sprachgebrauch im Internet durch Regime-feindliche User ist eine Reaktion der Hilflosigkeit. Die eigentliche Hetze geht von den Mainstream-Medien aus, in denen Andersdenkende in einem Trommelfeuer der Verleumdung herabgewürdigt und entmenschlicht werden.

    Die Gewalt wiederum geht von der Regierung und den Parteien aus, welche die Bevölkerung der unkontrollierten Zuwanderung von 1,5 Millionen meist jungen männlichen Einwanderern aussetzt und die Gewalttätigkeit gegen diese Bevölkerung leugnet oder verharmlost. Die Gewalt geht auch dadurch von der Regierung aus, indem diese das mühsam erarbeitete Volksvermögen nach ihren Interessen leichtfertig umverteilt und dadurch die Bevölkerung mehr und mehr verarmen läßt und ihre sozialen Errungenschaften für andere Zwecke aufbraucht.

  7. Das sind Verschwörungstheorien.
    Wenn die AFD an die Macht kommt, dann wird Demokratie abgeschafft oder Hitler wird auferstehen. Der Ärger des Volkes auf diese Regierung wird als Hassreden bewertet, die angeblich zu Kriminalität führt.
    Eigentlich wäre es für uns besser, wenn wir Zensur bekommen. Dann müssen die Menschen nämlich raus, sich mit Anderen austauschen damit der Ärger irgendwie rauskommt.
    Ich vermute mal, dass Zensur in Internet die Menschen sogar dazu bringen würde noch aktiver zu werden.
    Sollen sie doch ihr Zensur durchsetzen. Der Ärger sitzt sowieso tief und er muß raus.

    • Schlecht, ganz schlecht.
      Es wird/würde nämlich nur ALLES unterbunden was nur nach ‚rääächts‘ riecht.
      Sämtliche Hassorgien der Linken wären natürlich sakrosankt.

  8. Alles was dem Machterhalt gefährlich werden könnte, wird als Hass und Hetze diffamiert. Letztendlich wird es zu einer nie gekannten Welle der „Liebkoserei“ unter den Angehörigen der Nation kommen, welche jetzt gerade dermaßen verarscht wird, damit wird es zu einer Klärung der Verhältnisse kommen, welche aber auch nicht allzulange anhalten wird…

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