Verwirrung & Realitätsverlust: Distanzieren Sie sich gefälligst!

Max Erdinger

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Distanzieren? - Im Leben nicht! - Foto: Imago

Deutschland wird von einer schweren Volkskrankheit heimgesucht: Distanzitis. Hinz & Kunz werden aufgefordert, sich ständig von allem möglichen zu distanzieren, selbst dann, wenn Hinz & Kunz gar nichts mit dem zu tun haben, wovon sie sich distanzieren sollen. Außerdem werden ein paar Nebeneffekte der Distanzitis glatt übersehen.

Analog zur Deutschen Umwelthilfe gibt es in Deutschland so etwas wie die Deutsche Moralhilfe. Die Distanzierung ist so etwas wie die Bußgeldzahlung im moralischen Abmahnwesen. Wer das Bußgeld zahlt, leidet an Distanzitis.

Wovon kann man sich distanzieren?

Distanzieren kann man sich von Aussagen, die man selbst früher einmal getätigt hat, und die man heute für falsch hält. Man kann sich auch von Taten distanzieren, aber immer nur von den eigenen. „Es tut mir leid. Soll nicht wieder vorkommen“, ist z.B. eine schöne und völlig gesunde Distanzierung. Nicht distanzieren kann man sich von Aussagen und Taten Dritter. Was Dritte sagen und tun, ist deren Bier.

Die Distanzierung ist ein Eingeständnis

Wer einer Aufforderung Folge leistet, sich von etwas zu distanzieren, mit dem er gar nichts zu tun hat, der bestätigt damit die Unterstellung, die er a priori zu Unrecht untergeschoben bekommen hat. Er akzeptiert eine Schuld, die er nicht hat, als existent – und distanziert sich mit dem Effekt, seine inexistente Schuld nachträglich einzuräumen. Distanzitis ist eine ganz schön blöde Krankheit.

Die Distanzierung ist eine Ermächtigung

Wer einen Anderen dazu auffordert, sich von etwas zu distanzieren, mit dem er nichts zu tun hat, nimmt automatisch die moralisch höherstehende Position ein. Die wird im unterstellt, da er einen Anderen kaum zur Distanzierung auffordern könnte, hätte er selbst sich nicht unausgesprochen die überlegene Position angemaßt, aus der heraus er das tut. Die Aufforderung, sich zu distanzieren, ist die Aufforderung, sich reumütig von einer niedrigeren Stufe der Moral zu lösen und sich auf die höhere Stufe desjenigen zu begeben, der die Aufforderung ausspricht. Wer einer solchen Aufforderung nachkommt, „rehabilitiert“ nicht etwa in erster Linie  sich selbst, sondern er bestätigt die moralische Eigenermächtigung des Anderen. Mit anderen Worten: Er ist in eine Falle getappt. Experten vermuten daher einen Zusammenhang zwischen einer intellektuellen Immunschwäche und der Infektion mit Distanzitis.

Wohin führt Distanzitis?

In der Sache, um die es dabei jeweils gehen soll, führt sie ins Nichts. Aussagen und Taten Dritter, von denen man sich ungerechtfertigterweise distanzieren soll, werden dadurch nicht ungeschehen gemacht. Von einem Mord, den man selbst nicht begangen hat, kann man sich nicht distanzieren, weil es eine Selbstverständlichkeit ist, daß man Mord nicht gutheißen kann. Die Aufforderung, sich von einem Mord zu distanzieren, ist eine Unverschämtheit. Die Distanzierung von einem Mord, den einer oder mehrere Dritte begangen haben, führt nämlich zu dem Eingeständnis, daß man selbst sich für einen potentiellen Mörder hält und per Distanzierung verspricht, kein tatsächlicher Mörder zu werden.

Wem nützt die Distanzierung?

Die Distanzierung nützt immer nur dem, der sie einfordert. Derjenige kann auch eine Kosten/Nutzenrechnung anstellen hinsichtlich der Frage, was ihm mehr nützt: Daß der Andere seiner Aufforderung zur Distanzierung nachkommt, oder daß er ihm die Möglichkeit einer Distanzierung verweigert. Durch die Verweigerung einer Distanzierungs-Annahme kann der Andere nämlich im Verdacht gehalten werden, was unter Umständen nützlicher ist, als ihm die Distanzierung zu gewähren. Moralischer Sieger ist der Distanzierungsforderer nämlich auch dann, wenn er eine Distanzierung des an Distanzitis Erkrankten nicht annimmt.  Ein unschöner Beleg dafür ist der aktuelle Mordfall Walter Lübcke.

Die hna berichtet, daß es in Kassel Streit gibt wegen der sogenannten „Lübcke-Resolution“. Das ist allein schon deswegen interessant, weil man von einer „Karry-Resolution oder einer „Herrhausen-Resolution“ noch nie etwas gehört hat. Aber einerlei:

Mit einer Resolution will sich die Kasseler Stadtverordnetenversammlung gegen „die hemmungslose rechtsextreme Hetze gegen den verstorbenen Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke“ wenden. Es sei nicht zu akzeptieren, dass Lübcke wegen seiner Äußerungen zur Flüchtlingspolitik „noch im Tode verhöhnt und ein schweres Verbrechen zum Anlass für weitere Drohungen genommen“ werde, heißt es in dem Papier, das die CDU den anderen Fraktionen zur Unterzeichnung vorgelegt hat und zur heutigen Sitzung der Stadtverordneten einbringen will. Und weiter: „Wer Andersdenkenden das Existenzrecht abspricht, stellt sich außerhalb des Gesetzes. Dagegen muss mit allen rechtlichen Mitteln vorgegangen werden.

Weit haben wir es gebracht in unserem schönen Vaterlande, daß selbstverständliche Anstandsregeln per Resolution möglichst publikumswirksam zur Eigenpolitur verfasst werden.

Das ist zwar jetzt nicht der Punkt, aber nebenbei kann man es ja mal erwähnen: Möglicherweise hätte man mit wenigstens einigen – wenn schon nicht mit allen –  rechtlichen Mitteln gegen jemanden vorgehen sollen, der das Aufenthaltsrecht andersdenkender Landsleute in ihrem geliebten Heimatland zur Disposition stellt, wenn sie mit einer gewissen Politik nicht einverstanden sind. Gerade bei Linken und Grünen hätte man angesichts ihrer exzellenten Kenntnisse aller zwölf Jahre der deutschen Geschichte voraussetzen dürfen, daß sie hier stante pede alarmierende historische Parallelen im Zusammenhang mit der Hamburg-Amerika-Linie erkennen. Nicht ganz von der Hand zu weisen ist, daß derjenige, dann, wenn er begütigenden Widerspruch und eine milde Korrektur seitens der Verfassungskonformen aus der Justiz erfahren hätte, heute evtl. noch leben könnte, weil die Rachsucht seines mutmaßlichen Mörders womöglich so weit abgemildert worden wäre, daß er von seiner schrecklichen Tat Abstand genommen hätte. Unter Psychologen ist es ein alter Hut, daß Ohnmachtsgefühle gern in reale Gewalt münden, weswegen man tunlichst niemanden irgendwelchen Ohnmachtsgefühlen aussetzen sollte. Aber wie gesagt – das nur nebenbei.

Die „Lübcke-Resolution“ wollte auch die AfD unterzeichnen, so, wie alle anderen Fraktionen. Von der CDU war sie sogar dazu eingeladen worden. Die AfD würde sie auch jetzt noch mitunterzeichnen. Aber wenn die AfD mitunterzeichnet, dann wird es keine fraktionsübergreifende Resolution geben, denn sowohl Grüne als auch die Linkspartei weigern sich, zusammen mit der AfD auf ein- und demselben Blatt Papier zu unterschreiben. Die AfD soll sich nicht distanzieren dürfen, wenn es den Herrschaften vorteilhaft erscheint, daß sie sich nicht distanziert – und viele andere Male soll sie sich distanzieren, wenn das den Herrschaften dann wieder in ihre Pläne zur moralischen Gratis-Selbsterhöhung paßt. So dumm, sich immer wieder zum Deppen in einem derartig durchsichtigen Spiel zu machen, sollte man wirklich nicht sein.

Als der notorische Sascha Lobo in einem WDR-Interview darauf hingewiesen wurde, daß sich sowohl in der AfD als auch bei den freien Medien weite Kreise ausdrücklichst vom Mord an Walter Lübcke distanziert hatten, tat der das mit sechs Worten ab: „Aus meiner Sicht sind das Posen“. Anders ausgedrückt: Die AfD kann sagen, was sie will. Es wird ihr immer zu ihrem Nachteil ausgelegt.

Distanzitis ist also eine Erkrankung, welche im Gehirn des Patienten die Fähigkeit ausschaltet, eine Zwickmühle schon dann zu erkennen, wenn sie sich noch im Aufbau befindet. Und das alles in einem Land, in dem es immer gerecht und paritätisch zugehen muß. Der AfD sei daher angeraten, auf jede Aufforderung zur Distanzierung entweder nicht – , oder aber mit einer Gegenaufforderung zu reagieren. Was gäbe es nicht alles für schöne Resolutionen in unserem arg geprüften Heimatland, zu deren Unterzeichnung die AfD andere Fraktionen einladen könnte: Die „Schleyer-Resolution“, die „Buback-Resolution“, die „Drenkmann-Resolution“, die „Mao-Resolution“, die „Pol Pot-Resolution“, die „Che Guevara-Resolution“ usw.usf. … – und wie toll und publikumswirksam könnte man sie alle platzen lassen, wenn Grüne und Linke sie mitunterzeichnen wollen.

Und ich schwöre, daß es gerade bei den Grünen Politiker gibt und gegeben hat, die an einer ganzen Vielzahl von Morden sehr viel näher siedeln, als völlig unschuldige AfD-Politiker am Mordfall Lübcke. Die Aufforderung an AfD-Politiker, sich zu distanzieren, resp. ihnen eine Distanzierung zu verweigern, ist dann, wenn das ausgerechnet von Rotgrün kommt, eine einzige Unverschämtheit.

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11 Kommentare

  1. Bei unseren Politikern ist diese Krankheit in Vollendung:

    Sie distanzieren sich manchmal sogar davor, sich in der Vergangenheit distanziert zu haben.

  2. Man kann sich im Grunde nur Distanzieren, wenn man in der selben Gruppe oder Organisation ist. Im Fall Lübke hätte sich daher niemand von AfD oder den freien Medien von einer Tat eines nationalsozialen Braunlinken, bzw. eines Rassendenkenden distanzieren müssen, da unsereins mit diesen Leuten überhaupt nichts am Hut hatte oder hat.

  3. Ach je, leider ziehen sich die Deutschen jeden Schuh an, nur nicht den, an dem sie eine Mitschuld tragen. Sie unterscheiden sich nicht von Merkel, die, wie jeder weiss, verkündete, nachdem fast 2 Mio. Sozialparasiten hier eingefallen sind: „Nun sind sie halt da“. Sie distanziert sich von ihrer Verantwortungslosigkeit, von ihrem Fehler.

  4. Und diese Westentaschenpsychologie. Hätte man den späteren Täter von Geburt an in Watte gepackt hätte man es verhindern können. Die scheiß Gesellschaft ist schuld. Zu der gehörst aber auch du Frau Kramp-Karrenbauer. Warscheinlich hat ihn dein verlogenes Geschwafel so richtig wütend gemacht. Ich fordere Kramp-Karrenbauer den Mund zukleben.

  5. Ich glaube, dass der „NSU“ mit und nach der Ermordung der Uwes konstruiert wurde und ich glaube nicht, dass Kirsten Heisig Suizid gegangen hat, aber ich glaube, dass wir einen „tiefen Staat“ haben. Dank Merkel.

  6. „Wer Andersdenkenden das Existenzrecht abspricht, stellt sich außerhalb des Gesetzes.“

    Na ja, es ist ja nicht so, dass man Andersdenkenden das Existenzrecht in ihrem geliebten Heimatland abspräche:

    „Migration ist in Frankfurt eine Tatsache. Wenn Ihnen das nicht passt, müssen Sie woanders hinziehen.“ – Nargess Eskandari-Grünberg (Bündnis90/Die Grünen) am 05.11.2007

    „… wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist.“ – Dr. Walter Lübke (CDU) am 14.10.2015

    Nein, Andersdenkende müssen nur zum verordneten Glauben konvertieren, dann dürfen sie auch in ihrem geliebten Heimatland weiter existieren.

    Das ist doch im Islam auch nicht anders:

    „… tötet die Ungläubigen, wo immer ihr sie findet, und ergreift sie und belagert sie und lauert ihnen aus jedem Hinterhalt auf. Wenn sie aber bereuen und das Gebet verrichten und die Zakah entrichten, dann gebt ihnen den Weg frei.“ (Sure 9:5)

  7. Cui bono?
    Die Erkrankung an Distanzitis ist das Symptom und zugegeben kann sie nach noch nicht verifizierten Bestätigungen richtig nervig werden! Ursächlich für diese Art von Erkrankung ist nach Meinung möglicherweise eher verschwörungstheoretischer Experten ein Spaltpilz, der durch die Gesellschaft einen unüberbrückbaren Graben zwischen schwarz und weiß oder links und rechts geschaffen hat.
    Meistens ist die Angst vor „Aberkennung der Grundrechte“ ursächlich für eine chronische Distanzitis aber auch andere Ursachen konnten nach den Experten ausgemacht werden.
    Ein schwindender Freundeskreis, wenn man nicht auf dem „Boden der Demokratie“ steht und auch nicht einer Lobhudelei gegenüber Greta und IM Erika frönt. Ironie off!

  8. Am besten man distanziert sich von den Toiletten, mit dem Effekt, später hat man die Hosen voll. Gesunder Menschenverstand und hinterfragen zeigt automatisch die Grenzen auf.

  9. Einen feuchten Dreck ,ich werde mich doch vor diesen unmoralischen Ganoven in Ämtern und Würden,mit kiloweise Schei…am verheucheltem Kadaver nicht zum Kotau nötigen lassen,das ist so lächerlich wie absurd.Schäbige verkommene Demokratiedarsteller(wollen wir mal in Ruhe die Verfehlungen dieser Moralapostel durchgehen?) geben die Lachnummer als höchste moralische Instanz,o Tempora o Mores….

  10. Orwell wird durch die Kartellparteien nur bestätigt:
    “ Wer Andersdenkenden das Existenzrecht abspricht…………“
    schallt es aus Kassel.
    Neusprech vom Feinsten, denn die Hatz gegen alle die für
    Recht und Freiheit stehen nimmt pathologische Züge an.
    Bei den aktuellen Temperaturen halte ich es mit unseren
    südeuropäischen Nachbarn: „Ars vivendi“

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