Die WELT stellt die Welt auf den Kopf: Kirchenbauten als wirtschaftliche Katastrophe

Foto: Von Viacheslav Lopatin/Shutterstock

Paris – „Die Kathedrale von Notre-Dame wird weltweit bewundert. Doch sie stammt aus einer düsteren Zeit. Der französische Kirchenbau der Zeit war grotesk teuer – und könnte das Mittelalter um Jahrhunderte verlängert haben“, textet WELT-Autorin Anne Kunz und tischt dabei einen Unsinn auf, der die gesamte Mittelalter-Geschichte, geschrieben von herausragenden Experten und Kunstkennern, auf den Kopf stellt, wütend macht und als grandioses Machwerk einer „Expertin“ entlarvt, die lediglich ein Volkswirtschaftslehre-Studium nachweisen kann und mutmaßlich von mittelalterlichen Kathedralbauten wenig versteht und wahrscheinlich noch weniger drüber gelesen hat. Mit ihren kruden Thesen, die sie mit drei angelsächsischen Wissenschaftlern zu untermauern versucht, hat sie bei den Lesern einen regelrechten Shitstorm ausgelöst.  

Schon ihre Einleitungssätze treiben einem das Wasser in die Augen: „Paris trauert um sein Wahrzeichen: die weltberühmte Kathedrale Notre-Dame. Doch wofür steht der monumentale Sakralbau wirklich? Fakt ist, dass Notre-Dame aus einer Zeit stammt, in der Hunger, Krankheit und Armut das Leben vieler Europäer prägten.“ In dieser finsteren Zeit, die zwischen 1100 und 1250 liegen soll, seien in Paris und Umgebung 1472 gotische Kirchen errichtet und luxuriös ausgestattet worden. Nicht nur, dass unter den angeblich 1.472 Kirchen, auch kleine Kapellen und Dorfkirchen sind, und die Zahl aller großen Kathedralen in ganz Frankreich auf etwa 100 beschränken muss, auch die Einschätzung der wirtschaftlichen Situation Frankreichs in der Zeit des Mittelalters entbehrt jeder Grundlage. Sie ist schlichtweg falsch. Ab 1100 erlebte Europa, bedingt durch ein besseres Klima, bessere Ernten und eine Revolutionierung der Landwirtschaft, ein enormes Bevölkerungswachstum. Auch die Städte wuchsen. Dies schreiben nicht nur Autoren wie Otto von Borst, sondern bestätigen auch die einsetzende Besiedlung deutscher Bauern östlich der Elbe.

Zusammengefasst heißt es bei WIKIPEDIA: „Beherrschender Wirtschaftszweig war die Landwirtschaft. Bedingt durch ein günstiges Klima und eine im Gegensatz zu den vorherigen Jahrhunderten friedliche Zeit stieg die landwirtschaftliche Produktion an. Die seit dem 8. Jahrhundert bekannte Methode der Dreifelderwirtschaft wurde nun in vielen neuen Territorien angewandt. Neben dieser methodischen Verbesserung fanden auch technische Innovationen, wie der Wendepflug, das Kummet und der Hufbeschlag von Pferden eine weite Verbreitung. Zu diesen ertragssteigernden Faktoren bestehender Flächen kam die Ausweitung der landwirtschaftlichen Flächen durch intensive Rodungstätigkeiten.“

Parallel dazu entwickelte man auch in anderen Wirtschaftszweigen und im Handwerk neue Techniken. Ganz Europa war zu dieser Zeit ein einziges Boomtown, dass sich in Frankreich unter anderem im Bau der Kathedralen niederschlug. Sowohl in Deutschland, wie auch in Frankreich, war mit dem Bau der Großkirchen nicht nur eine Spiritualität, sondern auch unterschiedliche politische Signale verknüpft. In beiden Ländern waren sie das Herz und der Mittelpunkt eines wachsenden Bürgertums, einer im Gegensatz zu islamischen Despotien demokratischen Community. In Frankreich wurden sie darüber hinaus noch zum Wahrzeichen eines von der Ille de France ausgehenden „Nationalstaates“, dessen Bürgerheer in der berühmten Schlacht von Bouvines 1214 ein deutsch-englisch-flanderisches Ritterheer unter Otto IV zum Teufel jagte. Nach diesem Sieg war Frankreich ein selbstbewusster Nationalstaat, dessen gotische Kirchenbauten auch eng mit dem Nationalgefühl der Franzosen verbunden war. Deutschland dagegen war nach dem Tod des letzten Staufers zu einem niedergehenden Flickenteppich aus Ministaaten verdammt, der erst wieder durch den Aufstieg Preußens aus seiner Agonie erwachte.

In wirtschaftlicher Hinsicht waren die Kathedralen wahre Kaderschmieden für Künstler, Techniker, Architekten, Handwerker und Logistiker. Um 130 Meter hohe Türme und 42 Meter hohe Gewölbe und Pfeiler zu bauen, brauchte man Gerüste, Kräne und Aufzüge. Mit Laufrädern wurden gewaltige Steine in schwindelnde Höhen gehievt. Auch der Transport der Steine zu Wasser und zu Land erforderte neue Gerätschaften. Die Abhandlungen über Bauhütten füllen ganze Bibliotheken. Um die Bauplastiken, sprich den Figurenschmuck, immer mehr zu perfektionieren, studierten die Steinmetze antike Vorbilder und wurden somit zu Vorläufern eines Michelangelo und anderen Renaissancekünstlern…

Und was liest man in der WELT? „ …das kostete nicht nur sehr viel Geld: Tausende Arbeitskräfte waren im Einsatz, um die prunkvollen Bauten zu errichten.“ Na und. Auch heute wird Geld ausgegeben. Was ist daran schlimm? Und dann kommen die Experten zu Wort: „So schätzen die Forscher Robert Burton Ekel und Robert Hébert und Robert Tollison, dass zu dieser Zeit etwa neun Prozent der erwachsenen arbeitsfähigen Menschen mit dem Kirchenbau beschäftigt waren.“

Die hätten dann an anderer Stelle gefehlt und dafür gesorgt, dass sich das ohnehin geringe Wirtschaftswachstum in dieser Phase des Mittelalters noch weiter verlangsamte. Und Amy Denning von der Universität in Florida, kommt zu der abenteuerlichen Theorie, „dass durchschnittlich 21,5 Prozent der regionalen Wertschöpfung durch die Bauaktivitäten der Kirche verloren gingen.“ Fazit der Amerikanerin: „Berücksichtigt man die schädlichen Faktoren, die eine solche Fehlallokation von Ressourcen hat, wird deutlich, dass der kirchliche Bauwahn das Mittelalter möglicherweise um Hunderte Jahre verlängert hat“.

Für die Forscher ist laut Anne Kunz damit erwiesen, dass der Kirchenbau einen deutlich negativen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum hatte.

Als Schlusswort kann man hier eigentlich nur noch einen Leser zu Wort kommen lassen, der den Nagel auf den Autorenkopf trifft:

Wieder einmal willkommen in der Welt des Kontra-Faktischen. wird immer mehr zur Mode. Welche realen Alternativen waren denn existent? Wurde eine rasante wirtschaftliche Entwicklung durch „Fehlalllokation“ ausgebremst? Nein! Realistischer ist die Annahme eines Wirtschaftsförderungs-Programms. Dies förderte die Handwerke, Beschäftigung, das architektonische Wissen. Ken Follets Bücher über diese Zeit sind fachlich sehr gut fundierte Romane, sehr gut zu lesen. Welche zahlungsfähigen konkurrierenden Nachfrager auf dem Arbeitsmarkt gab es denn? Straßenbau – mir sind keine überfüllten Straßen zu der Zeit bekannt. Schulen – gab es wohl auch hauptsächlich kirchliche, so es sie denn überhaupt gab. Andere Infrastruktur – welche, Flughäfen, ICE-Strecken? Mir sind keine bekannt. Der Kapitalismus war noch Jahrhunderte entfernt. Ein bisschen Wirtschaftsgeschichte hätte wohl wunder gewirkt. Dieser Aspekt ist wohl im Rahmen Bachelor-Master verloren gegangen, braucht der Ökonom ja schließlich nicht …

Ich fürchte sehr um das Niveau von Wissenschaft.

Diesen Befürchtungen kann man sich nach ausgiebigem Studium französischer und deutscher Kathedralen und vielen Büchern über das Mittelalter und mittelalterliche Kunstgeschichte vorbehaltlos anschließen, angereichert mit dem Alptraum, dass durch mangelhafte Schulbildung tatsächlich in den nächsten Jahrzehnten wertvolles Wissen verloren geht oder sogar vernichtet wird. (KL)

 

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Die Handwerker von damals , hätten in der heutigen Zeit, den Flughafen in Berlin schon dreimal fertig gehabt. Doch was wäre mit den Baumeisternummer damals passiert, hätte die solche Leistungen vollbracht, wie die Verantwortlichen von Berlin heute. Ich denke mal, die würden noch im Hungerturm sitzen.
    Nicht vergessen sollte man, daß solche Bauten auch zur Fortentwicklung in vielen Bereichen führte und vor allem viele Münder ernährten, denn Grüne und Sozis gab es noch nicht, die Fremde für Nichtstun durchfüttern und beherbergen.

  2. Wie heißt es so schön? „Das Geld ist nicht weg, es hat nur jemand anderes!“ Hier ist es genauso, von dem ausgegebenen Geld lebten Handwerkerfamilien und Bauern, die diese wiederum versorgten.
    Und eine solche Trulla nennt sich Volkswirtschaftlerin?

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